Die Vorbildfunktion auf dem Prüfstand

Wenn der Leitwolf nicht mehr als Vorbild taugt

Langohr

Ein Vorbild ist - wirklich bildlich gesprochen - etwas, das man sich vor Augen hält, um ein Modell für das eigene Tun zu haben. Also ein Mensch, der so ist, wie man selber gerne sein möchte. Früher waren das Leute wie z. B. Florence Nightingale für Mädchen und Robin Hood für Jungs. Das hat sich natürlich immer wieder geändert, je nach Zeit und Umwelt.

Lady Gaga oder Justin Bieber sind durchaus vorbildtauglich, und das ist an und für sich nichts Schlimmes. Es gibt außer diesen persönlichen Pinnwänden auch gesellschaftlich verankerte, wie das viele Eltern zu ihrem Leidwesen erfahren. Sie versuchen, ihren Kindern etwas vorzuleben, von dem sie glauben, dass es ehrenwert und anständig ist - scheitern allerdings meist daran, dass die Schablone aus dritter Hand ist und nicht viel taugt. Kinder fragen sich recht früh, wieso sie auf gar keinen Fall lügen sollen, aber Papa sich grundsätzlich am Telefon verleugnen lässt. Sie haben sicher auch ernste Schwierigkeiten damit, wenn es ein fürchterliches Theater gibt, weil sie das Rückgeld vom Einkauf nicht abliefern, aber die Erwachsenen sich damit dicke tun, wie sie dem Finanzamt ein Schnippchen geschlagen haben.

Es ist eben nicht so einfach - die Kinder sollen lernen, wie man es machen sollte, wenn man anständig ist. Was sie dabei tatsächlich mitbekommen ist, wie man es macht, wenn man vom realen Leben gebeutelt wird. Diese Diskrepanz wird im Allgemeinen irgendwie in die kindliche Weltsicht integriert, wobei der Schwerpunkt je nach Anlage des Charakters auf der einen oder der anderen Seite verankert wird. Die Eltern sehen dann irgendwann, was sie davon haben und fragen sich vermutlich, wieso sie nicht gleich ihre Überlebensstrategie vermittelt haben - das wäre weitaus ehrlicher gewesen. Es klingt aber nicht sehr gut, wenn man statt "Du darfst das nicht wegnehmen, das gehört dir nicht" zu dem hoffnungsvollen Sprössling sagt "Nimm es, sieht ja schließlich keiner ...", auch wenn jeder weiß, dass es genau darauf hinauslaufen wird, sobald die Kinder das Spiel durchschaut haben.

Was im Kleinen in der Familie stattfindet und eine Art sozialer Schizophrenie darstellt, ist auch im Großen seit Jahrhunderten fest in unser gesellschaftliches Leben integriert. "Adel" ist ein Wort, das nichts anderes als "Edel" bedeutet. Und ganz zu Anfang war das auch so - verdiente Treue wurde als edel erachtet. Die so ausgezeichneten verdienstvollen Kämpfer und Helfer bemühten sich ihrem Ruf gerecht zu werden und erzogen wohl auch ihre Nachkommen in diesem Sinne. Zu irgendeiner Zeit muss das wohl so gewesen sein, aber nicht unbedingt sehr lange - denn der Adel zeichnete sich durch alles das aus, was man eigentlich NICHT tat.

Die Vorbildfunktion, die ja der Grund für den ganzen Aufwand gewesen war, verkehrte sich in das krasse Gegenteil: Mord, Totschlag, Ehebruch, Verrat, Verschwendung, Lüge ... alles das, was man dem gemeinen Volk verbieten wollte. Priester, die Armut und Enthaltsamkeit predigten, während sie sich geradezu "vorbildlich" um die sieben Todsünden bemühten, erbitterten das Volk ebenso wie der Adel, dem kaum eine Gerichtsbarkeit beikommen konnte. Lustig war das wohl alles nicht, wenngleich ein gegen sexuelle Abweichungen wetternder Klerus und unehrliche Politiker schon einen Lacher wert sind - zunächst einmal jedenfalls.

Als Vorbild sieht man heute aber weder die eine noch die andere Fraktion. Die Frage ist, was wird es für Folgen haben, wenn die Verfechter von Moral und Ehre, zu denen schließlich Politiker zählen, völlig ungeniert das tun, wofür ein Normalbürger zumindest scheel angesehen, wenn nicht sogar verurteilt wird. Das Volk sagt dann: "Ja, die da oben machen es ja genau so." Und eben die Benannten denken wohl überhaupt nicht, wenn sie ihr Mandat vergessen. Das beinhaltet nämlich unter anderem die Treue zu ihrem Land, dem sie (eidlich abgesichert) nicht schaden sollen. Es ist gefährlich, wenn Integrität zu einem bloßen Aufkleber, der nun einmal drauf sein muss, verkommt. Zu so einem Sticker, der nicht wirklich jemanden interessiert, so wie "Ein Herz für Kinder" oder andere Momentaufnahmen der gewohnheitsmäßigen Lippenbekenntnisse.

Ungehemmtes Vorteilnehmen ist asoziales Verhalten - ganz gleich, wer sich das leistet. Und tatsächlich sollte der Polizist, der bei einem Diebstahl erwischt wird, härter bestraft werden. Der Dreh mit dem Vorbild hat nämlich irgendwie schon einen Sinn.

© "Die Vorbildfunktion auf dem Prüfstand" - ein Beitrag von , 2012. Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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