Sophie und die Zauberzeichen

Eine Kindergeschichte von Anne Meringer-Plank

Kindergeschichte

Heute regnet es und Sophie weiß so gar nicht, was sie machen soll, obwohl es Sonntag ist und alle da sind. Mama, Papa, Oma, Opa und auch Tante Luise. Aber die Großen haben sooo viel zu erzählen, dass Sophie gar nicht richtig was sagen kann. Die Tante hat ihr ein Buch mitgebracht, das findet Sophie auch sehr schön, weil da ganz viele Bilder mit Tieren drin sind. Es gibt da Entchen und kleine Katzen, Pferdchen und Hündchen.

Manche Tiere hat Sophie noch nie gesehen, und sie wüsste gerne, wie die heißen. Unter den Bildern kann man sehen, dass da wer etwas geschrieben hat. Sicher stehen da die Namen der Tiere und was da passiert auf dem Bauernhof. Es muss richtig spannend sein, denn es sind jede Menge von diesen schwarzen Dingern da.

Sophie weiß, dass man lesen können muss, um zu wissen, was da zu sehen ist, aber dazu ist sie noch zu klein. Das sagt jedenfalls Maik. Der ist schon richtig groß, so groß, dass er dieses Jahr in die Schule gehen wird. Er ist der Sohn von Mamas Freundin Nina, und eigentlich gibt er sich ja nicht mit kleinen Kindern ab, sagt er. Aber wenn er mit seiner Mama zu Besuch ist, redet er mit Sophie. Er freut sich auf die Schule, aber er sagt auch, dass das alles ganz, ganz schwierig ist und nichts für Sophie. Erst wenn sie so groß ist wie er, dann kann sie anfangen mit dem Lernen. Ja, und Lesen ist überhaupt das allerschwerste, sagt Maik noch.

Sophie möchte so gerne lesen können, denn dann würde sie gar keinen Erwachsenen brauchen, der ihr vorliest. Sie würde auch ganz alleine wissen, was da in diesem Buch passiert. Aber wenn das so schwer ist, wie Maik sagt, dann hat sie doch ein wenig Angst. Das alles sagt sie Nonni, ihrem Lächelbärchen, den ihr die Oma gemacht hat und den sie ganz doll gern hat. Die Kleine seufzt auf, denn sie hat ja alle gern, die da sind, aber solange alle im Wohnzimmer sitzen und reden, kann sie Mama oder Oma nicht bitten, ihr aus dem neuen Buch vorzulesen. Also guckt sie mit Nonni zusammen immer wieder die schönen Bilder an.

Vielleicht sind Sophie und Nonni ein ganz klein wenig eingeschlafen, denn plötzlich steckt Mama den Kopf in das Zimmer und sagt: "Sophie, es gibt Abendbrot." Alle sitzen am Tisch und essen, aber dann verabschiedet sich Tante Luise, kurz darauf gehen auch Oma und Opa nach Hause. Sophie läuft in ihr Zimmer und holt das neue Buch, um es Mama in den Schoß zu legen. Vielleicht liest sie ihr noch vor, bevor das Sandmännchen kommt. Und Mama, die ja auch einmal ein kleines Mädchen war, versteht, warum Sophie ganz genau wissen muss, was da geschieht in dem neuen Buch. Sie liest also vor, und so erfährt Sophie, wie es zugeht auf einem Bauernhof, wo ganz viele Tiere wohnen. Sie lernt, dass diese sonderbaren Tiere mit den Hörnern "Ziegen" heißen und die Kinder von ihnen "Zicklein" genannt werden. Esel sehen zwar ein bisschen wie Ponys aus, sind aber keine, sondern etwas Besonderes. Der dicke Vogel mit dem hübschen Schwanz, der einen bunten Fächer auffalten kann, ist ein Pfau. Als Mama aufgehört hat mit dem Lesen und verspricht, am nächsten Abend weiterzumachen, erzählt Sophie von den Sachen, die Maik gesagt hat. Und sie fragt Mama, ob es wirklich so ganz, ganz schwer ist mit dem Lesen.

Mama sieht Sophie an und lächelt, dann holt sie ein Stück Papier und einen Stift. "Lesen ist nicht so schwer, weil es eine Art Zauberei ist." Da werden Sophies Augen groß, denn Zauberei ist etwas ganz Tolles. Mama sagt dann, dass die kleinen schwarzen Kritzeldinger "Buchstaben" heißen und dass sie Sophie etwas erzählen können. Aber weil sie so klein sind - noch viel kleiner als fünfjährige Mädchen - können sie nur einen einzigen Ton sagen. Den sagen sie immer, wenn man sie anguckt. Dann malt Mama so einen Buchstaben ganz groß auf das Papier. Sophie legt den Kopf schief, damit sie hören kann, was er sagt - aber er bleibt still. Da lacht Mama und sagt: "Du musst mit den Augen hören." Sophie lacht ganz dolle, weil sie weiß, dass die Ohren dafür da sind, die Augen sind zum Gucken. Aber dann erklärt Mama das.

Immer wenn man diesen kleinen Kerl hier sieht, sagt er nur: aaaaa. So wie man das beim Arzt tun muss. Und dann malt Mama noch einen Kreis, der ist auch ein Buchstabe und sagt: ooooo. Das tut er immer. Und weil Sophie so begeistert ist, setzt die Mutti dann auch einen Strich auf das Papier. Der sagt nichts anderes als: iiiii. Sophie guckt die Buchstaben an und "hört", was sie rufen. Das macht Spaß, denkt sie. Aber was hat das mit Lesen zu tun? Das sagt sie und guckt ihre Mutter an. Aber die lacht wieder und sagt: "Die Buchstaben kommen nicht alleine, sie stellen sich nebeneinander auf und jeder sagt seinen besonderen Ton. Ganz schnell nacheinander tun sie das."

Dann zeichnet Mama noch so etwas wie einen komischen Zaun. "Was sagt der?", fragt Sophie. Und Mama macht nur: mmmmm. Das sieht lustig aus und Sophie lacht. Aber Mama malt neben den Zaun, der "em" heißt, noch den Buchstaben, der aaaaa sagt. Sophie soll nun mal die Töne aufsagen, die die beiden machen. Und es kommt "ma" heraus. Da klatscht sie in die Hände und ruft: "Die können ja 'Mama' sagen, wenn sie das noch mal machen." Und das ist nun wirklich Zauberei, aber eine ganz einfache. Maik weiß das wohl nicht, oder er wollte Sophie ein bisschen Angst machen.

Es ist schon spät, deswegen legt Mama das Buch zur Seite und meint, dass Sophie jetzt ihren Schlafanzug anziehen soll. Aber sie verspricht, dass sie morgen noch mehr Buchstaben sprechen lässt.

Als Sophie und Nonni dann im Bett liegen, denkt Sophie an die Buchstaben, die ja eigentlich Zauberzeichen sind. Und auch an die Ziege und den Pfau und die ganzen Tiere im Buch. Und das tolle ist, die Buchstaben wissen, wie jedes Tier auf der ganzen Welt heißt, und sie kennen auch alle Geschichten, die es gibt. Dann schlafen sie und Nonni ein. Kindergeschichte

© Kindergeschichte "Sophie und die Zauberzeichen" und Zeichnung: Anne Meringer-Plank, 2012.

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