count2three - culture is in the details

Ein Dokumentarfilmprojekt als Methode interkulturellen Lernens

Ein Beitrag von Rita Orschiedt

Projekt count2three

Ein langer Weg liegt hinter mir. Ein Jahr voller Höhen und Tiefen, voller Mut und Verzweiflung und wichtigen Entscheidungen. Am Beginn dieses Weges steht eine Studentin mit einer Frage: "Wie kann man interkulturelle Dialoge schaffen, wie bringe ich Deutsche und Inder zum Reden und zur eingehenden Reflexion ihrer Handlungen?"

An guten Tagen gibt es im Gespräch mit anderen Menschen diesen ganz besonderen Moment, wenn sich für mich und den anderen neue Erkenntniswege erschließen. In vielen Interviews, die ich geführt habe, war dies der Fall - manchmal endeten sie aber auch in purer Frustration, mit dem Gedanken "es ist nicht genug" und der bitteren Erkenntnis, dass Kulturverständigung ein nicht endender Prozess ist.

Viele Wissenschaftler stellten mir deshalb die Frage: "Was machen Sie, wo führt das hin?" Ein Thema, das mich immer voller Erstaunen und Fassungslosigkeit erstarren ließ. Bei einem Projekt auf das Ergebnis, ein "Produkt" zu warten, scheinbar ohne die Prozesse auf dem Weg dorthin zu würdigen, fiel mir schwer, obgleich dieser Gedanke doch immer mit der rationalen Prägung unserer Kultur zu begründen ist.

Gilt "der Weg ist das Ziel" in der Wissenschaft also nicht?

Zugegeben, das Projekt ist eine andere Art des Lernens, die nicht für jeden auf den ersten Blick zugänglich sein mag. Geht doch das Lernen auf ganz andere Weise vonstatten, wenn man sich - wie in meinem Fall - die empirische Grundlage selbst schafft.

Es gibt kein abschließendes Ziel oder Ergebnis - es ist ein Lernweg mit Etappen, auf dem neue Handlungsräume entstanden sind. Die Erkenntnis liegt irgendwo zwischen dem Gedanken, der Frage und der Antwort, und offenbarte sich erst allmählich beim Reden und Zuhören. Es ist ein Projekt, innerhalb dessen Kulturverständigung allgegenwärtig war, durch audiovisuelle Rekapitulation, aber auch durch einfühlsame persönliche Gespräche mit Menschen, die noch nicht wussten, dass sie reden wollten, aber es immer mit Mehrwert taten.

Um dem Elfenbeinturm meines Studiums zu entfliehen, begab ich mich im August 2011 auf eine einjährige Reise auf der Suche nach neuen Methoden der interkulturellen Annäherung. Eine, die mit einer Alltagsfrage und einer Filmkamera begann und im Laufe der Zeit zu einer ertragreichen Bildungs- und Forschungsreise geworden ist. Ich wollte wissen, warum Deutsche und Inder so wenig übereinander wissen, ob mein Eindruck stimmt, dass meist Firmen, Institute und Institutionen miteinander kommunizieren, aber nicht Menschen, und ob wir deshalb so oft kläglich scheitern, wenn wir uns dann doch auf zwischenmenschlicher Ebene gegenüberstehen. Und ich wollte herausfinden, was ich dazu beitragen kann, ein Zusammenkommen und einen Dialog zu fördern.

Was mit strukturierten Interviewleitfäden begann, mit Themenblöcken, Recherchen, mit Listen von potenziellen Interviewpartnern, Networking und wichtigen Kernfragen, die beantwortet werden sollten, wurde bald zu einer Suche, in der es nicht nur darauf ankam, mit wem ich sprach, sondern vielmehr darauf, was diese Begegnungen in Deutschland und Indien in mir und dem anderen anstieß. Manchmal wird es erst viel später klar, was man gelernt hat - etwa, wenn man das Video des Gesprächs online auf der entstandenen Projektplattform count2three noch einmal ansieht. Oder wie in meinem Fall beim Editieren und Schreiben.

Oft wussten die Gesprächspartner nicht, warum ich mit ihnen reden wollte, warum sie auf drei zählen oder über banale Dinge sprechen sollten. Doch das hielt nicht lange an: Während sich die allgemeine Verwirrung legte, wir langsam zu reden begannen und plötzlich intensiv über wichtige Dinge sprachen, wendete sich oft das Blatt. Es begann - ohne dass man es in der Situation bemerkte - ein Prozess der Kulturreflexion und die Anerkennung deren Notwendigkeit. Das Interview kehrte sich um: plötzlich war ich der Interviewpartner, der Antworten gab, Zusammenhänge erklärte und versuchte, die Bedeutung des interkulturellen Dialogs und von Alltagskulturen zu erläutern.

Und noch etwas Unerwartetes geschah und machte sich immer mehr in mir breit: der Wunsch, die, über viele Reisejahre und durch das Projekt verstärkte, interkulturelle Kompetenz und Sensibilität vermitteln zu wollen. count2three und die zutiefst banale Erkenntnis, dass Inder und Deutsche mit den Fingern anders auf drei zählen und wir genau hier mit der Arbeit der Kulturannäherung beginnen müssen - an der Basis - hat mir den Weg dahin geebnet. Nicht theoretische Modelle und pauschale Zusammenhänge helfen uns den kulturellen Alltag zu erleichtern, sondern die Entwicklung einer Kultursensibilität für die andere und auch für die eigene Kultur, gestützt durch die Offenheit in der Begegnung. Erlernen können wir sie nur durch Beobachten und Zuhören - dem Anerkennen geht das Erkennen voraus.

"Und warum so?", fragen Sie sich zu Recht. Warum einen Film drehen in Deutschland und Indien, warum Leute ausfragen und das Gesagte dann öffentlich zur Schau stellen? Vielleicht hat es etwas mit Neugierde zu tun, mit dem Glauben an das positive Potenzial audiovisueller Wirkungsmacht und einem pädagogischen Anspruch, neue Inhalte zu schaffen, damit etwas zu bewegen und auch Nicht-Wissenschaftler zu erreichen. Und, ich vertrete die Überzeugung, dass man als Student an einer Universität durchaus die Freiheit haben sollte, Forschungsvorhaben individuell und ggf. auch unkonventionell durchzuführen; die Freiheit zur Selbstverwaltung und doch auch zur Selbstverwirklichung zu nutzen - was nicht heißen soll, dass es leicht war, die Verantwortlichen von der Wissenschaftlichkeit und Sinnhaftigkeit meines Vorhabens zu überzeugen. Man muss sich nur selbst auf den Weg machen und den Mut haben, als ambitionierter Laie den ersten Schritt zu tun. Lieber fehlerhaft begonnen, als perfekt gezögert. Oder wie wird man sonst zum Macher, zum (Kultur-)Experten?

Zum Projekt count2three

Die Autorin Rita Orschiedt studiert an der Humboldt Universität zu Berlin moderne Süd- und Südostasienstudien. Sie studierte weiterhin Medien- und Kommunikationswissenschaften und arbeitet zur Zeit (2012) an ihrer "Masterthesis", dem deutsch-indischen Dokumentarfilmprojekt count2three, für das sie u.a. drei Monate in Indien drehte.

© "count2three - culture is in the details" ist ein Textbeitrag von Rita Orschiedt. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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