Édouard Manet: Ein Revolutionär im Paris seiner Zeit

Ein Beitrag von Anja Junghans-Demtröder

Maskenball

Édouard Manet war kein stiller Beobachter der Pariser Gesellschaft, er vermochte die Menschen zu "sehen". Einige davon faszinierten ihn künstlerisch, so dass er darauf bedacht war, mit ihnen in Kontakt zu treten. Zeitgenössische Dokumente belegen, dass seine von Natur eher zurückhaltende Art dies nicht immer einfach machte. Manet war eine hochgewachsene imposante Erscheinung von höflicher Natur. Hatte er einmal eine Person ins Auge gefasst, stellte er sich in der Regel als Maler vor und lud ein, in seinem Atelier Model zu stehen. Nicht immer wurden seine Bitten erhört, aber auch nicht immer abgelehnt.

Oft waren es Zufallsbegegnungen, die Manets kreativen Geist anregten und ihm so zu einer neuen Bildidee verhalfen. Manet war ein moderner Maler seiner Zeit, dies lag vor allem auch an der Auswahl seiner Modelle, der damals aufstrebenden Bourgeoisie, die großen Wert darauf legte, sich auf Bildern verewigt zu sehen, wo sich das gesellschaftliche Leben abspielte. Cafés und Straßenszenen waren recht beliebte Motive des bürgerlichen Lebens, und in Manet fanden sie einen Maler, den sie als den ihren anerkannten.

Im Jahre 1862 begegnete Manet Victorine Meurent, ein junges Mädchen von bemerkenswerter Erscheinung und voller Lebensfreude. Zu jener Zeit pflegte sie als Aktmodell Kontakte zu Künstlern. Einem Bericht zufolge war sie auch im Atelier von Thomas Couture als Aktmodell verzeichnet. Victorine Meurent stand Manet im Jahre 1862 Modell. Manets Olympia, die Victorine als unwiderstehliche Venus zeigt, schlug bei ihrem ersten offiziellen Auftritt im Pariser Salon im Jahre 1865 ein regelrechter Aufruhr entgegen. Kritiker befanden Manets Olympia als hässlich und in ihrer Form abstoßend. Obwohl Victorine eine moderne Dame ihrer Zeit war, wurde sie oft als billige Amüsierdame abgetan, deren Körper nach Meinung der Öffentlichkeit käuflich war. Pariser Kritiker verhöhnten die eindringliche und pure Nacktheit. Es ist nicht bekannt, was Manet in Victorine sah. Vielleicht sah er in ihr die Gabe, sich in die Person zu verwandeln, die er sich vorstellte.

Die Pariser Kunstwelt vertrat jedoch die Meinung, dass Manet mit diesem Werk nur einen Skandal provozieren wollte. Da Manet, ihrer Ansicht nach, ihren Körper mit solcher Bewunderung gemalt hatte - davon waren sie überzeugt - musste Manet eben diesen auch näher kennen. Manet und Victorine wurde bald darauf die Zielscheibe des Klatsch und Tratsch der Pariser Gesellschaft. Man vermutete hinter dem Werk eine Liebesaffäre. Diese Meinungen waren jedoch nur vorgefasst, denn grundlegende Beweise gab es nicht dafür. Durch den Ansturm der Kritik war Manet tief verletzt und zog es vor, der Pariser Kunstszene für einige Zeit den Rücken zu kehren. Er fühlte sich zu unrecht beschuldigt, die öffentliche Moral verletzt zu haben. Um seinen innerlichen Frieden wiederzufinden, reiste er an die Küste nach Boulogne und bald darauf nach Spanien.

Pfeifer

Manet besuchte den Prado, bewunderte Velázquez und reichte im Frühjahr 1866 dem Juryausschuss zwei neue Bilder zur Beurteilung ein. Seine Kompositionen des Schauspielers Philibert Rouvière, den er als Hamlet darstellte, und das Gemälde "Der Pfeifer", für das vermutlich Manets Sohn Modell gestanden hat, ernteten wenig Gegenliebe, was eine Ablehnung der Jury zur Folge hatte. Doch zu jener Zeit sollte sich etwas in Manet Leben ändern. Émile Zola, ein leidenschaftlicher Verehrer und Verteidiger seiner Kunst wurde zu Manets engem Verbündeten. Zola war ein brillanter Journalist, der zwar kaum künstlerisch begabt war, aber über ein beträchtliches Talent in der Beschreibung der Dinge, die er sah, verfügte. Er erkannte in Manet den Maler der Zukunft und arrangierte ein Interview in seinem Atelier, um über die abgelehnten Bilder zu berichten. In seinem Pressebericht prophezeite Zola, an Manets Kunst werde sich noch viel ändern und rühmte ihn als Meister der Zukunft.

In Zola hatte Manet einen begeisterten Befürworter gefunden, und dieser setzte sich zielstrebig für sein Werk, vor allem für die Gemälde, die von der Kritik öffentlich abgelehnt worden waren, ein. Das Gemälde Olympia erklärte er sogar zu seinem Meisterwerk als charakteristischen Ausdruck seiner Begabung. Für Zola offenbarte sich eine Malweise der Moderne, die das Einfache, Energische und die Wahrheit wiedergibt, als Zeichen der modernen Wahrnehmung - Vorzüge, für die der Maler einst einen Platz im Louvre bekommen sollte. Emile Zola geht bei seinen begeisterten Besprechungen strategisch vor, mit der Absicht, mehr auf die malerischen Qualitäten des Bildes hinzuweisen, mit dem Ziel, von den öffentlichen anstößigen Bewertungen abzulenken.

Manet fand in der zeitgenössischen Realität seinen persönlichen Stil und verwirklichte sich einige Jahre nach der Entstehung des Bildes Olympia in dem Gemälde "Nana". Im Beisein eines Mannes, der in eleganter Abendgarderobe wartend auf einem Stuhl sitzt, steht eine junge Frau in Dessous vor dem Frisierspiegel und ist dabei, sich für den Abend zurechtzumachen. Genauso wie das Gemälde Olympia schürt das Werk Andeutungen für Lasterhaftigkeit und ist der perfekte Nährboden für Vermutungen und Gerüchten der Klatschpresse. Manet selbst hatte den Anlass dazu gegeben, weil er einer Dame als Modell den Vorzug gab, die mehr bekannt für ihr unmoralisches Verhalten war. Für die Jury der Pariser Salons war es einmal mehr Gelegenheit, wieder ablehnend zu reagieren und dem Gemälde den Zutritt zu verweigern. Unbeirrt stellte Manet selbstbewusst sein Werk in einem Schaufenster eines Geschäftes für Inneneinrichtung aus. Eine Dame, die sich kokett in Dessous präsentiert, sorgt nicht nur für erhitzte Gemüter, sondern auch für reges Interesse und interessanten Gesprächsstoff.

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Das Verbotene, sei es noch so anrüchig und moralisch verwerflich, zog die Leute in ihren Bann, der Widerstand war besiegt und Manet triumphierte über die Spießer seiner Zeit. Manet war kein Zauberkünstler - im Gegensatz zu den Salonmalern, die das Frauenbild den Idealvorstellungen der Epoche anpassten und sie somit verfälschten, versuchte er sich mit aller Deutlichkeit auszudrücken. Die Aussagekraft seiner Bilder sollte für ein neues Bewusstsein der Menschen sorgen.

Aller Zweideutigkeit zum Trotz, stellte Manet in seinen Bildern die Wahrheit in den Vordergrund, somit sollte die Situation als die verstanden werden, die als Szene geschildert wurde. Weder Vermutungen noch vorgefasste Meinungen oder Gerüchte hatten in Manets Bildern Platz. Manet malte situationsbedingt aus einem Gefühl heraus etwas, das ihn ansprach. Er hatte ein aufmerksames Auge für das gesellschaftliche Leben, die Bedürfnisse der Menschen - etwas Unmoralisches damit zu bewirken wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Manet blieb jedoch weiterhin, trotz großer Bemühungen und Eigeninitiative, die Zielscheibe vorgefasster Meinungen, dummer Anmerkungen und undankbarem Hohn und Spott jener Kritiker, die seine Kunst nicht verstanden.

In Frankreich herrschten derweil politische Unruhen, während Deutschland zu einer großen und bedeutsamen Staatsmacht aufstieg. Aufstände und Ermordungen tausender Menschen prägten das Leben in Paris. Manet, der in Paris tapfer aushielt, bekam diese blutigen Geschehnisse jedoch kaum mit. Am 30.06.1878 begingen die Pariser den Nationalfeiertag, und anlässlich dieses Ereignisses war die Rue Mosnier festlich geschmückt. Manet hatte von seinem in der Rue de Saint Petersbourg eingerichteten Atelier einen herrlichen Blick und konnte das muntere Treiben beobachten. Inspiriert von der Festlichkeit der Farben schuf Manet eine Straßenszene, das Werk "Die Rue Mosnier mit Fahnen geschmückt". In seinen Bildern verarbeitete Manet fast ausschließlich unpolitische Themen, die in keinem Bezug zur Geschichte des Landes stehen. Doch als Manet sich an die Ausarbeitung in seinem Atelier machte, schien er entschlossen, hier einen verdeckten Hinweis zu liefern. Es ist offensichtlich, dass Manet ein ausgezeichneter Beobachter seiner Zeit war, und vermutlich ist ihm ein einbeiniger Invalide aufgefallen, der die Straße entlang humpelte und den er als Opfer der Kriegsauswirkungen von 1870 ansah. Manet brachte den Mann symbolisch in die Szene mit ein, um an die Zeitgeschehnisse zu erinnern.

Im Jahre 1878 fertigte Manet ein Porträt des Lithographen Émile Bellot an, der in Fachkreisen Le Bon Bock genannt wurde. Entgegen sämtlicher Misserfolge, die Manet in den letzten Jahren einstecken musste, fand dieses Werk Anerkennung. Manet orientierte sich bei seinem Werk an die flämische Malerei, und dank dem klassischen Malstil mit dunklem Hintergrund schienen die akademischen Vorgaben bestens erfüllt zu sein. Doch schien sich Manet mit dieser Komposition nicht mehr an seine malerischen Richtlinien zu halten. Einige seiner Kollegen diskutierten in seinem Lieblingscafé über eine eindeutige Verschlechterung seines Stils. Die Harmonie der Farben und der unübertroffene Farbauftrag, der Manets Modernität prägte, gingen bei diesem Werk völlig verloren. War Manet doch dank seiner Fortschrittlichkeit Vorbild für viele seiner Zeitgenossen, so zog er sich jetzt den Widerwillen seiner Mitstreiter zu, da Manet durch offene Demonstration, der klassischen Methode offensichtlich Verrat an ihnen ausübte.

Manet war jedoch um die Gunst der konservativen Kritiker weiterhin bemüht und lehnte aus diesem Grund auch eine Beteiligung an unabhängigen Ausstellungen ab, die eigens von seinen Zeitgenossen organisiert wurden. Manets Eigenwilligkeit, und vor allem die Fortschrittlichkeit seiner Farb- und Themenwahl, forderte im Salon von 1874 wieder ihren Preis. Während sich Monet, Cézanne und Renoir eigenen Projekten hingaben, genoss ihr hochgeachtetes Vorbild ablehnende Kritik. Die Kritiker warfen Manet nur mäßige Anstrengung vor, da er sich in seinem Werk "Die Eisenbahn" offensichtlich damit zufrieden gab, dass Motiv einer Eisenbahn nur anzudeuten. Noch dazu wichen die Hauptfiguren im Vordergrund des Bildes vom Thema ab. Völlig abnormal erschien es ihnen auch, dass sich aus der Phantasie heraus die Vorstellung eines zum stehen kommenden Zuges ergeben soll.

Manet nahm sich in vieler Hinsicht die Freiheit heraus, die Vorgaben der Akademie bis auf wenige Ausnahmewerke zu ignorieren, was ihm eine mehr als schlechte Presse einbrachte. Selbst in seiner Lehrzeit wollte er lieber eigene Ideen vervollkommnen als strengen Richtlinien seines Ausbilders zu folgen. Folglich musste alles so kommen, und Manet war sich seiner Auffassung und Malweise sehr bewusst. Sein Bildentstehungsprozess gestaltete sich jedoch nicht so einfach, wie von der Kritik angenommen. Selbst wenn sich wenig Anstrengung erkennen ließ, so arbeitete Manet sorgfältig durchdacht und war bemüht, die endgültige perfekte Form zu erreichen, besonders dann, wenn das Werk für eine Ausstellung vorgesehen war. Befand Manet einzelne Farbpartien als unbefriedigend, wurden diese sorgsam entfernt und erneut aufgetragen.

Im Jahre 1878 wechselte Manet in das Atelier eines mit ihm befreundeten Malers, der aus Schweden nach Paris zog. In den nächsten Jahren schuf er zahlreiche Bildnisse von Damen in alltäglichen Situationen, woraus sich erklären lässt, dass er gute Beziehungen zur Pariser Damenwelt unterhielt. 1880 bot Charpentier, der Herausgeber einer Zeitschrift über das moderne Leben war, ihm in den Räumen der Redaktion eine eigene Ausstellung an. Trotz zunehmender Verschlechterung seines Gesundheitszustandes war Manet weiterhin auf das gesellschaftliche Leben bedacht und seine Energie und Einfallsreichtum schienen ungebrochen. 1882 gelang ihm mit dem Werk "Bar in den Folies Bergère", dem berühmtesten Restaurant von Paris, sein letzter großer Erfolg.

Am 30.04.1883 starb Édouard Manet. Als Haupterben seines Nachlasses hatte er seine Ehefrau Suzanne Leenhoff und ihren Sohn Léon bestimmt. Édouard Manet wurde auf dem Friedhof Passy beigesetzt. Edouard Manet

© "Édouard Manet: Ein Revolutionär im Paris seiner Zeit": Ein Beitrag von Anja Junghans-Demtröder

Die Abbildungen zeigen Gemälde von Edouard Manet (Lizenzen: gemeinfrei): oben Maskenball in der Oper, Detail (1873), sowie unten Der Pfeifer (1866)

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