Marc Chagall - Ein Farbvirtuose der modernen Art

Ein Beitrag von Anja Junghans-Demtröder

Portrait Marc Chagall

Die Fähigkeit Chagalls aus der Erinnerung zu malen und somit Vergangenes wieder bildhaft auf seine eigene ihm gegebene Art neu zu beleben, ist erstaunlich und faszinierend zugleich. Marc Chagall ist ein Farbvirtuose, der seine Erinnerungen in phantasiereichen und ungewöhnlichen Perspektiven darstellt. In diesem Maler sehen wir einen begnadeten Koloristen mit Mut zur Perspektive.

1887 geboren, war Marc Chagall ein Künstler des 20. Jahrhunderts und der Inbegriff moderner jüdischer Kunst. Er zeichnete sich in allen Phasen seines kreativen Schaffens als Künstler aus, dessen Bilder vom Leben seiner Geburtsstadt Witebsk in Russland bestimmt waren. Zu dieser Zeit lebten etwa 50.000 Menschen in der Stadt, davon waren die Hälfte jüdische Einwohner. Seine künstlerische Ausbildung begann Chagall 1906 bei dem Maler Jehuda Pen in Witebsk. Dort lernte er weitere jüdische Künstler kennen.

Chagalls Autobiographie "Mein Leben" gibt interessante Details über seine frühen Jahre wieder. Zur Zeit der Entstehung dieser Aufzeichnungen (1921/22) beabsichtigte Chagall erneut nach Paris zu reisen und wartete auf die Genehmigung seines Ausreisevisums. Chagalls Biographie erschien erstmals 1931, die Abbildungen darin verkörpern seinen naiv-realistischen Stil. Chagall illustriert seine Lebensgeschichte und zeigt bildhafte Szenen seiner Kindheit. Das Buch gibt somit einen tiefen Einblick in seine jüdische Vergangenheit und zeigt die künstlerischen Eindrücke auf, die er in Paris gewonnen hat.

Die Liebe Chagalls zu seiner Frau Bella, die er in vielen seiner Bilder unsterblich gemacht hat, wird ebenfalls in seiner Biographie thematisiert. Bella war für Chagall nicht nur die Inspiration, sondern auch eine wichtige Grundlage seiner modernen Kunst. Viele seiner Werke zeigen auf eindrucksvolle Weise, dass Chagall Erinnerungen und Begegnungen mit seiner Ehefrau bildlich festgehalten und zu einem Meisterwerk verarbeitet hat. Es ist schön anzusehen, wie Liebe und Einigkeit in einem Bild auf eine besondere Art ineinander verschmelzen.

Chagall sah sich als Gefangener inmitten dreier Welten: seiner russischen Herkunft, dem Judentum, sowie Paris, wo er bereits von 1911 bis 1914 lebte. Diese Empfindung kommt bei seinem Selbstbildnis "Mit sieben Fingern", das er 1912/13 schuf, überzeugend zum Ausdruck. Auf diesem Bild malte Chagall sich vor einer Staffelei und repräsentiert Russland durch eine Kirche, die in einer Art Wolke erscheint. Paris wird durch den Eiffelturm dargestellt, und der Bildtitel geht auf eine jüdische Redewendung ein: etwas mit sieben Fingern zu tun, heißt, dass man es von ganzen Herzen tun möchte. In seinen Bildern behandelte Chagall jüdische Motive, verarbeitete Erinnerungen an seine Heimatstadt Witebsk, besann sich aber auch auf Pariser Szenen.

Jüdische Kontakte halfen ihm, sich in Paris eine künstlerische Zukunft aufzubauen. So wurden seine Arbeiten, die in Paris entstanden, 1912 auf dem Pariser Frühjahrssalon gezeigt. Chagall sah in sich nicht denjenigen, der die jüdische Kunst wiederbelebte, sondern jemanden, der sie weiterführte. Im Jahre 1930 wurde Chagall sein bisher aufwendigster Auftrag erteilt. Der Pariser Verleger Ambroise Vollard betraute Chagall mit der Aufgabe, eine Bibel zu illustrieren. Da Chagall eine sehr religiöse Erziehung genoss, verband ihn mit der Bibel eine tiefgründige Liebe.

Chagall protestierte in seinen Gemälden gegen den aufkeimenden Antisemitismus zur Zeit des Dritten Reiches. Durch Intervention der USA wurde es ihm ermöglicht, im Mai 1941 von Frankreich in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Erst 1948 entschloss er sich, nach Europa zurückzukehren. Der Künstler setzte sich auch im hohen Alter für die Völkerverständigung ein, indem er Kirchen- und Synagogenfenster als Zeichen der jüdisch-christlichen Verbundenheit gestaltete. Am 28. März 1985 starb Marc Chagall 97-jährig im südfranzösischen Saint-Paul-de-Vence. Auf dem dortigen Friedhof befindet sich sein Steingrab, das von vielen Kunstinteressierten besucht wird.

"Ein guter Mensch kann bekanntlich ein schlechter Künstler sein. Aber niemals wird jemand ein echter Künstler, der kein großer Mensch und daher auch kein 'guter Mensch' ist."
Marc Chagall

© "Marc Chagall - Ein Farbvirtuose der modernen Art": Ein Beitrag von Anja Junghans-Demtröder. Die Abbildung zeigt ein Portrait von Marc Chagall; ein Gemälde von Jehuda Pen aus dem Jahre 1915 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

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