Kussweilig - Traumbriefe, Aphorismen, Gedichte

Leseprobe aus dem gleichnamigen Buch von Christian Bedor

Leseprobe aus Kussweilig

Leseprobe aus "Kussweilig":

... Frankfurt/M., 03. Oktober 1995
Bin gerade aufgestanden und sitze in der Küche. Ich hatte einen Traum, der mich stark mitgenommen hat. Soweit ich rekonstruieren kann, war es erst eine Person, ein Mann. Und später eine ganze Clique, die mir zusetzte. Wir hatten uns irgendwo kennengelernt. Und ich hatte verschiedene Sachen bekannt gegeben oder auch gesagt; von meinem Privatleben. Und dieser Mann, dieser Gangführer oder dieser Bandenführer, was ich anfangs nicht wußte, drang immer mehr in mein Privatleben ein. Wollte von mir wissen, wer mir schreibt, mit wem ich verkehre und ich hatte große Mühe, mich zu wehren, tat es aber.

Und es gibt eine Schlüsselszene: Dieser Mann hatte einen schwarzen Hund, ein sehr liebes Tier und auch nicht sehr groß. Also etwa wie ein Pudel, etwas kleiner.

Und dieser Hund hatte schnell Zutrauen zu mir. Genauso wie der Mann. Und irgendeines Tages hüpfte der Hund auf meine Schulter, während ich - oder bevor ich - die Treppe von meiner Wohnung runterging. Von meinem Haus. Ich trug also diesen Hund halb auf meiner Schulter, halb an meinem Rücken die Treppe herunter. Und der Mann ging auch mit die Treppe herunter. Und dieser Hund hatte sich - ja, saß auf meiner Schulter - und anfangs hatte ich nichts dagegen, dass der Hund so schnell auf meine Schulter sprang und auch einfach sagte oder so - ja, einfach - es einfach tat und mir signalisierte, dass er das immer so macht. Und das sonst auch bei dem Mann macht. Er läßt sich tragen.

Und wir mussten mehrere Stockwerke hinuntergehen. Und beim Hinuntergehen war es mir immer unangenehmer, dass dieser Hund auf meiner Schulter war, denn ich spürte bei mir, dass es eine Last wurde und ich lediglich gute Miene zum bösen Spiel machte. Ich traute mich aber nicht, weil ich einmal 'Ja' gesagt hatte, dem Hund zu sagen, er soll runter gehen. Weil ich jetzt nicht mehr wollte. Sondern ich machte das Spiel mit. Und es ging mir immer schlechter dabei. Außerdem hatte ich Angst, "zwischendrin" 'Nein' zu sagen. Weil ich befürchtete, dass der Mann mir zusetzen würde und es Diskussionen geben könnte, denen ich nicht gewachsen wäre.

Je tiefer ich kam, desto unwohler wurde mir und desto mehr Spannung entstand. Ohne dass wir sprachen. Zwischen diesem Begleiter und mir. Der Hund war weiterhin auf meiner Schulter und fühlte sich offensichtlich wohl. Er hatte Übersicht, konnte alles ansehen und wurde getragen.

Als wir aus der Tür getreten waren, es war ein Hochhaus, kamen wir auf eine etwas breitere Treppe, und ohne dass ich jetzt etwas sagte, ging ich ein bisschen in die Hocke und machte eine Schüttelbewegung, um dem Hund zu zeigen, dass wir jetzt unten angekommen sind und er auf seinen eigenen Füßen laufen kann. Das war so abgemacht, dass, wenn wir unten sind, er selbst laufen sollte. Und während ich mich noch so'n bisschen schüttelte, ganz sachte, als Zeichen, dass er jetzt loslassen soll und auch runtergehen kann, krallt er sich mit aller Macht fest - in meine Schulter - und murrt oder kläfft, oder spricht auch was und geht nicht runter von meiner Schulter. Sondern krallt sich fest.

Und das macht er so heftig, dass ich Schmerzen habe und mich vor lauter Schmerzen auf die oberste Stufe setzen muss. Und sein Begleiter reagiert sofort auf unser Tun und preßt mich noch zusätzlich auf die Stufe, um mich zur Rede zu stellen. 14:15 Uhr.

Ca. 20:38 Uhr.
Was mir einfiele, seinen Hund mit so einem leichten Schulterzucken oder so einer leichten Schüttelbewegung abschütteln zu wollen. Wir seien doch noch gar nicht ganz unten angekommen. Es gäbe noch mindestens fünf Stufen, die ich ihn zu tragen hätte.

Ich bin total gelähmt. Kann mich nicht rühren, habe im Nacken und auf dem linken Schulterblatt diesen Hund, dieses schwarze Knäuel, das mir stark zusetzt. Und vor mir ist jetzt mein Begleiter, der auf mich einredet. Er steht vor mir, ist ein bisschen gebeugt. Und die beiden unterhalten sich. Der Hund sagt, ich hätte mich schon im Treppenhaus während des Transports so komisch gegeben. Hätte schon dort signalisiert, dass mir unwohl ist. Dass ich das nicht gerne tue. Das hätte der Hund gespürt. Und der Mann fragt mich, ob das stimme. Und da ich keine Chance erkenne - der Hund krallt sich noch fester in meine Schulter, der Mann ist vor mir, ich stehe in gebückter Haltung, - versuche ich trotzdem zunächst, den Vierbeiner abzustreifen. Aber der Hund krallt sich fester. Und sagt, ich soll offen sein. Und ehrlich. Ich könnte ihm nichts vormachen. Ich sage dann, dass wir doch jetzt unten angekommen seien, und ich möchte ihn jetzt nicht mehr auf meiner Schulter haben, da krallt er sich noch fester und signalisiert seinem Begleiter, er solle Druck ausüben. Und mich in die Mangel nehmen, dass ich beim nächsten Mal gescheit pariere, so wie sie es wollen.

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Mir geht es sehr schlecht in diesem Moment. Ich muss spielen, ich muss mich verstellen. Und hab' einfach nur die Hoffnung, dass ich bald erlöst bin. Dass sie mich möglichst schnell loslassen. Dass ich mich aus diesen - von diesen - Klauen lösen kann. Dabei wehre ich mich aber nicht körperlich. Das ist entscheidend. Statt zu versuchen, den Hund zu fassen und ihn hinten zu greifen, oder abzuschütteln, oder irgendwas zu tun, bin ich passiv.

Ich habe auch Angst, dass er mich beißen könnte, wenn ich nach hinten greife, oder beide mich malträtieren. Er mich hinten weiter klammert und kratzt, vielleicht mir so in den Nacken beißt oder irgendetwas tut. Und der große Mann vorne mich mit seinen Fäusten bearbeitet.

Beide reden also auf mich ein. Ich schwitze, bin in Panik. Und der Hund erzählt, es habe vor einigen Tagen schon mal eine Situation gegeben, da habe er gespürt, dass ich das ungerne tue. Und das wolle er doch gar nicht einführen. Plötzlich kam es mir vor, als ob er bestimmte Sachen erfindet, konstruiert. Und diesen Moment, in dem er mich gerade packt und in dem es für die zwei gerade offensichtlich wird, was bei mir ist, ausschöpft und ausnutzt. Selbst mit belanglosen Dingen. Legt also das negative Gewicht auf diesen Moment. Und sein Begleiter fragt mich immer wieder, ob das so stimme. Was der Hund erzählt. Und ich versuche auch dort, erst mal zu beschwichtigen, auszuweichen. Weiß jedoch von meinem Gefühl her, dass es im Grunde genommen stimmt. Es gab häufiger Situationen mit diesem Hund, da wollte ich nicht mitmachen. Weil es mir nicht gut dabei ging, oder ich mich manipuliert fühlte. Aber aus Freundschaft oder Anstand oder weil es vielleicht um Solidarität ging, machte ich mit. Und überzog damit meine eignen Wünsche oder auch - ja, - es fehlte mir an Abgrenzung.

Weil ich mir auch nicht vorstellen konnte, dass es ein anderes Handeln oder eine andere Lebensbasis geben könnte. Oder eine Freundschaftsbasis, einen anderen Umgang mit Menschen.

Diese Treppensituation löste sich nur sehr langsam auf. Der Begleiter redete mir streng ins Gesicht. Schaute mich dabei an. Aus kurzer Distanz. Vielleicht 30 Zentimeter. 10 Zentimeter. Auge in Auge. Und ich wurde immer trauriger. Spürte immer stärker den Schmerz auf der Schulter und konnte mir vorstellen, wie hämisch der Hund grinste, dass jetzt ein großer Mann mich so bearbeitete, seelisch.

Es tat sehr weh. Tat sehr weh. ...

© Leseprobe aus dem Buch "Kussweilig - Traumbriefe, Aphorismen, Gedichte" mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian Bedor; Bildnachweis der Schreibmaschine: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

Beachten Sie auch die Leseprobe aus Das Diapendel - einem Roman von Christian Bedor

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