Walpurgismord. Nehmt euch bloß in Acht!

Ein leicht schräger Krimi aus dem idyllischen Harz (Leseprobe)

Lesetipp: Walpurgismord

Zum Inhalt des Buches:

Am Walpurgistag 1990 verschwinden Miriam und Georg Besserdich spurlos. Sie wollten eine Moorwanderung im Harz unternehmen, um allein zu sein und über ihre Probleme zu reden. Amadeus, der zwölfjährige Sohn des Ehepaars, wird von seiner schrulligen Großtante Lilly aufgezogen. Zwanzig Jahre später werden Lilly und Amadeus mit mehreren merkwürdigen Verbrechen konfrontiert. Unter anderem findet Lilly in ihrem Garten eine ermordete Frau.

Was geschah wirklich vor zwanzig Jahren? Könnte es sein, dass der totgeglaubte Georg Besserdich seine Finger im Spiel hat? Wieder ist Walpurgis, und wieder geschieht etwas Schreckliches. Amadeus und seine skurrile Großtante Lilly haben nur Zeit bis Mitternacht. Dann muss der Fall gelöst sein, oder ein weiterer Mensch stirbt.

Der romantische Harz mit seinen Hexensagen, mit Orten und Landschaften, mal idyllisch, mal wild oder spröde, bildet die Kulisse für diesen mysteriösen Kriminalfall. Ohne einen gewissen Humor würde man es nicht aushalten.

Das Buch des Autors Helmut Exner ist beim EPV-Verlag erschienen.

Leseprobe aus "Walpurgismord":

Nehmt euch bloß in Acht vor der Alten! Wenn die ihr Maul aufmacht, kommt Gift und Galle raus. Ihren letzten Chef soll sie zuerst in den Wahnsinn und dann in den Tod getrieben haben. Bevor er morgens zur Schule ging, musste er schon Beruhigungsmittel nehmen. Nicht etwa, dass er Probleme mit Schülern oder Eltern gehabt hätte. Nein, es war die pure Angst vor diesem Weib. Und was war mit ihrem vorletzten Chef? Der lebt doch noch? Ja, aber auch nur, weil er rechtzeitig die Kurve gekriegt und in Frühpension gegangen ist.

Ihrem Arzt soll sie mal gesagt haben, wenn man so einen Schmerbauch hat, sollte man sich nicht als Ernährungsberater aufspielen. Und beim Schlachter hat sie vom Stapel gelassen, dass der Fleischsalat aussieht wie schon mal gegessen. Das ist ja noch gar nichts gegen das, was sie seinerzeit dem Pastor gesagt haben soll. Was denn? Nun mischte sich ein Mann in seinem Oberharzer Jargon ein: Ich geh ja net in dar Körch. Nur an Heilich Amd. Aber als der Paster mal über de Moral von de jungn Leut gepredicht hat, hat se ne beim Rausgehn gesaacht, dass de Popen sich lieber um ihrn eichnen Pimmel kümmern solln, dann hättn se genuch zu tun. Das kleine Grüppchen von Leuten, die dieses Gespräch auf der Straße führten, konnte sich vor Lachen kaum halten. Aber so war es immer, wenn es um Lilly Höschen ging.

Es kursierten unendlich viele Geschichten über sie. Niemand wusste mehr so recht, was Fantasie und was Wirklichkeit war. Das ist Lilly Höschen wie sie leibt und lebt. Eine kleine, zarte Frau, ehemals Oberstudienrätin für Deutsch und Englisch in Clausthal-Zellerfeld. Inzwischen war sie achtzig Jahre alt und natürlich längst pensioniert. Sie wohnte in Lautenthal. In ihrem Haus am Berg thronte sie geradezu über dem kleinen Städtchen. Im Umgang mit ihren Mitmenschen galt sie durchaus als freundlich, ja liebenswürdig und hilfsbereit. Aber wehe, wenn sie sich veranlasst sah, einen ihrer Giftpfeile abzuschießen. Da konnte ihr niemand ausweichen oder gar Kontra bieten. Das schlimmste Vergehen war, ihren Namen wie Hös-chen auszusprechen und nicht wie Hö-schen mit kurzem ö und sch. Wer das tat, hatte eine Feindin fürs Leben.

Aber das Gerede der Leute interessierte Lilly nicht sonderlich. Und heute schon gar nicht, denn sie hatte es eilig. Der Sohn einer angesehenen Frau musste heute vor dem Amtsgericht Clausthal-Zellerfeld erscheinen, weil er angeblich geklaut hatte. Eine peinliche Sache. Und sie, Lilly, hatte davon erst heute Morgen erfahren. Wie der Zufall es wollte, war ausgerechnet sie es, die dem jungen Mann ein Alibi geben konnte. Und zu allem Überfluss war ihr Großneffe Amadeus auch noch der Verteidiger in diesem Fall. Dieser Bengel, warum konnte er ihr nicht etwas mehr über seine Arbeit erzählen? Dann hätte sie alles im Vorfeld aufklären können und es wäre gar nicht erst zu dieser peinlichen Verhandlung gekommen.

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Mit ihren achtzig Jahren war Lilly noch gut beieinander. Sie stieg in ihren alten BMW und machte sich auf den Weg nach Clausthal-Zellerfeld. Diese beiden Städtchen mit zusammen fünfzehntausend Einwohnern waren 1924 zu einer Stadt zusammengeschlossen worden. Jahrhundertelang waren beide Orte selbstständig gewesen. Und bis in die Gegenwart hinein gab es nicht wenige Menschen, die in dem jeweils anderen Ort nicht tot überm Zaun hängen wollten, geschweige denn, dort wohnen würden. Die Talsenke ist bis heute die Grenze zwischen beiden Orten, und es ist von entscheidender Bedeutung, ob man ein paar Meter weiter hüben oder drüben wohnt. Es sollen schon Ehen daran gescheitert sein, weil man sich nicht einigen konnte, ob man die gemeinsame Wohnung in Clausthal oder in Zellerfeld haben sollte. Lilly war das egal. Sie wohnte in Lautenthal. Das Amtsgericht befand sich in Zellerfeld, direkt gegenüber der Kirche, die viele Clausthaler in ihrem ganzen Leben nie betraten.

Es gab natürlich keinen Parkplatz am Gericht. Also stellte Lilly ihren Wagen am Minigolfplatz ab und ging dann eilig über die Straße, ihren glimmenden Zigarillo im Mund. Jeder kannte sie in der Stadt, in der sie fast vierzig Jahre lang unterrichtet und hin und wieder für Aufsehen gesorgt hatte. Die kleine, dünne, fast unscheinbar wirkende Frau mit ihrer mal weißen und mal blonden Lockenfrisur galt als Autorität. Wer ihr begegnete und nicht mehr rechtzeitig die Straßenseite wechseln konnte, grüßte sie freundlich und ging eiligen Schrittes weiter. Bloß nicht auf ein Gespräch einlassen. Denn oft endete solch eine belanglose Plauderei mit einer Maßregelung oder einem Tadel. Und wer sich gar erdreistete, ihr offen zu widersprechen, konnte durchaus mit einer handfesten Beleidigung rechnen. Aber heute hatte Lilly dafür keine Zeit. Schnellen Schrittes betrat sie den Flur des Amtsgerichts. Der Hausmeister, der ihr über den Weg lief, schaute ganz entgeistert und sagte:

"Hier ist Rauchen verboten", woraufhin sie ihm ihren Zigarillo in die Hand drückte und sich nach dem Saal erkundigte, in dem die Verhandlung stattfand. Ganz verdattert ging der Hausmeister mit dem Zigarillo nach draußen.

Als Lilly die Tür des Gerichtssaals öffnete und eintrat, redete der Richter gerade. Mit Mühe brachte er seinen Satz zu Ende und tat so, als sähe er seine alte Lehrerin gar nicht. Wahrscheinlich ist die Alte nur neugierig und will ihrem Großneffen Amadeus bei der Arbeit zusehen, hoffte er. Aber da hatte er sich geirrt. Mit ihrer durchdringenden Stimme sagte sie:

"Ich habe eine Aussage in diesem Fall zu machen."

Am besten so tun, als würde ich sie gar nicht kennen, dachte Richter Ulrich Geist. "Sind Sie als Zeugin geladen?", fragte er.

"Ulrich Geist, du weißt ganz genau, dass ich nicht als Zeugin geladen bin. Das ist ja gerade der Fehler. Ich habe eine Aussage zu machen, um dieses Gericht vor einem Fehlurteil zu bewahren."

"Ich verstehe nicht. Wer sind Sie denn überhaupt?", stammelte der Richter, wohlwissend, wie unglaubwürdig seine Frage war.

"Du weißt ganz genau, wer ich bin", sagte Lilly. Der Richter tat erstaunt und fragte wie ein schlechter Schauspieler:

"Frau Höschen?"

"Fräulein, wenn ich bitten darf. Ich habe immer noch nicht geheiratet."

Die bis jetzt gelangweilten Zuschauer fingen an, sich zu amüsieren, während Amadeus, der auf der linken Seite mit seinem Mandanten saß, sich die Hände vors Gesicht hielt. Am liebsten wäre er im Boden versunken und betete, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge.

"Oh, Entschuldigung, Fräulein Höschen. Aber ich habe Sie so lange nicht gesehen, dass ... ", stotterte der Richter und Lilly erwiderte:
"Nein, du ziehst es ja vor, jedes Mal die Straßenseite zu wechseln, wenn wir uns begegnen!" Jetzt fingen die Zuschauer an zu lachen, während sich Amadeus die Haare raufte.

"Nun, Fräulein Höschen, setzen Sie sich doch bitte einfach auf den Zeugenstuhl. Er ist gerade frei geworden."

Über den Autor:

Helmut Exner wurde 1953 in Lautenthal im Harz geboren. Er arbeitete im Buchhandel und in Verlagen. Seit 1997 ist er selbst Verleger. Seine große Liebe ist das Schreiben.

Mit dem Roman "Die Frauen von Janowka", erschienen 2010, hat Helmut Exner ein Stück seiner eigenen, spannenden Familiengeschichte erarbeitet. Seine Krimis "Walpurgismord" und "Sauschlägers Paradies", beide 2011 erschienen, spielen vorwiegend im Harz und bedienen sich der derben Sprache der Region und skurriler Charaktere.

Die Kombination von Spannung und Wortwitz ist es, die Helmut Exners Schreiben charakterisiert. Im März 2012 erschien ein weiterer Krimi, der in Schleswig-Holstein und im Harz spielt: "Die Segeberg-Connection, die Lübecker Marzipanleiche und der Harzer Roller". Lilly Höschen, das alte Fräulein, ist in allen drei Krimis zur beliebten Serienfigur geworden.

© Leseprobe aus "Walpurgismord" und Abbildung des Buchcovers mit freundlicher Genehmigung des EPV-Verlages. Die oben genannten Bücher können direkt über den Verlag bezogen werden.

Beachten Sie auch die Leseprobe zu Lilly fährt mit dem Zeppelin zum Mond

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