Die Mutter des Marionettenkaisers II

Leseprobe aus dem historischen Roman von Ulla Schmid

Westrom

Ort und Zeit der Handlung:
Weströmisches Reich, in der zu Ende gehenden Kaiserzeit zwischen 450 und 476 nach Christus.

+ + +

Nach drei Tagen stand Odoaker vor Orestes und er wusste schon, was Orestes ihm sagen würde: "Ich habe mich entschieden, eurem Ansinnen nicht nachzugeben. Die Hilfstruppen erhalten hier in Italien kein Land."

"Nun, dann musst du die Konsequenzen auch tragen", meinte Odoaker. "Du bist wirklich nicht klug, Orestes. Dass du so ein Dummkopf bist, hätte ich nicht gedacht."

Mit den Worten "Du kannst jetzt gehen und komm mir nie mehr unter die Augen" warf Orestes den Odoaker hinaus.

Odoaker starrte ihn böse an: "Du wirfst mich jetzt hinaus, aber ich komme wieder und ich komme nicht alleine. Die Hilfstruppen gehorchen mir aufs Wort. Das wirst du noch bitter bereuen."

Es sollte nicht lange dauern, bis Odoaker mit den Hilfstruppen reagierte.

Eines Morgens stürmte Paulus mit gehetztem Gesichtsausdruck in das Büro seines Bruders. So dringend war es, dass er nicht einmal anklopfte, was er sonst immer tat: "Schau mal aus dem Fenster", forderte er ihn auf.

Orestes konnte sich nicht denken, was Paulus eigentlich von ihm wollte. Draußen standen die Hilfstruppen in Reih und Glied. Orestes starrte Paulus an.

"Du kannst rausschauen, wo du willst. Sie haben den Palast umstellt, Odoaker führt sie an. Sie führen nichts Gutes im Schild und sie machen schon Anstalten, den Palast zu stürmen. Warum hast du auch das Ansinnen der Hilfstruppen abgelehnt?", meinte nun Paulus. "Hättest du doch nur auf mich gehört."

"Bei welchen Truppenteilen der Hilfstruppen steht Odoaker?", fragte Orestes tonlos.

"Wozu willst du das wissen? Was hast du davon, wenn du das weißt?", gab Paulus barsch zurück. "Es nützt uns jetzt nichts mehr, aber er steht am Haupteingang des Palastes. Komm mit, dann kannst du dich überzeugen."

Zusammen stürmten sie an ein Fenster, das über dem Haupteingang lag. Sie hörten die harte Stimme des Odoaker, der in diesem Moment den Befehl zur Stürmung des Palastes bellte. Die Hilfstruppen setzten sich gut aufgestellt rasch in Bewegung. So waren in früheren Zeiten die römischen Legionäre marschiert - diese Zeiten waren schon sehr lange vorbei.

Orestes begriff endgültig, dass er einen schwerwiegenden Fehler gemacht hatte, als er das Ansinnen der Hilfstruppen über Odoaker abgelehnt hatte. Aber jetzt war es zu spät und alles "wenn" und "aber" und "hätte ich doch" nützte jetzt nichts mehr. Hier war für ihn, seinen Sohn, Paulus und seine wenigen Getreuen nichts mehr zu machen. Voller hochtrabender Pläne waren er und sein Bruder nach Rom gekommen und er mochte auch bitter daran denken, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, nach Ostrom zu gehen. Aber auch das nützte jetzt nichts mehr.

Rasch rannte er mit Paulus in das Zimmer seines Sohnes: "Mach schnell. Wir müssen weg!", herrschte er Romulus an. Dieser war so überrascht, dass er gar nicht fragen konnte, warum sie weg müssten, und Orestes nahm das Wort "Flucht" nicht in seinem Mund. Es war gar nicht so sicher, ob sie auch aus dem Palast kommen könnten. Odoaker wusste sicher um die geheimen Aus- und Eingänge des Palastes. Einige wenige Freunde waren schnell zusammengetrommelt und Orestes erklärte ihnen, dass eine Stürmung des Palastes durch die Hilfstruppen unter Anführung des Odoaker sicher sei.

"Was ist mit Mutter?", konnte nun Romulus fragen. "Nehmen wir sie nicht mit?"

"Nein, wir nehmen sie nicht mit", gab Orestes kurz zu verstehen.

Zurück zum ersten Teil Die Mutter des Marionettenkaisers (I)

Alle Bücher von Ulla Schmid auf ihrer Autorenseite

© Leseprobe aus "Die Mutter des Marionettenkaisers": Autorin Ulla Schmid. Die Abbildung zeigt einen Kartenausschnitt des westlichen Mittelmeerraumes ab 450 bis etwa 476, aus dem "Allgemeinen historischen Handatlas" von Gustav Droysen, 1886 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt