Er ist anders, er ist nicht wie du

Leseprobe aus 'Larrys Sohn' von Deddine Kuschel-Swyter

Lesetipp: Larrys Sohn

Zum Inhalt des Buches:

Darwin, die kleine Küstenstadt im Norden von Australien im Jahre 1973, ein Jahr bevor der Zyklon 'Tracy' die Stadt total zerstört. Hierher verschlägt es die junge Holländerin Clarissa van Doorn, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu beginnen. Ihr Leben scheint vorgezeichnet, ihre Zukunft fest geplant; zumindest in den Augen von Bernie, ihrem Freund.

Aber schon bald verlässt sie das Schwesternheim und zieht in eine Wohngemeinschaft, in einem alten Tropenhaus am Rande der Stadt.

Dort trifft sie Larry, zu dem sie tiefe Gefühle entwickelt. Aber Larry ist anders. Nicht nur seine Hautfarbe ist anders, sondern er kommt aus einer anderen Kultur, aus einer anderen Welt.

Leseprobe aus dem Buch "Larrys Sohn":

Von nun an kam Larry fast jede Nacht zu ihr, manchmal nur für einen Kuss, manchmal für länger, aber nie blieb er bis zum Morgen. So kam es, dass Jane und Alex nichts merkten, denn auch am Tage gaben Clarissa und Larry sich Mühe, ihr kleines Geheimnis zu verstecken. Sie hätten gar nicht sagen können, warum sie es taten, warum sie ihre Gefühle nicht offen zeigten, aber bald war ein Spiel daraus geworden, und es machte Spaß, die anderen an der Nase herumzuführen.

Eines Abends gingen sie zu viert zum Essen aus. Im Restaurant trafen sie einen Arbeitskollegen von Alex und Larry mit dessen Frau, und sie unterhielten sich eine Weile. Schließlich luden die beiden sie alle gemeinsam zum Dinner für den kommenden Samstag ein. Später, auf dem Heimweg, sah Alex Clarissa grinsend an und sagte, ohne dass Larry es hören konnte:

"Du, die glauben, ihr beide, der Larry und du, ihr seid ein Paar!" Er fand das sehr lustig. Ein anderes Mal, als sie allein mit Alex durch die Stadt ging, trafen sie einen Bekannten von ihm. Sie redeten eine Weile und Alex erzählte von ihrem Haus in der Wells Street.

"... und dann wohnt da noch einer bei uns", sagte er leichthin, "ein Blacky."

Nein, Alex hatte keine Ahnung.

Am Samstag gingen sie gemeinsam zu dem vereinbarten Dinner, und an diesem Abend bereute Clarissa es zum ersten Mal, dass sie sich noch nicht offen zu Larry bekannt hatte. Er saß weit weg von ihr.

Manchmal suchten sich ihre Augen, und unter dem Tisch fühlte sie seine Füße tastend über ihre Sandalen gleiten. Aber das war zu wenig.

Sie wollte es ändern, das nahm sie sich vor. Sie suchte nach einer guten Gelegenheit, aber an dem Abend ergab es sich nicht, und am nächsten Morgen löste sich das Problem auf andere Weise.

Es war Sonntagmorgen. Zum ersten Mal war Larry bei ihr geblieben, die ganze Nacht. Auch als sie aufwachte, war er noch da, obwohl es doch schon hell war.

Vor der Tür schlurfte Alex vorbei, und sie hörten ihn in der Küche rumoren. Er machte Tee. Dann kam er wieder durch den Flur, etwas bedächtiger dieses Mal. Sie hörten ihn an Larrys Tür.

"Hey, hier ist ja niemand ..." und dann kam er zu Clarissas Tür und schmetterte "... good morning, sunshine ..." und im nächsten Moment stand er mit dem Teetablett in ihrem Zimmer. Von da an herrschten klare Verhältnisse.

Larry blieb nun oft bei ihr bis zum Morgen, und jedes Mal gab es einen Kampf beim Aufstehen, denn Clarissa musste als erste raus, und Larry kannte viele Tricks und Gründe, sie noch etwas aufzuhalten. Dann musste immer alles sehr schnell gehen; kurz unter die Dusche und rein in die Kleider, das Müsli-Frühstück meist im Stehen; sie kam oft zu spät.

Seit Anfang des Jahres arbeitete Clarissa in einer Druckerei als Aushilfe. Es war ein kleiner Betrieb mit einer netten Belegschaft und einer angenehmen Atmosphäre. Sie war gerne dort, obwohl es eine sehr stupide Arbeit war, vor allem am Anfang.

Mit zwei anderen Frauen stand sie an einem großen Tisch, auf dem viele Stapel von bedrucktem Papier lagen, das gefaltet werden musste, Seite für Seite, blitzschnell. Später durfte sie auch die Sortiermaschine bedienen oder am Schneideapparat arbeiten, und schließlich lernte sie auch das Binden von Büchern mit einfachen Geräten.

Mit Sally, einer der anderen 'Papierfalterinnen', traf sie sich manchmal nach der Arbeit zum Squash spielen, und oft ging sie am Freitagabend nach Dienstschluss mit den Kollegen ins Pub.

Freitags war 'Pub-Abend', das wusste jeder in Darwin. Auch Larry kam dann selten vor Mitternacht nach Hause. Es gab Dutzende von Pubs - oder 'Hotels', wie man sie dort nennt, und die Chance, dass sie Larry an solch einem Abend treffen würde, war gering. Aber einmal geschah es doch.

Clarissa saß mit den Leuten aus der Druckerei in feuchtfröhlicher Runde im 'Territorian', als Larry hereinkam mit Erwyn, seinem Freund. Sie winkte ihm zu, und er war überrascht, sie zu sehen, lachte und winkte zurück. Aber herüber kam er nicht. Er tauchte mit Erwyn im Gedränge an der Bar unter.

"War er das?" fragten die anderen, und Clarissa nickte. "Ja, das war er, das war Larry, der Schwarze dort"; und dann sagten sie nichts mehr.

Sie gewöhnte sich daran, dass andere verstummten, wenn es um sie und Larry ging. Es waren erst wenige Wochen vergangen seit jener ersten Nacht, und sie nahm es schon längst nicht mehr wahr, dass an Larry etwas anders war. Sie sah nur ihn, Larry, den Menschen; Larry, den sie liebte. Sie merkte nicht, was andere dachten, sagten, taten. Es war nicht wichtig. Es hatte nichts mir ihnen zu tun, mit Larry und ihr.

Nur manchmal, manchmal stießen die anderen sie darauf.

"Er ist schwarz, er ist anders; er ist nicht wie du."

Und einmal war es Larry selbst, der sie daran erinnerte, dass er anders war. Sie sprachen über Reisen. Larry träumte von einer Reise nach Südamerika. Er hatte sogar damit begonnen, Spanisch zu lernen.

"Und Nordamerika", warf Clarissa ein, "würde dich das nicht reizen?"

"Oh nein", er schüttelte ganz energisch den Kopf. "Niemals werde ich in die USA reisen", und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu, "dort schießen sie auf uns."

© "Er ist anders" - Leseprobe und Buchcover: Deddine Kuschel-Swyter

Zum Buch 'Larrys Sohn' von Deddine Kuschel-Swyter

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