Schlangentage - Die Falschheit des warmen Wetters

Kurzgeschichte

Eiskristalle

"Wenn ein Sommer keiner war", so denkt sie, "dann ist man vielleicht nicht stark genug für den Winter." Es ist noch sonnig, jetzt zu Herbstbeginn, denn es wurde sehr spät richtig warm in diesem Jahr. Am Anfang gab es diese Attrappentage, an denen es sehr warm wurde und alle Leute die Sommersachen aus den Schränken kramten, viel zu früh natürlich. Dann lag das Zeug herum, nur wenige Tage später, denn man musste wieder Jacken tragen.

Ihre lange Erfahrung sagt ihr, dass so ein Frühlingsbeginn etwas Hinterlistiges an sich hat und dass er gefährlich sein kann. Wie viele holten sich noch schnell vor dem Sommer eine Erkältung, einen Schnupfen oder Husten dadurch. Sie lächelt und denkt an ihre eigenen frühen Sommertage, wobei sie dieses Wort auf ihre Jugend bezieht. Es muss viel wärmer gewesen sein, damals. Alles war wärmer, das Herz fror noch nicht, und deshalb war es nie so kalt wie in späterer Zeit. Da wehte dann oft ein kühler Wind, und man holte sich mehr als eine Grippe.

Sie sieht auf und betrachtet die Vorübergehenden, die Kinder in den luftigen Sommerkleidern und die jungen Leute in ihren knappen Shorts und Hemden. Es war heiß, richtig heiß ... aber um ihre Füße herum konnte sie den nahenden Herbst schon spüren ... ein Luftzug, kaum merklich war das - wie eine kleine Schlange, die prüfend ihre gespaltene Zunge über die empfindliche Haut gleiten lässt. Der Geruch in der warmen Luft ist es, der ihr die Falschheit des warmen Wetters verrät, denn es riech nach Herbst, nach verrottenden Blättern und nach der Kälte, die bald kommen wird. Noch hat sie keine wirkliche Angst davor, denn ihr ist noch recht behaglich, aber doch denkt sie an viele Dinge, die sie für einige Wochen fast vergessen konnte. An Schuhe mit dicken Sohlen, Pullover und Jacken, Decken. "Ja, Decken", denkt sie, und: "dass es nie genug Decken gibt auf der Welt."

Noch hat sie es schön hier, auf der Bank im Park, wo diese bunten Beete nur für sie da sind. Farbe und Geruch, überwältigende Dinge für ihre Sinne, die weitaus tristere Reize gewohnt sind. Grau und schmutzigbeige sind die Farben, die ihre Wände ausmachen, die vielen tausend Wände, an denen sie blind entlanggehen könnte, weil sie ihr so vertraut sind wie einem behüteten Kind die Kissen im Bettchen. Sie streicht an ihnen entlang und fühlt sich sicher, aber todtraurig mit ihnen. Sie sieht nicht mehr zu den Fenstern hoch, so wie damals noch, als sie anfing, durch die Straßen zu gehen von morgens bis abends und manchmal auch noch in der Nacht. Diese Lichter sahen alle warm aus, sie sahen freundlich aus. Vielleicht hatte ihres auch so ausgesehen, vielleicht hatte irgendjemand zu ihrem Licht hingesehen, als sie noch eins hatte.

"Nun", denkt sie und lächelt ein wenig über ihre Gedanken, "jeder ist irgendwann mal dran von der anderen Seite aus zu gucken." Die kleine Schlange, die sich noch immer sachte um ihre Knöchel windet, macht sich ein wenig mehr spürbar, und tatsächlich rufen manche Mütter ihre Kinder, um ihnen die mitgebrachten langärmeligen Sachen anzuziehen. Das Sonnenlicht wird leicht kupferfarben, es steigt eine Abendahnung auf mit dieser Lichtfarbe. Und es ist früher als gestern, und morgen wird es früher als heute sein. Bald wird das Schlänglein zu einer Python aufschwellen, das weiß sie ... und bevor die Angst davor sie am Hals fassen kann, steht sie auf. Ihr Ritual ist das Aufräumen ihres Wagens, das Umplatzieren und mit den Plastiktüten abdecken, damit nichts verrutscht. Als sie merkt, dass sich die Metallmaschen des alten Einkaufswagens kühl anfühlen, muss sie sich gewaltsam von der Vorstellung des Frostes am Morgen losreißen, der auf sie wartet. Noch nicht nächste Woche, noch nicht gleich nächsten Monat, aber doch sehr bald.

Und sie ist so müde geworden, sie hatte alles zusammengenommen an Kraft, um sich in den Sommer zu retten. Aber der ist nicht gekommen, er hat sich verweigert und ist durch ihr Leben gerannt in diesem Jahr. Jetzt bleibt nichts als der Winter, die Kälte und das Licht mit dem Leichentuchton. Bald wird die Schlange, die um ihre empfindlichen Füße streicht, ihr Herz erreicht haben.

Endlich ist sie fertig und kann den Wagen langsam anschieben, aus dem Park heraus und dahin, wo sie sich hinlegen wird für diese Nacht. Es wird nicht allzu kalt werden heute, und morgen ist ein anderer Tag. Manchmal gibt es ja im Herbst, wenn der Sommer kühl war, noch viele schöne Tage.

© "Schlangentage - Die Falschheit des warmen Wetters" - eine Kurzgeschichte von , 2012.

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