Schwäbisch für Anfänger

Kurzgeschichte von Heidrun Böhm

Am Biertisch

Es passierte im Goldenen Ochsen. Dort treffen wir uns jeden Tag nach Feierabend auf ein Bierchen. Wir, das sind der Franz, der Anton und ich, der Frieder.

In der Textilfabrik, in der wir arbeiten, ist seit einiger Zeit ein Ausländer beschäftigt. Die drücken hier überall wie die Mücken rein und trinken unser Bier. Unser Ausländer kommt aus Anatolien und heißt "Fatma" oder so ähnlich. Der Einfachheit halber nennen wir ihn "der Türk".

Da "der Türk" keine Frau mitgebracht hat, ist es ihm manchmal recht langweilig. Wenn er nicht weiß, was er nach Feierabend tun soll, kommt er zu unserem Stammtisch. Er ist wirklich ein netter Kerl, aber wir haben immer Verständigungsschwierigkeiten.

Gestern kam er in die Wirtschaft, als ich schrie: "Gabi du Habergoiß, lupf doch dei Hinterteil au mol!" Da war der Türk ganz baff. Er setzte sich vorsichtig zu mir an den Tisch und fragte: "Du bestellen?" "Ja, ich bestellen, aber warten schon eine halbe Stunde, weil der Lällabäbbel von Wirt mit der Gabi hehlenge aufs Zimmer goht", versuchte ich zu erklären. Verblüfft starrte der Türk mich an. "Du Wut, warum?", fragte er stirnrunzelnd. "Kein Bier!", schrie ich in schönstem Hochdeutsch. "Ah, kein Bier", nickte er. "Egal, du trinken Wein", riet er mir dann. "Gabi aber nix kommen mein Lieber", versuchte ich zu erklären. "Oh, Gabi nix mehr da?"

"Gabi mit Wirt fort!", brüllte ich verzweifelt. "Ah ja", lachte der Türk, "ich verstehen." Anton, der auch schon eine halbe Stunde auf sein Bier wartete, hatte einen zornroten Schädel. "Dem Wirt hau i demnächst oine aufs Kappedach. Mir hend Durst. Bedienung kann ma in dem Saustall doch verlange!"

"Aha Saustall", nickte der Türk und grunzte laut, stolz darauf, dass er etwas verstanden hatte. "Der Ausländer weiß nicht, was Sie unter einem Saustall verstehen. Sie müssen ihm das besser erklären", hörten wir plötzlich eine Stimme vom Nachbartisch sagen. Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Redner, der außer uns der einzige Gast war. "I glaub der ischt von Schtuagart, der hot vorher so komisch gschwätzt", flüsterte Anton uns zu.

Jetzt mischte sich ausgerechnet der Franz, der schnell jähzornig wurde, ein: "Mein Herr, wir haben hier einen ganz privaten Händel. Ich möchte Sie bitten ihre Gosch zu halten", sagte er noch ganz höflich. "Ich bin auch ein Schwabe", konterte der Stuttgarter. "Seit wann?" Franz lief rotblau an, die Adern an seiner Stirn wurden dick. Ich legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. Aber jetzt machte der Stadtfatzke einen entscheidenden Fehler. "Bei uns in Stuttgart beschwert man sich in aller Diskretion. Da geht man zur Theke und nimmt den Wirt bei Seite. Aber hier oben auf der Alb kann man das wohl nicht verlangen."

"Ja Himmel Herrgott, kascht du mir vielleicht sage, wie i des mache soll!", schrie Franz, und stand auf. "Bitte mäßigen Sie sich", bat der Stuttgarter höflich.

"Du nix Streit", sagte der Türk. "Alles gut." Aber es war schon zu spät, das wussten wir. Deshalb gingen wir und tranken unser Bier zu Hause.

Am nächsten Tag habe ich erfahren, dass der Wirt und die Gabi bei ihrer Rückkehr die Wirtschaft nicht im gewohnten Zustand angetroffen haben. Der Franz ist eben jähzornig. Aber mich hat das auch geärgert. Ich verstehe nicht, warum sich ein Stuttgarter einmischt, wenn wir unserem Türk Deutschunterricht geben.

© Text zu "Schwäbisch für Anfänger" mit freundlicher Genehmigung von Heidrun Böhm; Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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