Stern in der Nacht - Auf zum Steinbruch

Kurzgeschichte aus der Zeit des Holocaust

Ghetto

Sie weint, sie weint immerzu und ich weiß nicht, was ich tun soll. Papa ist fort, lange schon. Er ging fort und kam nicht mehr wieder, dann kam Oma Schlessnig von nebenan und hat mit Mama gesprochen. Mich haben sie rausgeschickt in das Stiegenhaus. Ich habe Angst und mein Freund Karel hat gesagt, dass auch er fortgeht und dass er nicht darüber sprechen darf. Mir hat er es aber trotzdem gesagt, das ist Ehrensache.

Wenn wir groß sind, werden wir zusammen zur See fahren und Schätze finden, das ist ausgemacht. Karel weiß ganz viel über Piraten und versteckte Schätze. Sein Papa hat ihm Bücher geschenkt und ich durfte sie mir ausleihen. Wir flüstern, denn Mama hat gesagt, dass wir nicht laut reden dürfen, wegen der "Schwarzen". Immer muss man auf der Hut sein vor denen, nie darf man irgendwas machen und nie darf man irgendwohin gehen. Als Karel und ich kleiner waren, sind wir oft in den alten Steinbruch gegangen zum Spielen. Da haben wir Piratenflöße gebaut und auch gelesen, aber das dürfen wir nicht mehr. Ich hab auch keine Lust mehr, ich friere so viel und hab meistens auch Hunger. Wenn ich das Mama sage, weint sie ganz schlimm und deshalb sag ich's nicht.

Jetzt sagt Karel, dass er rein muss und ich geh langsam die Treppe wieder rauf, denn ich höre, dass die Wohnungstüre aufgegangen ist. Oma Schlessnig ist sicher fort, und ich darf wieder rein. Aber Mama zerrt mich in die Wohnung und sagt, dass ich meine Stiefel anziehen soll. Und den Mantel. Der Mantel sieht blöd aus, er ist auch zu eng, aber als ich das sage, zischt sie mich an. Dabei weint sie und ich weiß wieder nicht, was ich tun soll, also bin ich ruhig und tu, was sie sagt. Meinen alten Rucksack hat sie vollgepackt mit irgendwas, ihren eigenen auch. Die hatten wir immer dabei, wenn wir wandern gingen, früher als Papa noch da war. Sie wirft ihr Tuch um die Schultern, so dass es den Stern verdeckt, den sie auf ihren Mantel genäht hat.

Wir gehen runter und sie nimmt meine Hand, aber sie quetscht meine Finger zu fest und das tut weh. Es wird langsam dunkel - wieso gehen wir jetzt raus? Niemand ist draußen auf der Straße, und Mama zieht mich weiter. Da hören wir Tritte - das sind Stiefel, keine Schuhe. Mama schiebt mich in eine dunkle Toreinfahrt, die sich neben uns auftut und drückt mich an die feuchte Mauer. Die Schwarzen kommen genau in unsere Richtung, sie reden laut und ihre Absätze knallen auf das Pflaster. Ich kann fühlen, wie meine Mama zittert, aber ich zittere jetzt nicht. Ich bin der berühmteste Piratenkapitän der ganzen Welt und ich ziehe meinen Säbel, um sie zu beschützen. Die Schwarzen kriegen Angst und lassen alles fallen, sie kennen mich. Einer nach dem anderen geht langsam rückwärts über die Planke, bis sie in das tiefe Wasser fallen, zu den Haien und Meeresungeheuern. Dann setzen wir die Segel und fahren weiter.

Mamas Hand gräbt sich in meine Schulter, so fest, dass ich fast schreie, aber ich beiße mir auf die Zunge. Niemand darf draußen sein, wenn es dunkel geworden ist. Die Schwarzen kommen an der Einfahrt vorbei, einer bleibt stehen ... kommt in der Dunkelheit auf uns zu. Ich hole nicht mal Luft - er tut irgendwas, Metall klirrt leise und dann plätschert es. Es plätschert genau auf meine Stiefelspitzen, und ich hab die Augen zu, damit es noch schwärzer wird in der Toreinfahrt. Dann nuschelt der Schwarze etwas und kurz darauf höre ich seine Schritte wieder - er geht auf die Straße hinaus. Mama und ich bleiben noch lange stehen, so lange, bis wir nichts mehr hören. Meine Stiefel sind nass und weil sie Löcher haben, sind meine Strümpfe auch nass von dem ekligen Zeug. Aber ich sag das nicht, weil wir weiter müssen. Mama sagt kein Wort, bis wir in den Hohlweg einbiegen, der zu den Feldern und dem Wald führt. Hier geht es auch zum Steinbruch, sogar im Dunkeln kenne ich diesen Weg.

Wohin will sie nur - was ist mit Papa und wo schlafen wir heute Nacht? Dass wir nicht mehr nach Hause gehen, hat sie mir vorhin gesagt. Wir gehen schon so lange, ich bin so müde und habe auch Angst, weil ich mich nicht mehr auskenne. Ich fange auch an zu weinen, und sie sagt etwas von "Grenze" und auch von Freunden. Und dass wir es schon schaffen werden. Und dass wir nachts laufen und tagsüber schlafen werden. Und als ich schon gar nicht mehr richtig laufen kann, sehe ich dass vor uns Lichter aufblitzen - wie von Taschenlampen.

© "Stern in der Nacht - Auf zum Steinbruch" - eine Holocaust Kurzgeschichte von , 2012. Zeichnung: "A Street View In The Warsaw Ghetto" (1952) von Chaim Goldberg (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

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