Das Turnier

Träume von einem barrierefreien Leben

Aktuelles Autoren
Billardtische Sport Fun
Bildung Cartoons
Fantasy Horoskop
Fotos kostenlos
Gesundheit Kalender
Kinderecke Krafttiere
Kultur Legenden
Leseproben Leserbriefe
Mobiles Lesen
Literatur Personen
Publikationen
Ratgeber Reisen
Sagen Sudoku
PDF lesen Serien
Tarot Wissen
Unternehmen Wirtschaft
Wunschzettel

Pferd

Pferd - Foto von Lothar Seifert

Ich will das nicht, ich kann das nicht - aber es wird wohl unausweichlich sein. Ich kann den Tumult da draußen spüren, kann ihn riechen... ich spüre es durch den Erdboden bis hinauf in meinen Kopf. Der Boden bebt von den schnellen Gängen der anderen Wettstreiter - es ist, als wolle er mir mitteilen, was geschieht. Vorhin waren sie bei mir, die Leute, und sie haben freundlich mit mir gesprochen und gelächelt dabei. Mein Aussehen gefällt ihnen, das konnte ich spüren. Sie kommen vor einem Wettkampf immer, sagen nette Dinge... aber sie sagen das eigentlich nicht zu mir, sondern zu den Fotografen, die meist dabei sind und vor allem natürlich zu ihm. Ich verstehe nichts davon, aber ich denke, dass er ebenfalls gut aussieht.

Das Dumme ist, dass ich ihn eigentlich mag... er ist nicht wirklich böse oder unfreundlich. Aber wenn wir zusammen hinauslaufen, dann habe ich Furcht vor diesen Händen und diesen Beinen, diesen unbarmherzigen Gliedmaßen, die den meinen so fremd sind und die dennoch eine Gewalt über mich haben, die unheimlich ist. Es gibt Momente, in denen ich ihm zurufen möchte: "Lass uns zusammen loslaufen, lass uns laufen, bis wir an endlose Wiesen kommen oder an lange Strände, und ich werde immer mit dir rennen! Nur fort von hier will ich, weit fort!" Aber er würde es nicht verstehen, seine Sprache ist nicht die meine und er reagiert nicht wirklich auf mich. Eigentlich ist er klug, aber ich kann ihm nur mit drei oder vier meiner Gebärden etwas übermitteln, mehr versteht er nicht. Das ist ihm auch völlig gleichgültig - ihm liegt daran, dass ich weiß, was er von mir will. Und ich weiß es... ich weiß es und ich hasse es.

Es wird lauter draußen, ich höre das satte Ploppen, wenn mein Vorgänger wieder auf dem Boden aufkommt und ich lausche ängstlich auf das scharrende Geräusch, das entsteht, wenn Holz auf Holz trifft. Das bedeutet, dass eine Stange heruntergefallen ist und es deshalb "Punkteabzug" gibt. Ich weiß nicht genau, was ich mit diesem Laut anfangen soll, aber ich weiß, dass dieses Geräusch oft bedeutet, dass sich jemand die Beine verletzt hat. Es ist der gleiche Schmerz, den man kennen lernt, wenn man nicht konzentriert genug beim Training ist. Sie schlagen gegen die Beine manchmal, und das tut weh. Man versucht, so hoch zu springen, dass man den Schmerz umgeht, und oft gelingt das, weil die Angst einen treibt.

Gleich wird es soweit sein, ich höre diesen sonderbar fremden Ton aus diesen Dingern, die überall hängen, er dröhnt ganz schrecklich im Schädel - aber Menschen brauchen das, weil ihre Ohren stumpf sind. Sie hören nicht viel, und vor allem hören sie nicht, wenn unsere Knochen aufkreischen, wenn wir diese widernatürlichen Dinge tun müssen. Zwar bilden sie sich einiges auf ihre Fürsorge für uns ein, wohl weil unsere Fesseln bandagiert werden, damit sie den Aufprall besser aushalten, oder wenn ein Stallbursche sie massiert, wenn sie zu stark anschwellen nach dem Turnier. Ich habe verstanden, was sie sagen, die Menschen, wenn wir mit hocherhobenem Kopf und leichtem Gang den Platz verlassen. Sie glauben, wir wären stolz auf den Sieg oder einen fehlerfreien Lauf. Sie wissen gar nichts, denn es ist nur die Erleichterung, die wir spüren, wenn es nicht irgendwo geknackt hat während des Parcours. Wer keinen Fehler macht, wird vielleicht massiert und fotografiert - im anderen Fall wird eher gestraft.

Turnier

Sie haben wieder etwas mit meiner Mähne und mit meinem Schweif gemacht, damit sie nicht fliegen im Wind - und es ist mir recht. Hier, auf diesem Platz, ist kein Raum für die Zeichen der Freiheit - es gibt zwischen den Hindernissen nie soviel Platz, damit die Haare wehen könnten. Wir sind gemacht, um mit gestrecktem Körper zu rennen unter dem Himmel, ohne Barrieren und Hindernisse. Leben wir in Freiheit, umgehen wir Hindernisse, wenn es irgend möglich ist. Wir können springen, aber wir tun es nur, wenn es nicht anders geht - die Verletzungsgefahr ist zu groß und der Verschleiß auch. Und wir schätzen genau ab, was wir riskieren können - hier zwingt man uns, gegen unseren Instinkt anzukämpfen. Manchmal ist der Impuls zu mächtig, dann weigert sich unser Körper einfach, ein schmerzhaft hohes und unnatürliches Hindernis zu überwinden. Aber das zahlt man uns heim, deshalb versuchen wir, gegen unsere Natur anzugehen - auch wenn wir wissen, dass es uns zugrunde richtet.

Das teuflische Zusammenspiel der Körper, wenn er auf meinem Rücken sitzt, der Druck auf die Weichen und der Zug an meinem Maul machen diese fürchterlichen Dinge... jeder Muskel wird kontrolliert, um genau den richtigen Anlauf für diese Hürden zu nehmen, unnatürliche Wendungen und Drehungen und der jähe Schub in vielfacher Weise bei einem Durchlauf... es ist wie Zügel aus Stahl am ganzen Körper.

Wenn es ruhig ist am Abend oder in der Nacht, kommen Bilder in meine Träume. Unsere Art hat sie gespeichert über lange, lange Zeiten. Eine Welt, in der es kaum Menschen gibt, Ebenen, über die wir laufen... so viele, dass der Erdboden nicht zu erkennen ist. Frei sind wir und niemand zwingt uns zu diesen Schmerzen. Unsere Knochen schmerzen, wenn wir alt sind - nicht von diesen Sprüngen, die keinen Sinn haben... außer, uns zu quälen. Ich kann es mir vorstellen, es ist wundervoll, aber auch wie ein Schmerz - aber einer, der fast gut tut.

Ich weiß nicht, was geschehen ist, dass es so gekommen ist... aber ich weiß, dass es nicht mehr allzu viele Turniere für mich geben wird. Ich habe es zu lange gemacht, und ich spüre nicht mehr dieselbe Kraft wie früher - die Menschen spüren es auch. Was dann geschehen wird, weiß ich nicht. Aber vielleicht wird meine Mähne doch noch im Wind wehen beim Lauf übers Gras... so wie in meinen Träumen.

Er kommt - ich muss hinaus...

© Text: ; Foto des Pferdes: Lothar Seifert; Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es bei AmazonBücher von Pressenet oder auch direkt über uns.

ImpressumKontakt