Der Tigerschnegel und die SchneckenfalleGeometrie hat im Garten nichts zu suchen |
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Nacktschnecke - ein Foto von Lothar Seifert Natürlich gibt es jede Menge Mitkonkurrenten um die leckeren Früchte oder auch um die Gemüsepflanzen - und dagegen sollte man etwas tun. Dass Marienkäfer erklärte Feinde der Blattläuse sind, ist bekannt - aber das gilt auch für die Brennnessel in bescheidenerem Rahmen - aus ihr lässt sich nämlich auf einfache Weise ein Sud herstellen, der manch winzigem Nervtöter den Garaus macht. Leider wird allzu oft der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben - soll heißen, die Nebeneffekte der handelsüblichen Mittel können unter Umständen die von Insekten oder anderen Tieren erzeugten Schäden übertreffen. Das Lesen der Gebrauchsanweisung ist so eine Sache, die man sich gerne erspart - wahrscheinlich, weil sie so trocken ist. Und außerdem hat der Nachbar, der das Mittel empfohlen hat, auch schon gleich die Dosierung und Anwendungshinweise mitgeliefert. Die Frage wäre nur: hat "er" den Beipackzettel gelesen? Leider ist in den Köpfen vieler Gärtner noch der Kernsatz "Viel hilft viel" sicher installiert - und so wird manchmal ein mäßig mit Vorsicht zu genießendes Mittel zu einem chemischen Overkill. Und nicht nur das "Zuviel" kann zu einem Problem werden, sondern auch das "Zu schnell", denn wer beim Anblick einer Nacktschnecke sofort zur Chemie greift, tut wahrscheinlich schon im Ansatz zuviel des Guten, beziehungsweise des Bedenklichen. Dabei lohnt sich ein intensiverer Blick tatsächlich, denn man sollte die Population dieser unbeliebten Gesellen im Gegensatz zu ihren Fressfeinden betrachten. Die sind nämlich sehr zahlreich - so gibt es viele Vögel, die Nacktschnecken als Leckerbissen schätzen.
Wenn ein Garten nicht allzu "aufgeräumt" und frei von allem ist, was vielleicht ein wenig wuchern könnte, bietet er nicht nur den so genannten Schädlingen, sondern auch den Nützlingen Unterschlupf und Raum. Das macht sich durch ein passables Gleichgewicht bemerkbar - und eine Belohnung gibt es auch dafür. Denn wer Hecken und Nesseln einen Platz lässt und nicht alle abgefallenen Äste gleich wegräumt, sondern sie vielleicht in einem Winkel sammelt und zur Freizone erklärt, bekommt mehr zu sehen als schnurgerade gepflanzte Tulpen. In einem solchen Garten gibt es auffällig mehr Schmetterlinge und Vögel als auf den total bereinigten Parzellen der selbsternannten Naturbändiger. Man kann in einem solchen Garten ebenso schön am Abend bei einem Glas Wein sitzen, nur dass vielleicht eine Igelfamilie in eigenen Geschäften vorbeikommt oder die Vogeluhr weitaus besser zu hören ist als anderswo. Rasen, der aussieht, als wäre er ein synthetischer Turnhallenboden, ist kaum mehr natürlich, und er bietet niemandem etwas, außer vielleicht den Ordnungsfanatikern unter uns. Es macht mehr Sinn für das Völkchen, das im "zweiten Wohnzimmer" lebt, wenn das Gras weitaus seltener beschnitten wird. Dafür legt man dann per Mäher Wege an, damit der Garten begehbar bleibt - gerne auch in Mustern und kreisförmigen Flächen für Bänke - dem Einfallsreichtum sind da keine Grenzen gesetzt. Wer dann noch eine Tüte Wiesenblumensamen ausstreut, hat das, was er eigentlich wirklich sucht im Garten: ein Stück lebendige Natur. Die bemüht sich nämlich um ihre eigene Ordnung, sobald man ihr die Chance dazu lässt. Man kann hier und da eingreifen, aber auf die sanfte Art - denn es gibt für jedes Kraut ein Gegenkräutlein oder Säftlein. Immer akkurat beschnittene Sträucher und andere Pflanzen, mit dem Lineal gezogene Rasenkanten in geometrischen Mustern angelegte Beete - mit Zierpflanzen aus dem Gartenkatalog - sind tatsächlich nichts weiter als ein Vorzeigezimmer ohne Dach. Man könnte da genauso die Wände mit einer Fototapete bekleben, die einen dieser französischen Gärten des Barock zeigt - Geometrie statt Wachstum, ausgeklügeltes und auf Wirkung ausgelegte Arrangements statt lebendiger Farbenfülle. Man hätte keinen Ärger mit Vögeln, Insekten, Nachbars Katze und ohne Erlaubnis wachsende Wildkräuter. Und Spaß hätte man auch keinen. © Text: Pressenet © Foto der Nacktschnecke: Lothar Seifert Lesen Sie auch Gedanken über Helena
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