Blinder Aktionismus beherrscht den maroden Arbeitsmarkt

Sklavenmarkt Jobcenter: Tombola-Aktion mit Arbeits-Losen

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Tombola Arbeitsamt
Unangenehm aufgefallen ist die "Perspektive 50plus" schon mehr als einmal, keine Frage. Da werden zum Beispiel Arbeitslose auf einer Tombola verlost (schönes Wortspiel). Betriebe können so ein Los ziehen und haben dafür jemanden, der für eine gewisse Zeit unbezahlt arbeitet. Das erinnert irgendwie von ferne an die Sklavenmärkte der Antike. Eigentlich sollte diese Tombola-Aktion so etwas wie eine Aufsehen erregende und beispielhafte Innovation sein - die Initiatoren konnten ja auch gar nicht verstehen, wieso sich viele Leute darüber aufregten. Schließlich - so der Protest mit eher empörtem Unterton - hätten die Arbeitslosen alle freiwillig mitgemacht.

Lassen wir das mal so stehen und wenden uns den weniger spektakulären, aber deswegen nicht minder widersinnigen Aktionen der "Perspektive 50plus" zu. Wie wir alle wissen, beauftragt diese nun Firmen bzw. Coaches, die angehende Senioren so richtig flott für den Arbeitsmarkt machen sollen. Das wird erreicht durch acht Stunden Training. Computerkurse und das Einpauken von Bewerbungsstrategien sind Schwerpunkte. Dagegen kann auch keiner etwas einwenden - ohne Basiswissen, die das Bedienen und Nutzen eines Computers betrifft, kommt man kaum weiter, das steht fest.

Ilsa ist seit kurzer Zeit in so einer Maßnahme, obwohl sie gerade eben ihren Job wegen Auftragsmangel verloren hat. Sie musste sich sofort freiwillig bei einer Maßnahme melden. Ihre Sachbearbeiterin konnte es gar nicht abwarten, Ilsa zur Schule zu schicken und rief sie doch mehrmals an - auch, als sie noch ihren Job hatte. Nun ist Ilsa also wieder Schülerin und findet die Sache mit dem Computer auch interessant. Dass allerdings verlangt wird, dass sie nun das Zehnfinger-System erlernen soll, macht ihr doch schwer zu schaffen.

Dazu sollte man wissen, dass Ilsa als Reinigungskraft arbeitet und das auch weiterhin tun will - sie fragt sich, ob ihre Bewerbungen erfolgreicher sind, wenn sie mit zehn Fingern getippt werden. Das fragt sie zu Recht, denn wie man weiß, brauchen das eigentlich nur Sekretärinnen oder Sekretäre - die allermeisten Schriftsteller zum Beispiel tippen zweifingrig. Das kann übrigens sehr schnell sein - die Übung machts. Nun ja, vielleicht muss man das nicht verstehen - aber man muss sich fragen, wofür die Coaches eigentlich das Geld kassieren. Das ist nämlich nicht wenig.

Die Agentur für Arbeit zahlt große Summen für diese "freiwilligen" Maßnahmen, in der Hoffnung, dass von zwanzig Teilnehmern einer oder zwei einen Job bekommen. Das ist so etwa der normale Schnitt. Sind es mehr, sagen wir drei oder vier, handelt es sich dabei um befristete Jobs oder Zeitarbeitsfirmen-Abzocke. Diese Glücklichen sind bei der nächsten Maßnahme wieder dabei. Die Langzeitarbeitslosen, die der "Perspektive 50plus" einverleibt wurden, kennen meist alle - weil sie jedes Jahr teilnehmen müssen - "freiwillig" natürlich. Und es gibt immer mehr Firmen, die solche "Kurse" anbieten.

Tatsächlich gab es einmal reine PC-Kurse, aber die werden nicht mehr angeboten. Leute über Fünfzig machen also acht Stunden Schule am Tag, wobei es zwar tatsächlich interessante Kurse gibt, wie Ernährungsberatung oder Informationen zum Thema Rentenbeiträge. Das sollte aber keine drei Monate abdecken. Zudem steht auch Körperertüchtigung auf dem Stundenplan. Ilsa ist gerade sechzig geworden, die "Mitschüler" sind meist weit über fünfzig. Die müssen nun zwei Stunden lang Übungen machen, wobei keiner nach speziellen Gegebenheiten wie Arthrose oder ähnlichen Einschränkungen fragt.

Irgendwie erinnert das alles an etwas sehr Ungutes aus der schlechten alten Zeit. An so etwas wie Mobilmachung der letzten Kräfte. Die Fuffziger jetzt aber an die Front - und wenn gar nichts was nützt, dann lernen die eben, wie man korrekt tippt. Das muss doch endlich hinhauen. Leider wird dieser Unsinn kaum noch rückgängig gemacht werden. Zu viele Mitschwimmer verdienen ihr Geld damit, es ist eine Art Coaching-Industrie entstanden, die von der Agentur für Arbeit und den Ausgemusterten über Fünfzig abhängig ist. An Kursteilnehmern mangelt es nicht, und dass es oft immer wieder die Gleichen sind, stört niemanden. Tatsache ist, wenn jemand erklären möchte, was "Blinder Aktionismus" bedeutet, kann er die "Perspektive 50plus" als einleuchtendes Beispiel nehmen.

Ach ja, Ilsa sagt, dass jetzt - im Januar - draußen im Park etwas stattfinden soll, was mit Körperertüchtigung zu tun hat. Genau hat man es nicht gesagt. Nun ja, sicherlich soll die Kälteresistenz der Kursteilnehmer ausgetestet werden - vielleicht ist auf dem Arbeitsmarkt im dünn besiedelten Alaska ja noch etwas drin.

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© Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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