Die kleine Regenbogenraupe

Eine Parabel von Anne Meringer-Plank

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Raupe
Es war einmal eine kleine Regenbogenraupe. Die hatte sich beim Fressen auf ihrem leckeren Maulbeerblatt viel zu weit nach vorne gebeugt und war kopfüber nach unten gefallen. Die anderen kleinen Raupen hatten es gesehen und gerufen: "Pass auf!" Aber da war es schon zu spät gewesen.

Da lag nun das Räupchen ganz alleine auf dem Erdboden und wusste nicht, wie ihm geschah. Aber die Erde ist voller Gefahren für so winzige Gesellen, und daher raffte sich unsere kleine Raupe auf und kroch, so schnell sie konnte, in das hohe Gras.

Aber da war niemand von ihren Freunden, alle anderen saßen noch oben auf dem Blatt und mampften weiter. Für Menschen kaum sichtbar, gibt es unten, wo die Grashalme aus der Erde wachsen, sehr viel Verkehr. Ameisen trugen jede Menge Sperrmüll oder wichtiges Baumaterial auf ihren Rücken und beeilten sich, um vorwärts zu kommen. Große Käfer waren in eigenen Angelegenheiten unterwegs, schnauften und brummelten ungeduldig. Ein besonders gut angezogener Käfer - er trug etwas goldgrün schimmerndes - transportierte sogar eine riesige Kugel durch den Grashalm-Urwald, wobei er fast das arme Räupchen überrollt hatte. Ab und an wurde es noch dunkler, und da rollte sich das kleine unglückliche Raupentierchen zusammen, denn ein Schatten kann einen hungrigen Vogel bedeuten, der gerade Appetit auf Regenbogenraupen hat.

Schüchtern versuchte das einsame Tierchen nun, die vorbeikommenden und scheinbar sehr beschäftigten Leute anzusprechen. "Hallo? Könntest du mir vielleicht sagen, wie ich auf mein Maulbeerblatt komme? Ich bin heruntergefallen." Aber niemand gab Antwort - alle waren sehr in Eile. Da fing die Raupe an zu heulen, denn so ganz alleine war es viel zu gefährlich auf dem Erdboden, wo es viele nicht sehr vertrauenswürdige Leute gab. So mancher würde vielleicht ganz gedankenlos so etwas Winziges im Vorbeigehen verspeisen wollen, außerdem war es kalt.

Da sah die Raupe neben sich etwas langsam vorbeiziehen. Das war lang und rosa, nicht sehr dick und sehr gemütlich. "Sieht eigentlich ein wenig aus wie ich", dachte das Kleine und kroch neben dem rosa Gesellen her. Der traf sich nach einer Weile mit anderen seinesgleichen, um sich für die Nacht mit ihnen zusammenzuknäueln. Das Räupchen hatte mittlerweile vor lauter Angst versucht, auch so rosa wie diese langen Kerls da auszusehen, was ihm auch recht gut gelang. Viele von denen, die auf Wiesen und in Hecken leben, verstehen etwas von dieser Art der Anpassung.

Jedenfalls fiel das nun rosafarbene Räupchen nicht weiter auf und konnte sich im Knäuel mit den anderen wärmen. Aber als die ersten Sonnenstrahlen auf die Erde trafen, nachdem sie sich um die Grashalme herumgeschlängelt hatten, wachte die Regenwurmschlafgesellschaft auf. Das Regenbogenräupchen war zwar rosa, hatte aber vergessen, seine beiden Hörnchen einzuziehen, die es vorne an der Stirn trug. "Ein Drache", riefen die Regenwürmer entsetzt und glitten eilends davon.

Nun war die Raupe wieder alleine, immer noch rosa und noch nicht richtig ausgeschlafen. Hungrig war sie auch, aber alles, was sie gerne mochte, war zu weit oben und für sie unerreichbar. Traurig kroch sie nun weiter, wechselte ihre Farbe in Grau und schniefte vor sich hin. Da entdeckte sie ganz sonderbare Leute - die hatten ebenfalls Hörnchen am Kopf, sogar ein Paar mehr als das Regenbogenräupchen, und waren braunrot. Vor Aufregung passte nun das einsame Raupenkind seine Farbe dem Erdton der ziemlich großen, aber sehr gemütlich dahinziehenden Leute an.

Die beäugten den Neuankömmling eine Zeit lang, sagten aber nichts weiter zu ihm. Sie brummelten stetig vor sich hin, erzählten irgendetwas von Verwandten, die sie hatten und von denen sie verachtet wurden, weil diese nämlich Hausbesitzer waren und sie nicht. Das ging die ganze Zeit über, bis das Räupchen doch auch einmal etwas sagen musste und fragte, von wem denn die Rede sei. Die Nacktschnecken - um die handelte es sich nämlich - sahen nun zum ersten Mal richtig zu der kleinen Raupe hin. "Ihhhhhhh, schaut mal, die hat ja nur zwei Fühler", riefen sie und lachten sehr über die kleine Raupe.

"Zwei Fühler, vier Fühler", dachte das Räupchen, "wo ist da der Unterschied?" Doch die Nacktschnecken grölten immer ausgelassener, und so machte die bestürzte Raupe, dass sie wegkam. Hungrig war sie eigentlich nicht mehr so richtig, aber sehr müde war sie geworden. Als sie träge vor sich hinkroch, stolzierten einige hochbeinige und grüne Leute an ihr vorbei. Die waren zwar interessant, aber das Räupchen war so erschöpft, dass es noch nicht einmal das zugegebenermaßen schöne Grün annahm. "Die würden mich ja doch nicht mögen", flüsterte es und versuchte, nach oben zu sehen.

Da sah sie ein riesiges Maulbeerblatt, zwar hoch oben, aber wundervoll anzusehen. Die Raupe hatte keinen Appetit mehr, aber irgendwie glaubte sie, dass sie unbedingt da hinauf musste. Unbedingt! Und da machte sich ein sehr müdes kleines Räupchen auf den Weg. Es musste lange, lange klettern. Ein oder zweimal fiel es wieder herunter, weil sich seine Beinchen so steif anfühlten - aber wie unter einem Zwang kletterte es weiter.

Wie die Wiese entstand
"Werde ich sterben? Ist das der Tod, von dem ich gehört habe?", dachte sie - denn es schien der kleinen Regenbogenraupe, dass oben auf dem Maulbeerblatt ein Licht schimmerte, ein wundervolles Licht. Es waren wohl Stunden, bis sie endlich oben ankam und sah, dass es ganz viele Maulbeerblätter gab - es war ein niedrig gewachsener Busch, den sie entdeckt hatte. Und sie hatte gerade noch die Kraft, sich in ein Blatt einzurollen und einen letzten Gedanken an ihre vielen Freunde daheim zu schicken, als die Welt im Dunkel versank.

Viele Stunden später entrollte sich in einem Busch ein Maulbeerblatt, und gab ein sonderbares Gebilde frei. Unbeachtet von allen, die vorbeiflogen oder krochen, öffnete sich dieses Ding und wurde langsam von innen aufgebrochen. Dann schob sich etwas ebenso Sonderbares heraus - etwas, das seltsam unfertig und zerknautscht aussah. Aber langsam, langsam entfalteten sich Beine, lange Fühler und als letztes riesige, wundervolle Flügel. Der kleine Aristokrat der Lüfte ließ sich trocknen, probierte seine Muskeln und startete seinen ersten Flug. Unter ihm, auf der Erde, spürten die Nacktschnecken und Regenwürmer einen leisen Luftzug wie von großen, sanften Flügeln und hielten entzückt inne. Eine Bande Grashüpfer lachte begeistert und machte - nur zum Spaß - große Sprünge. Natürlich wussten die lustigen Kerle, dass sie niemals so hoch springen konnten, wie ein Schmetterling flog - aber sie versuchten es immer wieder. Einfach weil es ihnen Freude machte.

Was lernen wir aus dieser Geschichte: Anpassung ist nicht immer von Vorteil - die eigene Bestimmung finden aber schon.

© Text: Anne Meringer-Plank für Pressenet

Die Illustration (oben) zeigt eine Raupe aus einem Buch um 1895, Lizenz: gemeinfrei
Die Illustration (unten) zeigt das Buchcover von Wie die Wiese entstand, © Illustratorin Silke Declerck

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