Tobi und die Monster

Eine Kindergeschichte von Anne Meringer-Plank (Teil I)

Monster mit Keks

"Ja Papa, ich weiß, es gibt keine Monster." Die Stimme, die das sagte, klang nicht sehr überzeugt, sie klang tatsächlich eher ängstlich. "Na, das ist mein großer Junge", kam die Antwort von der Zimmertür her. "Dann mach ich jetzt das Licht aus und du schläfst. Gute Nacht, mein Junge!"

Tobi hatte die Augen ganz fest zugekniffen, damit er nicht sah, wie das Zimmer dunkel wurde. So konnte er sich einreden, dass es genau so aussah wie am Tag und er überhaupt keine Angst zu haben brauchte. Aber draußen hörte er Papa zu Mama sagen: "Tobi ist sechs Jahre alt und er hat immer noch Angst im Dunkeln. Wenn das so weitergeht, wird noch ein richtiger Angsthase aus ihm." Was Mama dazu sagte, konnte Tobi nicht hören, es war zu leise.

Dann wurde es still im Flur und der kleine Junge war endgültig allein. Natürlich wusste er, dass Mama und Papa ganz in der Nähe waren und ihn hören konnten, wenn er schrie - aber was war, wenn er gar nicht mehr schreien konnte? Und Monster, die in den Zimmern von Kindern leben, können ganz bestimmt sehr, sehr schnell sein.

Jeden Abend war es dasselbe für Tobi. Er zog sich die Bettdecke über den Kopf, weil er sich dann besser fühlte, aber dann wurde ihm schnell heiß, denn es war Sommer und sehr warm. Er geriet dann mächtig ins Schwitzen und musste die Decke ein wenig zurückschlagen, damit er auch wieder richtig Luft bekam. Aber dann war er praktisch schutzlos und musste sich, so schnell es eben ging, wieder zudecken. Das ging viele Male so, bis Tobi endlich einschlief, ganz erschöpft vom vielen Auf- und Zudecken. Dabei wusste er, dass die Ungeheuer ihn nicht kriegen konnten, wenn er schlief. Das war aber ein Geheimnis, das man besser nicht ausplauderte.

Dafür träumte der kleine Junge schlecht. Er wollte im Traum immerzu aus dem Zimmer heraus, weil er Angst hatte. Draußen hörte er Mama und Papa reden - er wollte hinlaufen, aber die Türe war so weit weg. Wenn er dann aufwachte, war alles noch viel schlimmer, das Zimmer sah so anders aus im Dunkeln. Wenn der Mond hereinschien, waren alle Sachen, die er kannte, ganz fremd. Der Kleiderschrank sah gar nicht aus wie sein alter Schrank sonst aussah, mit den vielen Aufklebern und den verschrammten Türen. Der Schreibtisch stand unter dem Fenster, und der war auch nicht so, wie er sein sollte. Aber Tobi bemühte sich, nicht richtig hinzusehen. Selbst die Geräusche waren anders, wenn es dunkel war. "Das ist alles ganz in Ordnung", hatte Papa gesagt. "Das ist ein älteres Haus und das Holz arbeitet noch." Tobi wusste nicht, was das bedeuten sollte. Außer vielleicht, dass sein Papa nicht wusste, WIE anders die Geräusche waren, die er nachts hörte.

So wie dieser dünne Ton, der an Tobis Ohren klang. Der Junge wurde ganz starr unter seiner Decke und drückte beide Fäuste auf seine Ohren. Da war es zwar still, aber lange konnte er nicht so liegen bleiben, weil es ziemlich wehtat. Vielleicht kam der Ton ja vom Wohnzimmer her, wo der Fernseher lief. Und so nahm er die Hände von den Ohren und lauschte. Aber das dünne Greinen war nicht weit weg - es war sogar ziemlich in der Nähe von Tobis Bett.

Tobi hatte so große Angst, dass ihm schwindlig wurde, obwohl er doch lag - aber er konnte sich nicht bewegen. Er konnte auch nicht schreien, so wie er es gerne getan hätte, auch wenn Papa dann wieder ärgerlich geworden wäre. Er lauschte einfach dem Ton. Der veränderte sich, wurde zu einer Art leisem Heulen. Dann klang es so, als hätte jemand einen Schluckauf. Eigentlich hörte sich das ähnlich an wie ein kleines Kind, das weinte - also nicht wirklich wie etwas Gefährliches. Aber knurrten und röhrten die Monster denn nicht mit ganz tiefen Stimmen, bevor sie einen auffraßen? Obwohl Tobi inständig hoffte, dass das nur wieder so ein Traum war, flüsterte er mit unsicherer Stimme: "Ist ja jemand?"

Da hörte das Greinen ganz plötzlich auf, aber dann gab es einen "Plopp", so als ob etwas gegen die Wand geprallt wäre. Etwa wie Tobis Softball klang das. Dann war noch eine Art Schniefen zu hören, da war sich Tobi ganz sicher. Aber Ungeheuer schnieften doch nicht etwa oder zogen die Nase hoch, das passte nicht. Außerdem war da auf einmal so eine Art Tappen, recht leise und auch ziemlich schnell. "Wenn das ein Monster ist, dann muss es ein sehr kleines Ungeheuer sein", dachte der Junge und setzte sich im Bett auf. Schließlich wusste, was immer da im Zimmer war, schon längst, dass da im Bett ein kleiner Junge lag. Also war es wahrscheinlich egal, wenn Tobi sich bewegte. Dann gab es wieder so ein "Plopp", und ein leises aber deutliches "Autsch".

Tobi langte nach der Nachttischlampe, aber Papa hatte sie weiter weggestellt. "Damit ich nicht noch mal morgens in das Zimmer komme und das Licht war die ganze Nacht an", hatte er gesagt. Ob Papa wusste, dass Tobi viel zu viel Angst hatte, sich aus dem Bett zu wagen, um an den Schalter zu kommen? Tobi verstand das nicht, aber jetzt brauchte er auf jeden Fall Licht. Er schwang plötzlich die Beine aus dem Bett und machte zwei große Schritte in Richtung Schreibtisch, langte nach dem Lampenfuß und fand den Kippschalter. Sehr hell war das Licht der kleinen Lampe nicht, aber es reichte aus, um das Zimmer wieder vertraut zu machen. Und es reichte, um zu zeigen, was nicht stimmte.

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Der Papierkorb war umgekippt und alle Bällchen aus Malpapier lagen verstreut auf dem Boden. Und die, welche im Korb geblieben waren, bebten ganz verdächtig. Tobi ging in die Knie, langte ganz vorsichtig nach den zitternden Kugeln aus zerknülltem Papier und nahm eine Handvoll weg. Dann plumpste er auf sein Hinterteil und presste die Hand vor den Mund. Tobi war ganz fürchterlich erschrocken, aber er schrie nicht - denn im restlichen Papierhaufen saß ein ebenso erschrockenes kleines Monster. Obwohl es tatsächlich nicht sehr groß war, vielleicht wie eine junge Katze, war es sehr hässlich. Oder vielleicht ungewohnt - vor allem aber zitterte es vor Angst. Das konnte Tobi sofort erkennen, denn mit Angst kannte er sich aus. Im trüben Licht der Lampe schien das Monster von graugrüner Farbe zu sein. Rund war es, mit kleinen dicken Beinchen, an denen sich recht große Füße befanden. An den Zehen waren Krallen, dicke, schwarze Krallen. Genau wie an den Patschhänden, die das Monsterchen vor das Gesicht geschlagen hatte. Tobi sah große, spitze Ohren und eine dunkle Mähne, die lang und zottelig herunterhing.

"Ich tu dir nichts", flüsterte der Junge, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl. Eigentlich glaubte er immer noch, dass er träumte - aber bis jetzt war es kein so schlimmer Traum. Eher interessant. Nach einer Weile ließ das kleine Ding die Krallenpfoten sinken, und Tobi hätte fast gelacht. Ein rundes Gesicht mit einer dicken Knubbelnase, großen und ganz runden, roten Augen kam zum Vorschein. Unter der Nase befand sich ein breites Maul mit hervorstehenden Eckzähnen. Das Gesicht sah trotz der Zähne und der roten Augen nicht sehr böse aus, vor allem, weil es völlig verheult aussah und sehr kummervoll.

Tobi griff nach den Papiertaschentüchern, die auf dem Nachttisch lagen, und reichte dem graugrünen Wesen eines davon. Das Monster glotzte eine Weile auf das hingehaltene Tuch, grapschte dann mit einer sehr schnellen Bewegung danach und schnäuzte sich so geräuschvoll die Kartoffelnase, dass Tobi nach draußen lauschte, ob Mama und Papa vielleicht kämen. Aber der Flur draußen blieb still, und so wandte er seine Aufmerksamkeit dem kleinen Besucher zu.

"Du tust mirr nichtsss ... bestimmt nicht?" Das Monster sprach ziemlich deutlich, wenn man bedachte, dass die Eckzähne doch ziemlich vorstanden. Tatsächlich konnte Tobi es sehr gut verstehen. Und er schüttelte den Kopf. Das Wesen sprach Tobis Sprache, aber er wunderte sich nicht darüber - und er war sich nicht sicher, ob er nicht doch träumte. Aber er sagte so freundlich wie er konnte: "Wer bist du? Und was machst du hier in meinem Zimmer? Bist du ein Ungeheuer?" Er dachte bei sich, dass das wohl eine blöde Frage war, aber ihm war eben nichts anderes eingefallen.

Der kleine Wicht richtete sich zu voller Größe auf, was nicht viel mehr war als bisher im Sitzen, und schniefte noch einmal. Dann legte er den Kopf etwas schief, holte Luft und sagte: "Blurliblxgrifnwob" oder zumindest etwas, das so ähnlich klang. Dabei zeigte er auf sich selber und verzog ganz grauslig das breite Maul, was wohl ein Lächeln sein sollte. Tobi stellte sich ebenfalls vor. Dann versuchte er, den Namen des kleinen Monsters zu wiederholen, brachte es aber nur zu "Blurliwob", was dieser mit einem Nicken akzeptierte.

Dann schwiegen beide, der Junge und das Monster, eine ganze Weile und betrachteten sich gegenseitig. Tobi räusperte sich etwas verlegen und stellte noch einmal die Frage von vorhin. "Was machst du hier, Blurliwob?" Das so angesprochene kleine Ungeheuer rollte seine großen, roten Augen ein wenig verlegen hin und her, starrte dann auf seine schwarzen Krallen und flüsterte dann mit trauriger Stimme: "Machen Ssstrafarrbeit."

Hier geht es zum zweiten Teil der Kindergeschichte.

© Kindergeschichte und Illustration zu "Tobi und die Monster": Anne Meringer-Plank, 2013.

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