Glitter und Sprachlosigkeit im Internet

Wer nichts zu sagen hat, macht's süß und glänzend

Herzchen am Himmel

Die Jugend soll - so kann man überall nachlesen - kommunikationsmäßig unterbelichtet und nicht in der Lage sein, ihre Muttersprache richtig zu gebrauchen. Das ist gut möglich - es ist nicht sehr einfach, einem beiläufigen Gespräch unter Teenagern zu folgen. Soll es vermutlich auch nicht, schließlich hat jede Generation seit Noah ihre individuelle Protestsprache.

Was ist aber nun mit den "Anderen", den Leuten über dreißig bis "open end"? Wer glaubt, dass die es besser machen, sollte sich einmal im Internet umsehen. Natürlich gibt es Nutzer, die sich austauschen - das ist keine Frage. Wenn unter manchen Posts nur "rofl" oder "lol" steht, hat das nicht unbedingt etwas Schlimmes zu bedeuten. Solche Kürzel stehen meist unter geposteten Cartoons oder Witzen - kein Grund zur Sorge.

Was aber wirklich besorgniserregend scheint, sind die zwischen verschiedenen Posts allgemeiner, politischer oder sozialer Natur immer wieder auftauchenden romantischen, vorgefertigten Bilder. Es handelt sich meist um Darstellungen in sattem Rot, auf denen animierte Herzen oder Tauben Bewegung vortäuschen. Die Variationen dieses Motivs sind unzählig. Daneben sind auch kleine, herzige Kinderchen oder Tierchen zu sehen, die einfach nur erschreckend niedlich wirken sollen und die Folie für einen oder maximal zwei Sätze abgeben. "For ever You", oder in Härtefällen auch "Love hurts" stehen als hingeworfene Fragmente vor kristallinen Tränen auf Rosenblättern oder einem rosenroten Sonnenuntergang mit händchenhaltenden Paaren.

Hat man so ein Bild etwas verstört betrachtet, sucht man vielleicht hoffnungsvoll einen Kommentar desjenigen, der dieses schöne Teil öffentlich gemacht hat. Könnte ja zum Anlass eines Hochzeitstages sein oder der Geburt eines Kindes vielleicht ... aber der Blick trifft ins Leere. Nichts steht da, absolut nichts. Einfach nur dieses Bild.

Wer jetzt nicht auf der Hut ist, sucht vielleicht stundenlang nach Erklärungen für eine absolut sinnfreie Aussage, die keine ist. Je nach Plattform "mögen" nun andere Nutzer dieses Bild oder geben ein Plus. Die Frage ist, wofür wird hier virtueller Beifall gezollt? Soll es eine Anerkennung dafür sein, dass der Poster sich die Mühe machte, auf den vielen hundert Kitschbilderseiten nach einem Bild zu suchen, das diese Woche nicht schon täglich gepostet wurde? Glauben die Betrachter, sie hätten nun endlich einen Seelenverwandten gefunden, der auch gerade an flatternde Herzen und Tränentropfen auf Rosenblüten denkt? Findet gar eine geheime Kommunikation statt, von der wir verstandesorientierten Menschen nichts ahnen?

Freuen sich vielleicht die "Möger", dass nicht sie selber diese Minikitschoper gepostet haben und geben ihrer Erleichterung auf diese Weise Ausdruck? Oder haben diese Bildchen gar nichts zu bedeuten, außer vielleicht, dass diejenigen, die damit die Plattformen verstopfen, einfach mal wieder die Hand heben wollen, damit jemand sie bemerkt, allerdings ohne die geringste Anstrengung. Wobei das Wühlen bei den verschiedenen Anbietern dieser virtuellen Oblatenbilder schon einiges an Stärke verlangt. Diese kleinen Statements sind so süß, dass man unweigerlich Sodbrennen davon bekommt. Wobei zu beachten ist, dass der größte Teil der Glitterbild-Poster sich nahe an dem Alter befindet, in dem der Magen auf so etwas tatsächlich reagiert.

Und da soll noch jemand etwas über die Jugend und ihre Art der Kommunikation sagen.

© Text zu "Glitter und Sprachlosigkeit im Internet": , 2013. Bildnachweis: geralt, CC0 (Public Domain Lizenz)

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