Bagdad

2. Leseprobe aus "Durch fünf Türen" von Jutta Schöps-Körber

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Bagdad
Die Erzählung:

Der Roman "Durch fünf Türen" der Autorin Jutta Schöps-Körber spielt in den Jahren 2004/2005. Aenne, 53 Jahre, lebt in Namibia auf einer Farm. Dort taucht eines Tages ein junger Mann namens Anthony auf. Als er Monate danach stirbt, ist Aenne so erschüttert, dass sie Teile ihres Lebens vergisst. Anthony scheint eine enge Verbindung zu ihr zu haben, aber niemand weiß Genaues über ihn. Allerdings war Jason, Aennes Verlobter, der Meinung, dass es eine Verbindung zwischen Aenne, Anthony und einem gewissen Çemal gäbe.

Jason reist in den Irak, um in Basra eine Wasseraufbereitungsanlage aufzubauen, macht aber einen Umweg über Bagdad, wo er ums Leben kommt. Aenne reist ebenfalls dorthin. Sie hofft, endlich herauszufinden, wer Anthony war und wer Çemal ist.

Die Reise in den Irak wird als Rückerinnerung erzählt. Durch die Einnahme einer Droge aus einem geheimnisvollen Kästchen macht Aenne eine Zeitreise in das Jahr 2004. Es ist der 4. November.

Aenne stößt eine weitere Tür ihres Lebens auf; in mehreren Episoden werden die Leser in folgende Regionen entführt:

  1. Namibia
  2. in den Irak (diese Leseprobe)
  3. nach Deutschland

Leseprobe: Zweite Tür - Bagdad im Irak

Zusammen mit Moses, der es nicht lassen konnte, mich zu begleiten, haste ich durch die Hallen des Flughafens von Kuwait. Es kommt mir vor, als ob ich träume. Doch so ist es nicht. Was ich erlebe, am 4. November im Jahre 2004, ist Wirklichkeit. Im Augenblick bin ich damit beschäftigt, mich in diesem Gewühl von Menschen zurecht zu finden.

Moses und ich folgen den Menschen zum Ausgang des Flughafens. Hinter der Absperrung stehen Personen und lachen und winken und schreien, sobald sie den entdecken, den sie erwarten. Auch wir sollen abgeholt werden. Von jemandem von HOPE. Also halte ich nach einem Schild Ausschau, auf dem mein Name steht. Aber ich entdecke keins. Was, wenn niemand gekommen ist? Schon fühle ich mein Herz angstvoll schlagen. Es kann so vieles schiefgelaufen sein. Wenn der Krieg im Irak auch offiziell beendet ist, so ist das Land nicht sicher. Und HOPE muss durch den Irak, um mich in Kuwait abzuholen.

Meine Augen streifen weiter über die Menschen vor der Absperrung und da ist einer, der sieht aus wie Eric, lacht wie Eric und dann ist es Eric, mein Eric, denn wer sonst sollte mich in die Arme nehmen und sagen:

"Hi, Mum, nett, dich zu sehen!"

Ich bin völlig durcheinander:

"Oh Gottogott! Du hier? Wie schön. Wie schrecklich. Oh Gottogott."

Heiße Luft peitscht mir entgegen, als ich die klimatisierte Flughalle verlasse. Der Geruch von Wasser hängt in der Luft und der Staub darin behindert die Sicht. Ich bin durcheinander und so nicke ich nur, als Eric meint:

"Wir fahren gleich weiter, zum Irak. Je früher wir an der Grenze sind, desto besser. Am Nachmittag müssen wir es jedenfalls erst gar nicht mehr versuchen."

Mir ist alles recht. Ich kraxle neben Eric in einen Wagen der HOPE-Hilfs-Organisation, lächle Moses zu, der es sich im Fond bequem macht und dann lasse ich mich einfach fahren.

Bin ich eingeschlafen? Jedenfalls stupst mich Eric an und erklärt:

"Wir sind an der Grenze. Hier müssen wir den Wagen stehen lassen und mit einem Shuttle-Bus weiter. Auf der anderen Seite warten Robert und Erika auf uns."

"Den Wagen einfach stehen lassen?" Ich verstehe nicht. "Das geht doch nicht."

"Alles organisiert! Keine Sorge! Bei HOPE gibt es genügend Leute, die werden sich kümmern."

Da ist auch schon der Bus. Alles ist so unwirklich. Ich werde aus dem Wagen hinaus und in den Bus hineinbugsiert ... und Moses? - Auch er ist im Bus.

Es sind nur wenige Meter durch das Niemandsland und schon befinde ich mich im Irak. Jedenfalls behauptet das Eric. Mir ist es egal. Es berührt mich nicht. Es erregt mich nicht. Es geht mich nichts an, denn ich bin ja nur Bestandteil eines Films, eines Spiels, einer Halluzination. Die wird gleich vorbei sein und ich werde nur noch schlafen. Keine Versuche mehr, Rätsel zu lösen, oder die Stücke meiner Vergangenheit zu finden, die ich verloren habe. Ich will nur noch schlafen.

Nichts anderes will ich.

Doch ich kann nicht. Weitere Bilder zucken auf, in rascher Reihenfolge, wie im Zeitraffer. Buben stürzen sich auf uns, schnappen sich unser Gepäck, werfen es auf einen Transportwagen und rollen es durch die Kontrollstelle.

Highway im Irak

Eric zieht Dokumente hervor, Einreisepapiere für mich und Moses und schon dürfen wir durch die Öffnung in der Mauer, die die Grenze kennzeichnet. Auf der anderen Seite wieder ein Auto von HOPE, die Aufkleber darauf lassen keinen anderen Schluss zu. Ein Paar erwartet uns. Robert und Erika stellen sie sich vor, ein kurzer Gruß und schon geht es los nach Basra. Dort sollen wir erst mal bei Freunden bleiben, denn es ist bald Mittag und in der Hitze können wir nicht fahren. Niemand jagt bei 40 Grad durch die Gegend, es sei denn, er will sich verdächtig machen, in diesem Land, in dem keiner dem anderen vertraut. Am nächsten Tag würden wir beim ersten Morgenlicht aufbrechen, dann können wir gegen 12 Uhr in der Hauptstadt sein.

Noch stehen die letzten Sterne am Himmel, als ich erneut in den Kombi von HOPE steige. Robert hat den Motor bereits angelassen und schon geht die Reise los. Das geschieht in einem Höllentempo und ich verstehe nichts von dem, was passiert. Ich komme mir vor wie ein Frachtstück, das hin- und hergeschoben wird. Nur gibt es bei mir noch etwas wie Gefühle, bei einem Paket jedoch nicht und so nimmt meine Verwirrung zu, mit jedem Kilometer, den ich durch den Irak geschüttelt werde, während Frachtgut sich nicht einmal bewusst ist, dass es durchgerüttelt wird. Ich wäre froh, mit einem Packen ohne Gefühle tauschen zu können, denn das, was da draußen vorbeifliegt, legt sich als schweres Frachtgut auf meine Seele. Zuerst ist es nur die Sandwüste mit ein paar Steinbrocken dazwischen, manchmal sind es ein paar zerrupft aussehende Palmen, ihre Wedel staubbedeckt, aber dann steht da ein Haus mit Schlünden in seinen Mauern, groß wie aufgerissene Walfischmäuler, so dass nur ein Gerippe übrig ist, ein Skelett aus Steinen und verbogenen Eisenstreben, das sich verzweifelt gegen das Einstürzen wehrt.

Das letzte der Fenster klammert sich in einem Akt letzten Aufbäumens an das übrig gebliebene Mauerwerk. Doch ein Stockwerk tiefer, von dem die Zwischenwände fast gänzlich weggefetzt wurden, steht in aller Unschuld ein Gartenstuhl aus weißem Plastik, einer, der überall auf der Welt zu kaufen ist. Einen Augenblick lang meine ich, eine alte Frau dort sitzen zu sehen, vielleicht die Großmutter derer, die einmal in dem Haus wohnten, die den vorbeijagenden Autos nachsieht und auch mal einem zuwinkt. Aber da ist der Wagen schon vorbei, rumpelt nun an einem Loch vorüber, gefüllt mit einer dreckigen, brackigen Brühe, aus dem zerlumpte Kinder Wasser schöpfen.

Mein Herz schmerzt. Ich würde diesen Kleinen so gerne helfen. Ich möchte Robert bitten anzuhalten, aber das Auto ist schon aus dem Ort heraus und was hätte ich diesen Kindern schon geben können, wie ihnen beistehen? Die einzige Wasserflasche, die ich mit mir führe, würde die Familien jener Kinder wohl kaum vor dem Verdursten retten.

Noch 44 km bis zur Hauptstadt verrät ein Straßenschild. Aber auch ohne das spürt man die Nähe Bagdads. Rechts und links der Straße stehen immer mehr zurückgelassene Fahrzeuge, ohne Räder, mit zerbrochenen Fensterscheiben, abgeschraubten Scheinwerfern, ausgerissenen Türen. Zerborstene Panzer erzählen von Kämpfen um die Stadt. Und dann sind da ein paar längliche Hügel, kaum einen Meter vom Straßenrand entfernt, immer wieder tauchen sie auf.

"Gräber!", überbrüllt Robert den Lärm des Motors und deutet auf die unscheinbaren Erhebungen. Ich kann nicht hinsehen. Wende mich ab. Ich kann das nicht ertragen. Diese Art Sightseeing-Tour habe ich nicht erwartet. Wie behütet lebe ich doch in 'Heidis Heim', trotz der Löwen und Leoparden, die die Kälbchen bedrohen, trotz der herumstreunenden Schwarzen, die Farmen überfallen, dabei aber nur versuchen, selbst am Leben zu bleiben.

Ich schließe die Augen. Doch nun erscheint ein neues Hirngespinst. Anthony grinst mich an und sagt:

"Grüß' mir Bagdad und den Tigris, vergiss' es nicht." Vielleicht war Anthony als amerikanischer Soldat in Bagdad, kommt es mir plötzlich in den Sinn. Aber warum war er dann in Namibia auf 'Heidis Heim' und nicht in den USA, falls er aus der Armee entlassen wurde? Das eine Teil des Puzzles passt nicht zum andern.

Jetzt, da wir durch den Irak jagen, als ob wir auf der Flucht wären, könnte ich Robert über Anthony befragen oder auch Erika. Doch Robert verlangt vom Motor des Kombis seine höchst möglichste Leistung und der röhrt in so lauten Tönen, dass eine Unterhaltung völlig unmöglich ist.

+ + +

Urplötzlich hält der Wagen an. Benommen sehe ich auf. Robert hat schon den Motor abgestellt, öffnet galant die Autotür. Ich setze die Füße auf die Straße, der Körper folgt hinterher. Dann reiße ich die Augen auf, lege den Kopf in den Nacken und betrachte den hyper-modernen Bau eines Hotels. Sein altertümlicher Eingang, an einen buddhistischen Tempel erinnernd, passt sich seltsam gut der Moderne an. Ich bin beeindruckt. So nobel können HOPE-Mitglieder absteigen?

"Wir wohnen aus Sicherheitsgründen hier. Das Sultan Palace Hotel wird gut bewacht." Erika kann Gedanken lesen, schießt es mir durch den Kopf, oder ist alles doch nur ein Traum? In Träumen kann alles Unmögliche geschehen. Doch ein paar Meter weiter die Straße hinunter steht ein amerikanischer Panzer auf Position und der Hoteleingang wird von zwei US-Soldaten flankiert.

"Außerdem hat es sich in letzter Sekunde entschieden, dass wir hierher nach Bagdad fahren. Dieser Entscheid kam gewissermaßen von höchster Stelle, ich meine, vom amerikanischen Headquarter. Jason hatte da wohl seine Hände mit im Spiel."

Ich zucke zusammen.

"Jason? Was hatte er mit dem Headquarter zu tun?", hake ich auf der Stelle ein.

Doch es kommt keine Antwort.

"Schnell, schnell!", drängt Robert unsere kleine Gruppe zum Hoteleingang und schiebt mich durch die Tür in die Lobby. Ich muss blinzeln. Der plötzliche Wechsel aus dem gleißenden Licht der Sonne draußen in das Halbdunkel des Hotels irritiert meine Augen. Allmählich wird es besser und ich staune. Säulen aus hellem Marmor tragen eine verglaste Kuppel, durch die das Licht flutet und Schattenspiele auf den spiegelblanken Boden malt. Die Rezeption nimmt die Mitte des runden Raumes ein, halb rechts davon steigt eine geschwungene Treppe hinauf in die oberen Stockwerke, die Fahrstühle sind auf der linken Seite der Halle zu finden. Ich bin so mit Schauen beschäftigt, dass ich nicht mitkriege, wie Erika mich und Moses anmeldet. Irgendwann wird mir ein Zimmerschlüssel in die Hand gedrückt, dann werde ich in einen der Fahrstühle gedrängt und schon geht es nach oben.

+ + +

Ein Klopfen an der Zimmertür. Robert, Moses und Erika kommen herein. Erika balanciert ein Tablett. Leise klirrt Geschirr. Erika stellt alles auf den kleinen Tisch. Es duftet nach Tee. Er singt leise beim Eingießen, eine Teetasse schrappt über die Untertasse. Ich genieße das warme Getränk, bin froh, dass ich ruhiger werde, mich wieder auf das Reale konzentrieren kann. Ich trinke einen weiteren Schluck des entspannendes Getränkes, blicke die anderen an. Auch sie scheinen gelöst, fast so, als befänden sie sich im Urlaub, denke ich, doch dann zerstöre ich diese Idylle:

"Erika, bei unserer Fahrt hierher hast du erwähnt, dass ihr auf Betreibens Jasons nach Bagdad gekommen seid. Hat das vielleicht etwas mit einem Anthony White zu tun?"

"Anthony - eigentlich heißt er Çemal," antwortet Robert an Erikas Stelle und bringt mein Herz fast zum Stolpern.

"Anthony ist Çemal?", werfe ich atemlos ein, kann kaum verstehen, wie einfach dieses Rätsel zu lösen war. Doch Robert beachtet mich nicht, erzählt einfach weiter:

"Nun, die Geschichte ist folgende: Çemal war Portier in einem Café hier in Bagdad. Im Volksmund heißt es 'Café Babel' und ist eines der Cafés, das den Krieg überlebt hat, ein kleines, gemütliches Haus. Ausländer und Iraker verkehren gleicherweise dort. Und dort arbeitete Çemal. Wie viele Bagdader hatte er einen Traum: den Irak zu verlassen. Aber anders als seine Sympathisanten hatte er auch einen Plan, wie er seinen Traum verwirklichen konnte. Immerhin arbeitete er in einem internationalen Café, hörte, was die Amerikaner planten, was die Menschen der verschiedensten Hilfsorganisationen versuchten, wie die Einheimischen über die Lage im Irak dachten. Kurz und gut: Çemal tauchte eines Tages beim amerikanischen Headquarter auf und fragte, ob er ihnen nicht in irgendeiner Weise behilflich sein könne."

"Du meinst, Anthony, Çemal, war ein Spion?"

Robert, der bisher kaum Notiz von mir genommen hat, betrachtet mich nun recht genau und es scheint, ein Fünkchen von Interesse glimmt in seinen Augen auf.

Bagdad

"Ersetzen wir mal dieses Wort 'Spion', dem doch ziemlich viel Schmutz und Verleumdungen anhaften durch 'Beobachter', denn das zeigt wohl eher, was Çemal hier getan hat. Er beobachtete die Gäste im Café und berichtete uns davon."

"Also doch ein Spitzel", murrt Moses.

"Und -", ich habe erfasst, was Robert zu verbergen versucht, "du, Robert, arbeitest im amerikanischen Headquarter? - Aber du bist kein Offizier - nein, du, du gehörst zum - CIA?"

"Ich - beim CIA? Es gibt keinen CIA in Bagdad!" Roberts Empörung schlägt hohe Wellen.

"Nö, nich!" Moses ist völlig damit beschäftigt, sein Teeglas auf den kleinen Tisch abzusetzen, "ROCKSTARS klingt auch viel netter und harmloser."

Roberts Schnaufen erinnert ein wenig an das Prusten eines Flusspferdes, das seinen Kopf eben aus dem Wasser hebt.

Ich grinse vor mich hin.

"Also kein CIA-Bursche, nur ein Virginia Farm Boy", meine ich. Roberts Kopf ruckt zu mir hinüber. Seine Augen sind starr. Doch dann löst sich der Druck und in seinen Mundwinkeln nistet sich ein Lächeln ein.

"Diesen Boys verdankst du aber immerhin, in einem einigermaßen sicheren Hotel hier in Bagdad logieren zu können und den höchst möglichen Sicherheitskomfort genießen zu dürfen."

"Dafür bin ich den Boys auch dankbar! Sag' ihnen das, falls du mal einem von ihnen begegnen solltest. Und jetzt zu diesem Anthony - Çemal. Er sitzt seit Monaten auf meiner Farm, es scheint ihm dort zu gefallen - nun, ich muss zugeben, er hilft uns auch und ist ein netter Bursche. Was mich interessiert ist: Wer ist Anthony wirklich? Welche Rolle spielte er, bevor er nach Namibia kam und warum konnte er meinen Verlobten veranlassen, sich in Bagdad in Lebensgefahr zu bringen, statt dass der Wasseraufbereitungsanlagen in Basra aufstellte und zum Arbeiten brachte?"

"Ich bin fassungslos darüber, was Jason zustieß", sagt Robert und während seines Bekenntnisses zittert seine Stimme tatsächlich ein klein wenig. "Aber ich konnte dieses Unglück nicht vorhersehen, und noch weniger konnten die Boys es verhindern."

"Ich klage niemanden an", versuche ich einzulenken, "das Ganze ist furchtbar, entsetzlich, ein schrecklicher Unfall. Aber ich will begreifen, warum er geschehen konnte, verstehst du das nicht? Warum waren Mitglieder von HOPE in Bagdad, obwohl sie in Basra sein sollten? Und es sieht so aus, als sei dieser Çemal der Schlüssel zu dem, was zu Jasons Tod führte. Bitte, Robert, erzähl' mir alles, was du über ihn weißt."

"Ok." Robert ist bereit zu reden:

"Çemals Geschichte ist ziemlich einfach, sie ist die Geschichte eines jungen Mannes, wie sie von Hunderten, Tausenden hier im Irak geträumt wird. Diese Menschen, zum größten Teil junge Menschen, werden tagtäglich davon am Leben, am Aushalten erhalten, weil sie hoffen, dieses Land eines Tages verlassen zu können. Dieses Land bietet ihnen keine Zukunft, nicht zu Saddams Zeiten, nicht zu den jetzigen. Allerdings sind die Möglichkeiten, es jetzt zu verlassen, um vieles gestiegen. Im Grunde brauchst du nur Geld und du kannst - anders als unter Saddam - gehen, wohin du willst. Dieses Geld jedoch hatte Çemal nicht, deswegen tauchte er eines Tages bei einem Checkpoint zur Green Zone auf, quatschte mit den Wachhabenden, machte sich wichtig, faselte etwas von interessanten Kenntnissen über den Verbleib bedeutender Mitglieder der Baath-Partei und verlangte, zum 'Headquarter' vorgelassen zu werden, kurz und gut, er nervte so lange, bis der Wachhabende versprach, er werde sehen, was er für ihn tun könne. Çemal müsse jedoch jetzt verschwinden, damit er selbst sein Arbeit tun könne.
Wahrscheinlich hätte der Wachhabende Çemal vergessen, aber das Gespräch fand im Mai 2003 statt. Damals wurde fieberhaft nach Saddam und seinen Helfershelfer gesucht. Ihr werdet wissen, dass es schwierig war, direkt hier in Bagdad Spione zu finden und wir alle waren angewiesen, nach jedem möglichen Strohhalm zu greifen. Und so verständigte mich jener Soldat, und ich ging einfach eines Abends ins Café Babel, um mir Çemal näher anzusehen."

"Und du hast ihn angeworben?"

"Er erschien mir nicht gerade als der Meisterspion, aber ich konnte mich täuschen. Zunächst schien es, als sei Çemal ein Fehlgriff, bis zu dem Tag, als er in diesem Café etwas über den möglichen Zufluchtsort von Saddam hörte. Über Wochen hinaus, war das, was er mir, seinem Verbindungsmann, berichtete, bloßer Firlefanz. Mein Vorgesetzter wurde schon ungeduldig und schlug vor, Çemal fallen zu lassen."

"Wann fand dieses Gespräch statt?"

Robert schweigt ein paar Sekunden. Ich ahne nicht, woran er denkt. Aber schließlich muss er doch begreifen, dass ich nachvollziehen kann, wovon er spricht, wenn er auch wie die Katze um den heißen Brei schleicht.

"Dieses Gespräch fand am 9. Dezember letzten Jahres statt."

"So genau kannst du dich an dieses Datum erinnern?", mischt sich Moses ein.

Robert sieht kurz zu ihm hinüber.

"Ich erinnere mich, genau genommen, nicht an dieses Datum, ich weiß nur, das Gespräch fand drei, vielleicht auch vier Tage vor dem 13. Dezember statt."

Robert muss sich nicht weiter erklären. Wir vier Menschen, in diesem klimatisierten Hotelzimmer mit gefüllter Minibar und einladendem queensized Bett, kennen das Datum. Dem einen, der zu den Rockstars gehört, hat sich das Datum in sein Gehirn gebrannt, für die HOPE-Mitarbeiterin wurde ihre Arbeit nach jenem denkwürdigen Tag erst richtig möglich und wir beiden aus Namibia wären wahrscheinlich nicht hier, wenn es diesen 13. Dezember 2003 nicht gegeben hätte.

"Außerdem ist es nicht wichtig, wann ich mit meinem Vorgesetzten sprach und mich für Çemal einsetzte. Vielmehr ist bedeutend, was am 11. Dezember geschah und dieses Datum, das werde ich in der Tat nicht vergessen. Es war spät, kurz vor Mitternacht, als mein Telefon auf dem Stützpunkt klingelte. Çemal war dran. Was er sagte, ergab keinen Sinn. Er war so aufgeregt, dass er sich ständig verhaspelte, bald amerikanisch sprach, dann wieder arabisch. Schließlich begriff ich, dass er mich sprechen wolle, persönlich, aber nicht am Telefon. Seine Unruhe sprang auf mich über und ich machte mich sofort zu ihm auf, obwohl es zur Zeit nicht angeraten ist, sich nachts auf Bagdads Straßen herumzutreiben. Was er mir dann in seinem eigenen Zuhause mitteilte, - er hatte es im Café Babel aufgeschnappt, - klang beunruhigend. Ein Soldat habe - halb angetrunken - im Café laut geäußert, der gesuchte Saddam wohne in einem schönen Haus in einem Dorf namens Dur, in der Nähe der Stadt Tikrit.
'Dem geht's nicht schlecht', krakeelte der Soldat, 'der hat nämlich eine Menge Geld bei sich, gute amerikanische Dollar. Und Freunde hat er in Tikrit allemal.'"

"Du meinst", unterbreche ich Robert atemlos, "Çemal, dieser Anthony, der mittlerweile Touristen zur Etosha kutschiert, der hat euch Amis Saddams Versteck verraten?"

"Er hat uns Hinweise gegeben, nichts Genaues."

"Aber dennoch von Wichtigkeit", knurrt Moses, "denn schließlich habt ihr Saddam bei Tikrit in diesem Erdloch geschnappt."

"Ich habe das nur erwähnt, damit ihr versteht, warum Çemal mit einem Male nicht nur für uns wichtig, sondern warum sein Leben in höchster Gefahr war. Die Iraker erschossen jeden, der auch nur im Entferntesten unter Verdacht geriet, mit den Amerikanern zusammenzuarbeiten. Erst vor kurzem ist eine Frau auf offener Straße getötet worden, weil sie für eine unbedeutende amerikanische Sekretärin Wäsche wusch. Also, ihr könnt euch denken, dass Çemal von da an auf der Besoldungsliste der Boys blieb."

Robert hält inne, fährt dann aber fort. "Er arbeitete auch in diesem Café, als auch Mitglieder von HOPE, unter ihnen auch Jason, sich dort aufhielten, um sich zu entspannen. Es war viel los, an jenem Abend. Als der Betrieb etwas nachließ, ging Çemal nach draußen. Er wollte eine Zigarette rauchen. Und in diesem Moment, als Çemal vor die Tür des Cafés trat, explodierte die Bombe. Alle im Café hatten sich natürlich zu Boden geworden, ich war hinter einen Tisch gerobbt, den ich noch rasch umgeworfen hatte, man hat ja schließlich Übung. Jason und ich gingen nach einer Weile nach draußen, um nachzusehen, was geschehen war. Am Café war nur eine Scheibe zersplittert. Dann sahen wir ein brennendes Auto, das in der Wand der gegenüber liegenden Bäckerei stak.
Die kleine Gasse war angefüllt mit Rauch und Qualm und als die sich einigermaßen verzogen hatten, erkannten wir Steinbrocken, die das Straßenpflaster bedeckten. Çemal war zunächst nirgends zu entdecken, aber auch keine anderen menschlichen Körper, was mich sehr erleichterte. Die Bäckerei war zum Zeitpunkt des Anschlages menschenleer gewesen. Auf Grund der Tatsache, dass keine Toten zu beklagen waren und keine Verletzten gefunden wurden, kam später das Gerücht auf, schuld an der Tat wären die Amerikaner gewesen, die, in der nahen 'Green Zone' eine Mörsergranate nicht sachgemäß entsorgt hätten. Jason und ich fanden Çemal schließlich, bedeckt von Schutt und Steinen. Ich denke, Jason dachte genauso wie ich, dass er tot sei. Gemeinsam buddelten wir ihn aus und ich war sehr erleichtert, dass ich seinen Puls fühlen konnte. Çemal schlug sogar die Augen auf.
'Is was?', fragte er, 'ihr wollt doch nicht behaupten, dass ich morgen von mir in der Zeitung lesen oder gar im Fernsehen einen Blick auf mich werfen kann?'
'Davor werde ich dich bewahren', beruhigte ich ihn und dann rief ich im Ibn Sina Hospital an, ihr wisst schon, es ist das Hospital, das einmal für Saddam erbaut wurde und in der 'Green Zone' liegt. Wir packten Çemal dann vorsichtig in meinen Jeep und jagten zum Krankenhaus. Das Ganze passierte sehr schnell und so unauffällig wie möglich."

"Und so wurde dieses Attentat für die Medien uninteressant", verstehe ich. Und dann wird mir noch etwas klar:

"Daher stammen also seine Narben im Gesicht und auf dem Oberkörper."

"Stimmt, die sind mir auch aufgefallen", äußert sich Moses.

"Und wie wurde Çemal zu Anthony?" Mein Interesse läuft in eine andere Richtung und wieder mustert mich Robert, bevor er sich entschließt, sein Wissen preiszugeben:

"Nach den Hinweisen, die uns Çemal geliefert hatte und nach dem Attentat, das er nur gerade so überlebte, wurde uns im Headquarter klar, dass Çemal in Lebensgefahr schwebte. Während er langsam gesund wurde, bemühte ich mich, dass er einen amerikanischen Pass auf den Namen 'Anthony White' bekam, schließlich auch ein Flugticket nach Windhoek. Er wollte den Irak auf alle Fälle verlassen, es war sein größter Wunsch."

"Aber warum gerade Namibia?"

"Darauf habe ich keine Antwort. Keine Idee!," und dann setzt er noch hinzu: "Ich hätte dir gerne auch bei dieser Frage weiter geholfen, Aenne. Aber darüber weiß ich wirklich nichts. Leider." Das klingt richtig mitfühlend, ein ganz neuer Charakterzug von Robert, der sich gern überheblich gibt.

Einige Minuten verstreichen, in denen jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt. Dann stehen Robert und Erika auf, wollen gehen.

"Und Jason", hindere ich sie noch daran, "warum war er, warum wart ihr alle hier in Bagdad, das eigentliche Ziel eurer Arbeit war doch Basra. Und warum marschierte Jason einfach so in dieser Stadt herum, allein, ohne Schutz?"

"Nun, für mich war es praktisch, dass die Gruppe von HOPE hierher kam und mich abholte. Es war ..."

"Du willst doch nicht sagen, dass Jason für deine Bequemlichkeit sterben musste?" Ich explodiere beinahe.

"Nein, nein", versucht nun Erika mich zu beruhigen, "Jason selbst wollte nach Bagdad. Er wollte etwas nachprüfen."

"Er wollte etwas nachprüfen? Was für ein 'Etwas' war das denn, dass er dafür sein Leben aufs Spiel setzen wollte? Was kann es denn geben, das so wichtig ist, dass man dafür in Kauf nimmt zu sterben? Das ist doch Mumpitz, dummes Zeug, Jason war bestimmt kein Glücksritter! Er hing an seinem Leben, wenn er sich in Gefahr begab, dann nur weil es auch wichtig war, wichtig für seine Zukunft, für sein eigenes Leben! Es gab kein unbestimmtes 'Etwas'. Es, es ... Ihr verheimlicht mir irgendetwas! Er ist euch ..."

"Beruhige dich, Aenne." Robert Stimme klingt mit einem Male weich und mitfühlend, hat nichts mehr von dieser Coolness an sich, die ihn so arrogant erscheinen lässt.

"Jason hat mit mir oft und lange telefoniert, bevor er wieder hierher kam. Ich habe ihm davon abgeraten, nach Bagdad zu kommen, aber er brauchte etwas, was er nur hier bekommen konnte und so habe ich schließlich zugestimmt. Sein Anliegen war von immenser, ich möchte sogar behaupten von existentieller Bedeutung, für dich, Aenne, und so unterstützte ich Jasons Anliegen, hierher zu fahren und sagte ihm den Schutz zu, den ich gewährleisten konnte."

In meinem Kopf taumelt das Gehörte umher. Ich kann nicht begreifen, was dieser Robert da von sich gegeben hat und glauben kann ich erst recht nicht.

"Blödsinn! Es gibt nichts, was für mein Leben so wichtig wäre, dass man dafür nach Bagdad reisen müsste, oder?"

"Außer Çemal." Der Name fällt einfach so zu Boden. Später erinnere ich mich nicht einmal mehr, wer ihn ausgesprochen hat.

"Du fragst dich", plappert die Stimme weiter und weiter und gräbt sich in mein Gehirn, tiefer und tiefer, "warum Çemal ausgerechnet nach Namibia kam und seither auf deiner Farm hockt und alles tut, um sich beliebt zu machen und sich ein wenig aufspielt, als sei er der Herr dort. Das fragst du dich doch, oder?"

Jetzt erst wende ich mich dem Sprechenden zu:

"Moses, wir haben das schon einmal erörtert. Aber Çemal kann nicht Jasons Sohn sein, das glaube ich nicht. Wenn er Jasons Sohn wäre, hielte er sich auf der Farm der Willis auf."

Ich schüttle den Kopf, einmal, ein weiteres Mal, atme tief durch und wage endlich zu fragen:

"Was wollte Jason hier in Bagdad holen, Robert?"

"Ein Dokument, das sich die amerikanischen Soldaten aus Çemals Wohnung holten. Sie mussten diese auflösen, damit nichts in die Hände der Baath-Partei fiel."

"Um Himmels Willen, Robert - waaas?"

"Çemals Geburtsurkunde."

"Seine...?" Ich konnte nicht fassen, was ich gehört hatte. "Und das ging nicht auf dem Postweg?"

"Anscheinend nicht. Wegen der Beglaubigung und natürlich auch wegen einer Vollmacht von Anthony für Jason, soviel ich weiß. Die Post war nicht sicher genug."

"Jason wollte auch Çemals Mutter sprechen!", bricht nun Erika in das Gespräch ein.

"Seine was? Seine ... Mutter?"

"Das ist die Frau, die ihn geboren hat", macht sich Moses lustig, doch ich höre ihm nicht zu.

"Sie lebt hier, seine Mutter, in Bagdad?"

"Nicht mehr. Leider. Ein Bombenanschlag ..." Es ist erstaunlich, dass dieser Mann, ein harter CIA-Agent, über manche Anschläge in Bagdad nicht sprechen mag, obwohl doch kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo irgendwer in die Luft gejagt wird. Aber auch ich muss schlucken, muss das Gehörte überarbeiten. Wenn Jason vielleicht doch Anthonys Vater war, ... aber nein ... Der winzige Hoffnungsfunke zerstiebt, noch bevor er zum Feuer hat werden können. Also bleibt nur diese Geburtsurkunde.

"Und die Geburts-Urkunde, hat er die noch bekommen?"

"Sie muss bei seinen Sachen sein. Als klar war, dass du hierher kommen würdest, haben wir alles, was Jason mit sich trug, schon mal hierher schicken lassen. Du wirst sie doch haben wollen, oder?"

"Und wo sind sie?"

"Es war ein Rucksack ... er müsste hier irgendwo..."

"Wir müssen los!", blökt Erika unsensibel dazwischen. Aber ich achte nicht auf sie. Ich bin schon aufgesprungen und gehe zum Kleiderschrank in dem kleinen Vorraum. Und während Robert und Erika zur Tür hinausschlüpfen, hantiere ich dort herum.

Und da ist auch Jasons Rucksack. Ich ziehe ihn aus dem Dunkel des Möbelstückes, trage ihn in die Helligkeit des Zimmers. Dort stelle ich ihn auf das Bett. Die Klappe über der Öffnung des Sackes schlägt nach hinten, ich ziehe den Verschluss auseinander und da liegt, --- nichts. Kein Blatt Papier, keine Plastikfolie mit einem Dokument, auch kein dünner Ordner. Nur etwas Dunkles, das ich heraushebe und auf den Tisch bette. Ein Pullover von Jason. Ich krame noch ein wenig in dem Rucksack herum, stoße auf eine Jeans, auf mehrere Paar Socken, auf Unterhosen. Aber ich finde kein amtliches Dokument, kein Notizbuch, nicht das geringste Fitzelchen Papier.

Am Abend fährt Aenne mit Moses zu dem Markt, bei dem Jason zusammen mit anderen Menschen ums Leben kam. Moses besorgt ihr eine gelbe Rose, die sie auf das graue Pflaster legt und sagt damit dem Gestorbenen das letzte Lebewohl. Danach verlässt sie den Irak.

Hinweis: Der Roman "Durch fünf Türen" ist bisher noch nicht als Buch erschienen.

© Text: Jutta Schöps-Körber

© Bildnachweis:
oben: Blick auf das Zentrum Bagdads, Lizenz: Public domain
mitte: Highway 2 zwischen Arbil und Mosul, Lizenz: Creative Commons
unten: Assassins' Gate in Bagdad, Lizenz: Public domain

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