Die Außenseiterin: Heimweh

Leseprobe aus 'Larrys Sohn' von Deddine Kuschel-Swyter

Buch lesen: Larrys Sohn

Zum Inhalt des Buches:

Darwin im Jahre 1973: Die kleine Küstenstadt im Norden von Australien, ein Jahr bevor der Zyklon 'Tracy' die Stadt total zerstört. Hierher verschlägt es die junge Holländerin Clarissa van Doorn, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu beginnen. Ihr Leben scheint vorgezeichnet, ihre Zukunft fest geplant.

Schon bald verlässt sie das Schwesternheim und zieht in eine Wohngemeinschaft, in einem alten Tropenhaus am Rande der Stadt. Dort trifft sie Larry, zu dem sie tiefe Gefühle entwickelt. Aber Larry ist anders. Nicht nur seine Hautfarbe ist anders, sondern er kommt aus einer anderen Kultur, aus einer anderen Welt.

Leseprobe aus "Larrys Sohn":

Clarissa vermisste Larry vom ersten Tag an, und es war noch keine Woche vergangen, da hatte sie schon bereut, das Angebot angenommen zu haben, nach Europa zu fliegen.

Sie hatte Heimweh verspürt. Wie konnte das sein; Heimweh nach der alten Welt, die für sie Beständigkeit und Sicherheit bedeutete? Sie hatte geglaubt, dort Ruhe zu finden, Ruhe vor den Gedanken und Fragen, vor Zweifeln und Ungewissheit. Sie hatte sich Klarheit erhofft. Der Abstand von Larry, der räumliche Abstand, würde er sie nicht zwingen, alles klarer zu sehen, die Dinge so zu sehen, wie sie waren?

Die Mutter stand auf dem Bahnsteig und blickte suchend den Zug entlang, der langsam in den kleinen Bahnhof einfuhr und quietschend zum Stillstand kam. Clarissa sah sie dort stehen, in ihrer hellen Popeline-Jacke, die dunklen Haare streng zurückgekämmt und zu einem dicken Knoten im Nacken gebunden.

Mutter sah sie nicht. Ihre Augen glitten über Clarissa hinweg, den Bahnsteig entlang, suchend. Clarissa nahm ihren Koffer und ging langsam auf sie zu.

"Mutter."

Erst jetzt erkannte sie ihre Tochter. "Clarissa-Kind. Wie du aussiehst! Ich hab dich ja kaum erkannt!"

Auch Clarissa merkte nun, dass sie tatsächlich 'anders' aussah. Ihre Haut war braun gebrannt, ein tiefes, gleichmäßiges Sonnenbraun, und ihre Haare waren von der Sonne und dem Salzwasser gebleicht. In ihrer friesischen Heimat, wo der Frühsommer gerade erst begonnen hatte, musste sie zwangsläufig auffallen.

"Clarissa-Kind", wiederholte die Mutter noch einmal fassungslos, bevor sie ihre Tochter in die Arme schloss.

Die Heimat hatte sie wieder. Liebevoll und mit Wärme wurde sie überall aufgenommen. Clarissa, die Nestflüchtige, war wieder da.

Ja, Clarissa war zu ihrem Nest zurückgekehrt. Sie fühlte sich aufgefangen und in Sicherheit. Sie erzählte von ihren Reisen, von Australien, von ihrem Leben in Darwin. Larry erwähnte sie nur am Rande. Larry gehörte in eine andere Welt.

Sie besuchte Freunde. Sie wanderte durch die Feldmark, wo die Bauern mit dem Einbringen der Heuernte beschäftigt waren. Sie erledigte Einkäufe in der Stadt und sie fuhr hinaus, mit dem Fahrrad, zu dem Meer ihrer Kindheit. Die Beständigkeit dieser Welt übte einen beruhigenden Einfluss auf sie aus. Alles war und ist und blieb; alles hatte einen Sinn, und jeder wusste wer er war und wohin er gehörte. Jeder kannte seinen Weg.

Und doch nagte das Gefühl in Clarissa, dass sie hier nicht mehr hingehörte. Sie war die Außenseiterin, eine willkommene Abwechslung und manchmal auch ein Störenfried. Sie unterbrach den Tagesablauf; sie stellte Dinge in Frage, unabsichtlich.

"Es wird dir gut tun, deine Familie wiederzusehen", hatte Larry gesagt, "du vermisst sie doch, nicht wahr?" Er sah sie mitfühlend an.

"Ich weiß es nicht." Clarissas Blick schweifte hinüber zum Fenster. "Ja, manchmal denke ich, dass ich sie vermisse; meine Eltern, und Sanna; meine Freunde von früher. Es ist alles so lange her. Es ist so viel geschehen."

"Du solltest sie besuchen. Das wird gut für dich sein. Meinst du, ich habe nicht gemerkt, wie oft du in letzter Zeit traurig bist?" Er fuhr sanft mit den Fingerkuppen über ihre Augenbrauen. "Ich möchte doch, dass du glücklich bist."

Da wandte Clarissa sich ab, drehte sich im Bett herum und schob sich ganz nah an ihn heran, ihren Rücken an seine Brust, ihren Po in seine Lenden, ihre Kniekehlen um seine angewinkelten Beine. Er umschloss sie liebevoll von hinten, und sie konnten ihren Tränen freien Lauf lassen.

Wenige Tage später hatte Larry ihr das Flugticket besorgt. Er war so überzeugt davon, das richtige Heilmittel für Clarissas Traurigkeit gefunden zu haben.

"Es wird dir gut tun."

Am Tag nach ihrer letzten Klausur brachte er sie zum Flughafen. Noch einmal nahm er sie in die Arme und drückte sie fest.

"Pass auf dich auf", und lachend fügte er hinzu, "und dass du mir keine Dummheiten machst." Es waren die falschen Worte, aber sie wusste, wie er es meinte.

Die Tage waren ausgefüllt mit Besuchen, Ausflügen und Einladungen. Clarissa verbrachte eine Woche auf der Insel, wo Sanna mit ihren Kindern Urlaub machte. Sie fuhr zu Freunden in die Stadt, ging mit ihnen ins Theater, bummelte durch Einkaufstraßen. Viele Stunden verbrachte sie in geselligem Beisammensein.

Die Nächte jedoch waren lang und einsam.

Als sie schließlich im Flieger zurück nach Darwin saß, war sie verwirrter denn je. Sie wusste, dass sie nie mehr als ein gerngesehener Besuch in ihrer Heimat sein würde. Sie wusste, dass sie dort nicht mehr hingehörte. Aber wohin gehörte sie? War sie nicht auch nur ein gerngesehener Besuch bei Larry? Vielleicht ein sehr gern gesehener Besuch, aber eben doch ein Besuch?

Sie freute sich auf das Wiedersehen mit Larry, und sie hatte auch Angst davor. Sechs Wochen war sie fortgewesen. Würde er sich verändert haben? Würde sich ihre Beziehung verändert haben?

So kam sie in Darwin an, spät in der Nacht, müde und aufgeregt, voller Vorfreude und dem festen Vorsatz, alle Zweifel zu verdrängen.

Larry war nicht da.

© "Die Außenseiterin" - Text und Buchcover: Deddine Kuschel-Swyter

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