Zwei Tage in Dili - Australia Day

Leseprobe aus 'Larrys Sohn' von Deddine Kuschel-Swyter

Larrys Sohn

Zum Inhalt des Buches:

Darwin, die kleine Küstenstadt im Norden von Australien im Jahre 1973, ein Jahr bevor der Zyklon 'Tracy' die Stadt total zerstört. Hierher verschlägt es die junge Holländerin Clarissa van Doorn, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu beginnen. Ihr Leben scheint vorgezeichnet, ihre Zukunft fest geplant; zumindest in den Augen von Bernie, ihrem Freund.

Schon bald zieht sie in eine Wohngemeinschaft, in ein altes Tropenhaus. Dort trifft sie Larry, zu dem sie tiefe Gefühle entwickelt. Aber Larry ist anders. Nicht nur seine Hautfarbe ist anders, sondern er kommt aus einer anderen Kultur, aus einer anderen Welt.

Leseprobe: "Zwei Tage in Dili"

Ende Januar gab es ein langes Wochenende, 'Australia Day'. Sie nahmen sich noch zwei Tage dazu und flogen gemeinsam nach Timor.

Nach knapp zweistündigen Flug landeten sie in Baucau, International Airport; eine alte Holzbaracke, davor eine Windhose. Sie stiegen aus und warteten.

Es wurden Seile gespannt, provisorische Absperrungen errichtet, und sie wurden hineingetrichtert in die Baracke, Baucau links, Dili rechts, Passkontrolle. Schließlich standen sie wieder draußen, unter dem Sonnendach. Etwa 20 Passagiere waren es noch, die weiter nach Dili wollten.

Dann kam Sammy. Sein Name sei Samuel, sagte er, aber sie könnten ihn Sammy nennen. Ob sie nach Dili wollten, fragte er. Ja, das wollten sie. Und ob sie schon eine Unterkunft hätten. Nein, die hatten sie noch nicht.

Aber er hatte eine. Keine Sorge, Sammy würde alles für sie regeln. Sein Englisch war schwer zu verstehen. Er redete von seinem Schwager, von einem neuen Motel in Dili, er nannte Preise; die waren günstig. Larry buchte das Zimmer. Sammy regelte alles. Dann landete die alte portugiesische Propeller-Maschine. Die ersten zehn Passagiere durften einsteigen.

Sie warteten weiter. Es war ruhig geworden. Sam war wieder verschwunden. Die Seile wurden wieder eingerollt und die Uniformen weggehängt. Es war angenehm warm.

Nach eineinhalb Stunden kam die Maschine aus Dili zurück und holte die restlichen Passagiere ab. Sie flogen entlang der Küste, unter sich saftiges Grün, steile Felsen und Sandstrand; vereinzelt Hütten, strohgedeckt - braune Flecken im Land. Sie landeten in Dili, einem verträumten kleinen Ort.

Entlang einer schönen Bucht mit vorgelagerten Felsen erstreckte sich eine Ansiedlung von Häusern, palmenumstanden, zu Füßen der grünen Berge. Geschäftsstraßen oder gar eine richtige City, das fanden sie auch später nicht. Ein paar modernere, relativ neue 'Hotels' lagen in Strandnähe. Es waren einfache, bescheidene, flache Bauten. Entlang den Straßen standen einige Steinhäuser, Geschäfte, die eher großen Hallen glichen, an deren Dunkelheit im Inneren man sich erst gewöhnen musste. Der Rest waren Holzhäuser, einige frisch gestrichen, die meisten eher vernachlässigt; und am Rande, übergangslos, die Eingeborenenhütten.

Sammys Schwager stand tatsächlich am Flughafen und brachte sie in seinem Landrover zum Motel. Es war ein flacher, länglicher Bau, einfach, aber freundlich und sauber. Unter Palmen nahmen sie ihren 'Sundowner'. Eine leichte Brise kam vom Meer herüber. Entspannt saß Larry in seinem Stuhl und lächelte Clarissa an.

Sie teilten sich ein Zimmer. Ein Zimmer für Larry und Clarissa, nur für sie; ein eigenes Bad; ein großes Doppelbett. Zuhause, in der Wells Street, gab es nur Clarissas Matratze, einen Meter breit, auf dem Fußboden. Die Pritsche in Larrys Zimmer war noch schmaler.

Für einen Moment standen sie sich verloren gegenüber, in dem kahlen Raum, ihre Taschen noch unausgepackt, das große, leere Bett, die weißen Laken, der kühle, nackte Steinfußboden unter ihren Füßen.

"Ich gehe duschen", sagte Clarissa, streifte Shorts und T-Shirt ab und verschwand im Bad. Als sie die Dusche andrehte, der harte Strahl geräuschvoll gegen die Fliesen prasselte, stand er hinter ihr; sein brauner, nackter Körper, seine schmalen Hände, ein warmes Prickeln unter der Haut, und ein wild pochendes Herz.

Sie duschten gemeinsam. Sie seiften sich gegenseitig ein; schäumende Haut, glänzend, unter sanft massierenden Händen; sprudelnd ergoss sich das Wasser über ihre Körper und übermütig, mit plötzlich erwachender Energie, tauchten sie ein in den Strahl, spritzend, lachend und liebend.

Zwei Tage blieben sie in Dili. Sie schliefen bis weit in den Morgen, frühstückten im Bett, bummelten gemeinsam durch den Ort und stöberten in den wenigen Läden. Überall lächelten freundliche Menschen sie an, warfen ihnen ein paar Brocken Englisch zu, waren hilfsbereit, ohne sich aufzudrängen. Sie sahen nur wenige Touristen.

Am Samstag war Markttag. Die Bauern kamen aus entlegenen Dörfern, von weit her aus den Bergen, nach stundenlangen Märschen. Ihre kleinen Pferde führten sie an der Leine. Sie waren bepackt mit Säcken und Körben voller Waren, die auf dem Markt verkauft werden sollten, vor allem Obst, Gemüse und Getreide, aber auch handgewebte Decken und Tücher, Korbwaren und Silberschmuck.

Einige brachten auch lebende Hähne in kleinen Käfigen. Diese Tiere waren allerdings nicht für den Kochtopf bestimmt. Es waren Kampfhähne.

Am Rande des Marktplatzes fanden die Hahnenkämpfe statt. Umringt von aufgeregt schreienden und gestikulierenden Männern stürzten die Hähne aufeinander los, hackten wie wild um sich, hüpften, flatterten, stießen, zupften und kreischten. Federn flogen und die ersten Blutstropfen markierten den Platz.

Am Stadtrand endete die befestigte Straße. Ein großer alter Friedhof, überwuchert von grünem Gestrüpp, lag abseits, umgeben von einer verfallenen, schmutzig-weißen Mauer. Direkt davor, nur wenige Schritte von der Straße entfernt, wälzten sich einige Wasserbüffel träge in einem schlammigen Tümpel. Sie ignorierten Clarissa und Larry.

Gleich hinter Dili erhoben sich die Berge, bedeckt von tropisch üppiger Vegetation. Dunstige Schwaden hingen über dem Grün, behäbig, der Sonne zum Trotz.

© "Zwei Tage in Dili" - Text und Buchcover: Deddine Kuschel-Swyter

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