Die Heimtücke des Herrn R.

Erzählung

Die Heimtücke des Herrn R

Was soll das heißen, Anzeige wegen Kindesentzug? Das muss ich mir nun nicht gefallen lassen, oder? Nur weil diese dämliche Blondine ihr Leben nicht auf die Reihe kriegt, soll ich meinen Kopf hinhalten? Ich hab dieser dummen Nuss einen Gefallen getan, so ist das. Ich hätte ihr damals ja nicht helfen müssen, verstehen Sie. Aber man hat ja so was wie ein Herz, doch das hat man. Vielleicht sehe ich nicht unbedingt danach aus, aber ich kann nun mal niemanden weinen sehen. Aber gut - ich erzähle der Reihe nach.

Also vor etwa zehn Jahren hörte ich auf einem meiner abendlichen Rundgänge jemanden fürchterlich weinen. Wieso ich so spät unterwegs war? Hören Sie mal, schließlich bin ... na ja, war ich ein freier Bürger dieses Landes, oder etwa nicht? Es ist meine Sache, wann ich meine Spaziergänge mache. Hey hey ... halten Sie bitte Ihren Kollegen zurück, ja? Ich wohne am Waldrand, habe da von meinem Großvater eine Hütte geerbt und wieder flott gemacht. Dort fühle ich mich wohler als in der Stadt. Ich habe es schön warm, es ist gemütlich und ich habe meine Ruhe. Jedenfalls kam das Geheule vom alten Schloss, da wo jetzt diese Büros untergebracht sind. Am Fenster stand da diese däm ... ja ja, schon gut. Pfeifen Sie den Mann zurück. Also da stand die junge Frau und jammerte, was das Zeug hielt.

Da ich mich nicht beherrschen kann, wenn jemand Hilfe braucht, fragte ich Depp natürlich, was denn los sei - und damit hat alles angefangen. Sie hatte ihren ersten Tag in der Firma, und ihr Chef hatte sie mit Arbeit völlig eingedeckt. Allerdings - das kam unter fürchterlichem Schniefen heraus - hatte die Beste keine Ahnung von ihrem Job. Die Bewerbung war so was von hochgestapelt - und soweit ich das beurteilen kann, sah die Kleine ziemlich gut aus, machte wohl was her. Blond, gute Figur, große Augen und das alles. Nicht, dass mich so was interessiert, aber ich denke, dass ihr Boss eher auf die Bluse statt auf den Lebenslauf gesehen hatte.

Sie hatte also Schiss, dass sie die Stelle gleich wieder verlieren könnte, und anstatt am PC rumzumachen, flennte sie lieber durch die Nacht. Und da ich nun mal bin, wie ich bin, kletterte ich die zwo Meter am Spalier hoch in das Bürokabuff und sah mal nach, um was es da überhaupt ging. Blondie hatte, wie sich herausstellte, keine Ahnung. Ihre Kenntnisse, was den PC betrafen, bezogen sich ausschließlich auf Sachen wie Facebook und solchen Kram. Also zeigte ich ihr, wie sie Dateien öffnet und Sachen in Tabellen überträgt und was alles dazugehört. Dass ein PC über ein Schreibprogramm verfügt, wusste sie nicht mal.

Hatte mich gleich in der ersten Nacht zwei Stunden gekostet - und weil ich dämlich bin, versprach ich ihr, am nächsten Abend wiederzukommen. Sie sehen, worauf das hinauslief? Sagen Sie Ihrem Kollegen, er soll nicht so anzüglich grinsen. Ich habe mir NICHTS ausgerechnet bei Blondie. Sie ist absolut nicht mein Typ - außerdem nicht mal dreißig. Und vor allem zu blond, wenn Sie mich verstehen. Ja, ich ging also am Abend darauf wieder hin, und das Mädchen stand schon am Fenster. Muss sagen, sie hatte auch Kaffee gemacht. Ahnte wohl, dass es eine lange Nacht werden würde. Ich gebe zu, es hat noch viele Kannen Kaffee gekostet, bis Blondie wirklich fit war in ihrem Job. Dann allerdings - und das Dank mir - war sie der Überflieger. Nachdem sie eingesehen hatte, dass ich ihr zwar die Sache beibringen, aber keineswegs ihre Arbeit machen würde, legte sie sich ins Zeug und lernte ganz gut.

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Bei ihrem Boss machte sie wahnsinnig die Punkte - sie verkaufte ihm das alles natürlich als Überstunden. Er war sehr beeindruckt, das kann ich Ihnen sagen. Vielleicht noch mehr davon als von ihrer Oberweite. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste - man ist ja naiv - hatte das raffinierte Ding schon längst ein, oder besser gesagt: zwei Augen auf den Kerl geworfen. Sie setzte wirklich alles daran, sich im allerbesten Licht zu präsentieren. Gelang wohl auch recht gut - denn nachdem wir so einen Monat miteinander verbracht hatten und ich ihr nichts mehr beibringen musste, tauchte sie bei mir auf. Natürlich redet man auch über private Dinge ein wenig, wo man wohnt oder ähnliche Sachen. Heute wünschte ich, dass ich meine Klappe gehalten hätte. Das können Sie mir glauben.

Sie kam also am späten Nachmittag an, natürlich wieder heulend, und an der Hand hatte sie einen kleinen Jungen von etwa vier Jahren oder so. Es wäre ihrer, sagte sie und dass sie nicht wüsste, wohin mit ihm für die nächste Zeit. Ihr Chef hatte scheinbar angebissen bei der ach so freundlichen und überaus tüchtigen Bürokraft mit den ... großen Augen, dass er sie mitnehmen wollte auf eine wichtige Geschäftsreise nach Frankreich. Ja, und da konnte sie den Kleinen ja nicht mitnehmen. Und ob ich nicht für vierzehn Tage ...? Sie wissen ja, dass ich mich habe breitschlagen lassen. Vor meinem Häuschen hatte sie eine Sporttasche geparkt (das Biest wusste, dass ich nicht nein sagen würde) mit Sachen für den Jungen. Der Gedanke an ein Balg, das mich meine Ruhe kosten würde, behagte mir zwar nicht, aber der Kleine sah irgendwie blass aus und war außerdem viel zu ruhig. Als sie abzog, drückte sie einen Kuss irgendwo in die Umlaufbahn seines Kopfes, und das war's. Nett.

Das Kind war nicht gewohnt, dass man mit ihm redete. Es konnte auch nicht besonders viel sprechen - noch ziemlich babyhaft. Aber nach einigen Tagen veränderte sich das total. Ich nahm ihn mit auf meine Waldtouren und sagte ihm die Namen von allem, das wir sahen. Bäume, Tiere, Pflanzen - einfach von allem. Er quasselte dann drauflos und sprach die Worte nach, es ging bald wie ein Wasserfall. Der Junge wurde auch richtig anhänglich, saß auf meinem Schoß und legte seinen blonden Lockenkopf an meine Brust, während ich las oder Radio hörte. Wissen Sie, ich hatte so ein Gefühl, dass er nicht sehr oft so sitzen durfte in seinem normalen Leben. Ich mag Kinder eigentlich, und dieser Junge war ein sehr angenehmer kleiner Kerl. Er lernte schnell und setzte das auch um. Manchmal fuhr er zusammen, etwa wenn ihm etwas herunterfiel oder er irgendwo anstieß. In diesen Momenten hätte ich Blondie sehr gerne meine Meinung gesagt, das können Sie mir glauben.

Als die vierzehn Tage um waren, kriegte ich einen Brief. Sie würden länger bleiben, weil die Verhandlungen schwierig wären und weil Frankreich so schön wäre ... ob es mir etwas ausmachen würde ... nach dem Kind fragte sie nicht. Um ehrlich zu sein, mir war es recht. Der Junge war mir irgendwie ans Herz gewachsen, und da er noch nicht zur Schule musste, mochte es angehen. Vorher war er bei einer Tagesmutter gewesen - die nahm aber keine Kinder über Nacht.

Sechs Wochen waren die beiden in Frankreich. Zwar unterbrachen sie die Reise für jeweils zwei Tage - aber davon sagte mir Blondie wohlweislich nichts. Nach dem Jungen fragte sie nicht. Als sie wieder nach Deutschland kamen, waren die beiden verheiratet. Na toll, meinen Sie? Die neue Chefin der Firma kam kurz vorbei, um noch Sachen für das Kind zu bringen, das sie im Übrigen kaum beachtete - und fragte prompt, ob ich vielleicht ... weil ihr Mann noch nichts von dem Kleinen wusste und gerade so viel los war. Sie würde ihm das natürlich sagen, sobald die Gelegenheit günstig wäre.

Das ging so etwa zwei Jahre. Vorher war die Gelegenheit scheinbar nicht günstig. Wie auch immer, Blondie hatte zwar darauf spekuliert, dass sie ihr Kind einfach bei mir vergessen könnte - aber sie hatte nicht mit dem Zufall gerechnet. Eine alte Freundin hatte sie erkannt und prompt auf den Jungen angesprochen. Und leider war ihr Mann dabei ... Sie können sich wohl vorstellen, wie sehr diese Mustermama dann in Bedrängnis geriet.

Dass sie den Kleinen so lange Zeit bei mir einfach geparkt hatte, konnte sie ihrem Mann ja wohl nicht sagen - das hätte gar nicht gut ausgesehen. Ihr einstiger Chef hat da wohl Prinzipien, was die Pflicht von Müttern angeht. Also erfand sie dieses ... ist ja gut, ich sag das Wort nicht. Also, sie dachte sich die Geschichte von der Erpressung und dem ganzen Blödsinn aus. Hatte dadurch auch gleich eine Erklärung für die viele Kohle, die sie verbraucht hatte. Mich freut nur, dass ihr Mann da etwas auf Distanz gegangen ist, wohl weil er solche Komplikationen nicht unbedingt mag. Er fühlt sich wohl auch hintergangen. Ja, und der Kleine ist jetzt ja wieder bei ihr, zum Glück hat das Hauspersonal da ein Auge auf ihn. Das Kind fehlt mir sehr, das können Sie mir glauben. Er hat viel gelernt bei mir, spricht sehr gut und kann auch schon etwas lesen. Ein kluger Junge, und sehr naturverbunden. Er ist seiner Mutter so unähnlich wie möglich, gerät wohl nach dem Vater. Über den hat sie nie ein Wort gesagt, nein.

Nun ja, wie Sie sehen, soll ich für meine Freundlichkeit jetzt auch noch bestraft werden. Dabei ist die Trennung von dem Kind schon schlimm genug. Er fragt nach mir, hab ich gehört. Das tut schon weh - wir hatten eine schöne Zeit. Was? Das sieht ihr ähnlich - sie merkt sich nur, was ihr nützt. Meine Adresse zum Beispiel ... aber meinen Namen, den wusste sie nie. Sie hat nicht mal danach gefragt. Ich buchstabiere ihn noch einmal für Sie: RUMPELSTILZ.

© Text zu "Die Heimtücke des Herrn R.": , 2013. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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