Eine Nacht in panischem SchreckenFortsetzung von "Der Teufel, die Katze und Gertraud Blienzle" |
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Ihr stieg etwas Sonderbares in die Nase, ein Geruch, der ihr vage bekannt war, aber den sie nicht einzuordnen vermochte, bis sie das im Nebel sehr schwache Licht ausmachen konnte. Die Versammlung dort hinten hatte tatsächlich Fackeln. Gerdi schlich, so nahe sie konnte, an die ersten Bäume des kleinen Wäldchens - dazu musste sie das Mausoleum umrunden, aber sie wusste, dass sie praktisch unsichtbar war im Dunkel. Der Fackelschein reichte nicht sehr weit, aber er erhellte die groteske Szene gut genug, um zu sehen was geschah. Gerdi zählte zwölf Gestalten, alle dunkel gekleidet, die um das Sandsteinfragment eines Felsens herumstanden. Es waren ziemlich junge Leute, soweit sie das sehen konnte - und sie hatten keine Masken oder etwas Ähnliches. Ein oder zwei hatten helle Kutten mit diesen spitzen Kapuzen daran - solche, wie man sie billig im Internet beziehen kann. Kurzgeschorene Haare bei den meisten, hier und da Strähnen, die ins Gesicht fielen. Mädchen waren dabei, mit langem, mit kurzem Haar - Leute, wie man sie auf der Straße sah in diesen Zeiten. Keine theatralische Kostümierung - eine Tatsache, die Gerdi frösteln ließ. Denn das bedeutete, dass diese hier das, was sie taten, sehr ernst nahmen. Das hier waren keine solchen Jugendlichen, die vielleicht zu weit gegangen waren oder zugesehen hatten, wie andere das taten, um dann mit Magenkrämpfen beim Psychologen zu sitzen - das hier war so etwas wie der harte Kern, von dem der ganze Spuk ausging. Es ging da nicht um Mutproben oder einen krassen Partyscherz - das war Gerdi spätestens klar, als sie die beiden Transportboxen für Kleintiere sah, die vor dem halb mannshohen Felsen mit der flachen Oberfläche abgestellt waren. Aus dem einen drang eindeutig das Flehen einer Katze, in dem anderen war es still. Gerdi spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten und ihre Kehle sich so eng zusammenzog, dass sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Wie ein Schwarm Fische huschten ihre Gedanken hinter ihrer Stirn hin und her - was sollte sie tun, wenn diese Irren das Tier herausnehmen und töten würden. Was KONNTE sie tun?
Das waren Leute, die nicht an den Teufelsquatsch glaubten, sondern ihn nur als Vorwand für ihre kranken Obsessionen benutzten. Hier sollten keine Dämonen beschworen werden, außer denen im eigenen Kopf. Einfach Tiere fangen und zu Tode bringen war nichts für diese Irren da - es musste eine Show daraus gemacht werden. Und Gerdi hatte so eine Ahnung, was das gewesen war da in dieser Schale - das, was so schwarz aussah, wie es da auf die Stirnen geschmiert war. Gerdi konnte diesem Tier nicht helfen - das wusste sie, aber sie würde dafür sorgen, dass keinem weiteren Geschöpf so etwas zustieß, das würde sie. Grimmig und mit tränenfeuchtem Gesicht zwang sie sich, auf die Szene zu starren, um sich alles einzuprägen, was von Nutzen sein konnte - vor allem das, was sie an Gesichtern in dem rauchigen Licht erkennen konnte. Der Kuttenträger hob die still in seiner Hand hängende Katze in theatralischer Geste hoch und schwenkte sie vor den Gesichtern der Umstehenden. Dann legte er das Tier mit hartem Griff auf den Felsblock. Ein Mädchen aus dem Kreis reichte ihm eine Schale und ein Messer - und Gerdi zwang ihre Augen, hinzusehen. Ihr Herz klopfte wie rasend, und sie hätte am liebsten aufgeschrien.
Gerdi hielt den Atem an. 'Was um alles in der Welt geschieht hier?', dachte sie und wunderte sich, dass sie keine Angst verspürte. Ihr war alles recht, was den Mörder abhielt - und wenn es Satan persönlich sein sollte. Und noch ehe sie den Gedanken im Kopf tatsächlich ausgeformt hatte, fuhr ein Blitz aus dem Erdboden hervor - zumindest sah es so aus... oder war es eine blendende Flamme, die aus dem Boden kam? Über dem Felsblock waberte ein rötlicher Nebel, veränderte sich, wurde größer... begann Raum einzunehmen und öffnete sich wie eine Membran. Ein Umriss wurde sichtbar - etwas wie eine Gestalt... zwei Hörner? Ein haariges Bein schob sich aus dem wabernden Luftgebilde, ein Bein, das in einem Huf endete. Gerdi hätte sich nicht bewegen können - nicht, wenn es um ihr Leben gegangen wäre - aber die anderen konnten es. Sie kreischten, schrien, warfen sich herum und rannten in das Dunkel hinein - man hörte Krachen und Aufheulen - dann war der Platz leer. Jedenfalls bis auf die erschöpft liegen gebliebene Katze und dieses Geschöpf, das - die Hände in die Hüften gestemmt - den Fliehenden nachsah. Dann drehte sich die Gestalt um, nahm mit unendlicher Zartheit die schwarze Katze vom Felsen und drehte sich mit ihr in den Armen zu Gerdi um. Von der Gestalt ging ein Leuchten aus, so dass Gerdi alle Einzelheiten sehen konnte, als wäre sie im Kino - und deshalb nahm sie auch die einladende Handbewegung wahr, die ihr galt. Langsam ging Gerdi zum Steinblock, den Blick auf die Katze in den haarigen Armen dieses... Wesens gerichtet, blieb vor ihm stehen und sah hoch. Was sie sah, war ein menschliches Gesicht, wenn auch vielleicht mit etwas groben Zügen. Die lange Nase und die Mandelaugen erzeugten einen ebenso pfiffigen wie klugen Eindruck, die spitzen Ohren lugten wie zwei zierliche, gebogene Hörner unter einem Wust kleingelockter Haare hervor. Er war überhaupt ziemlich haarig, der da vor ihr stand, und die Haut war gebräunt. Die Muskeln, über die dieses Wesen verfügte, sahen aus wie von einem Bildhauer in Marmor geschlagen, aber dann verschwanden sie unter einer unglaublich dichten Behaarung, die ab dem Nabel die Beine vollständig bedeckte. Die kräftigen Beine endeten in jeweils einem erstaunlich zierlichen Huf. Gerdi bemerkte, dass dieses Geschöpf den Kopf schiefgelegt hatte und sie unverwandt anstarrte - mit so etwas wie interessiertem Wohlwollen - und durchaus nicht satanisch. Ihr war klar, dass sie wohl so etwas wie ein Gebet losgesandt hatte, oder vielleicht doch eine Beschwörung? Aber wen hatte sie gerufen... und dann sah sie, was ihm um den Hals hing. An einer einfachen Lederschnur war eine dieser Flöten befestigt, die aus mehreren Röhrchen bestand und deren Klang Gerdi nicht unbedingt mochte - und dank ihrer früheren Vorliebe für Mythen streckte sie die Arme nach der völlig ruhigen, schnurrenden Katze aus, die Pan ihr hinhielt. Der Gott der Wälder und Felder, und allem was darauf lebte und atmete, war gekommen, um einem hilflosen Geschöpf beizustehen... als er lächelte, dachte Gerdi, dass er wohl auch einen guten Spaß liebte. Dann lachte Pan, stupste Gerdi mit einem Finger sachte an, was ihr Mühe bereitete, auf den Beinen zu bleiben - und verschwand. Als Gertraud Blienzle nach Hause kam, mit ihrer neuen Katze auf den Armen, überraschte Zorro sie damit, dass er selbstständig an seine Wasserschüssel ging und langsam trank. Dann schnüffelte er interessiert an dem Neuankömmling und kugelte sich dann auf seiner Decke zusammen, wobei er die schwarze Kätzin duldete, die sich schüchtern neben ihn kuschelte. Gertraud Blienzle redete mit niemandem über diese Nacht, und wenn sie in den folgenden Monaten etwas hörte, wie zum Beispiel, dass diese "Satanstreffen" nur eine Modeerscheinung waren und jetzt wohl Ruhe wäre, nickte sie einfach und lächelte. Sie hatte nicht viel Zeit zum Plauschen, denn daheim warteten ihre Katzen auf sie. © Text: Pressenet Die Abbildung zeigt ein Mosaik des Hirtengottes Pan, Lizenz: gemeinfrei Lesen Sie auch Eine Stadt bei Stuttgart
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