Schlechte Zeiten für das Geschäft

Ein Stadtkobold erzählt

Stadtkobold

Alles ist ziemlich öde - es ist fürchterlich langweilig und es gibt auch nicht wirklich was zu tun. Ich hab die meiste Zeit keine Ahnung, was ich machen soll, und meine Alten haben auch nicht wirklich eine Idee. "Früher war eben alles besser", sagen sie, und ich kann's nicht mehr hören. Dass alles anders geworden ist, weiß ich nun selber. Ich bin zwar erst 150 Jahre alt, also noch ziemlich jung für einen Kobold, aber dass es früher irgendwie spaßiger war, stimmt schon. Eigentlich habe ich das nicht so richtig mitgekriegt, denn in den Zeiten, von denen meine Eltern ohne Pause schwärmen, war ich noch zu klein, um richtig mitzumischen.

Wir sind Stadtkobolde, was bedeutet, dass wir in diesen Zeiten mehr zu leiden haben. Einige von uns leben seit Urzeiten auf dem Land, und da ist manches noch ein wenig anders. Obwohl mein Onkel, der letzthin zu Besuch war - so etwa vor vierzig Jahren in Menschenzeit - sich beschwerte, dass es auch da immer schwieriger würde für unsereinen. "Die Ställe haben sich in Fabriken verwandelt", grummelte er. An ein Schälchen Milch wäre gar nicht mehr zu denken - liebevoll und mit Respekt hingestellt vom Melker. Selbstbedienung ist ausgeschlossen, diese Melkmaschinen legen die Kühe trocken bis auf den letzten Tropfen, bis zum nächsten Abzapfen.

Ein anständiger Kobold streitet sich auch nicht mit den Hofkatzen um die Milch. Jedenfalls meinte mein Onkel das. Meine Eltern erzählen immer wieder davon, dass diese Stadt ja auch einmal ein Dorf gewesen war - aber mit der Zeit ging die Gemütlichkeit flöten. Die Familie ist trotzdem geblieben - wenn man irgendwo viele hundert Jahre gelebt hat, zieht man nicht so leicht um. Ich hätte damit weniger Probleme, anderswo wäre es vielleicht lustiger. Manchmal höre ich mir die Geschichten von früher an - auch wenn ich sie auswendig kenne.

Mit Menschen kamen wir eigentlich ganz gut klar - ein wenig Spaß darf man schon mit ihnen machen, aber übertreiben sollte man das nicht. Wenn man ihnen ein wenig hilft, versorgen sie einen ganz gut - jedenfalls war das früher so. Erwiesen sich die Leute als knickerig ... tja, dann passierte eben hier und da etwas. Die Milch wurde zum Beispiel sauer ... man tunkte den Finger hinein und sagte den speziellen Spruch dazu auf ... und schon hatte das Gesöff den schönsten "Stich". Heute geht das nicht mehr. Das Zeug ist immer in diesen Packungen eingeschlossen, und die stehen in diesem Kühldings. Man kommt nicht mehr dran. Die anderen guten Sachen beerdigen sie unter Eis, bis sie etwas davon brauchen und es wieder hervorholen.

Für uns fällt da gar nichts mehr ab - und klauen geht überhaupt nicht mehr. Obst lassen sie manchmal offen herumstehen - da kann man sich bedienen. Dass hier und da ein Apfel fehlt, merkt keiner. Die schmeißen sowieso das meiste davon weg. Ein Kobold, der auf sich hält, macht auch unartigen Kindern ein wenig Angst ... nicht allzu viel, und nur dann, wenn die kleinen Riesen sich zu sehr daneben benommen haben. Wir unterstützen damit die Eltern, schließlich brauchen wir ja auch einmal unsere Ruhe. Aber als ich das letzte Mal so etwas versuchte, spielte der Kleine mit seiner Kastenarena, vor der er meistens sitzt - was ich da gesehen habe, ließ mich Wochen mit klappernden Zähnen in unserem Versteck sitzen. Das dauerte richtig lange, bis ich mich wieder rausgetraut habe.

Ein wenig pfeifen in der Nacht, nur um ein wenig Unsicherheit zu verbreiten, so wie früher, ist ziemlich sinnlos. Die haben Sachen erfunden, die sie sich in die Ohren stecken und die dann ihre Musik direkt in ihr Gehirn schicken. Die hören nichts mehr, weil sie oft sogar mit den Dingern einschlafen. Man könnte auf der Bettdecke sitzen und sie bekämen das nicht mit.

Helfen können wir den Menschen auch kaum noch - früher haben wir hier oder da ein gutes Wort über die Pflanzen im Garten gesprochen - kam uns ja auch zugute. Aber die schleppen die Sachen von außerhalb an, einen richtigen Garten gibt es nicht. Aber das allerverrückteste sind diese Filme, die sie sehen - das sollen Geschichten sein. Da sehen sie sich Zwerge und Drachen und sogar Kobolde an - und uns nehmen sie nicht mal wahr. Die Vorstellungen sind sehr romantisiert - unser Beruf ist sehr hart und wird immer härter.

Gemütlichkeit, wie wir das schätzen, mit Spinnweben unter den Bänken und netten Mäusen als Nachbarn in unseren Verstecken, gibt es nicht mehr. Alles was danach aussieht, machen die Menschen sofort kaputt. Sie haben eklig grelles Licht, das den ganzen Tag brennt und jeden Winkel beleuchtet. Wahrscheinlich haben sie Angst, dass sie eine Spinnwebe übersehen. Meine Eltern erzählen oft, dass früher ein Feuer brannte im Haus, und dass alle um einen Tisch zusammensaßen, um zu essen. Ruhig war das und nett, es gab viele dunkle Ecken und wir Kobolde saßen ebenso zusammen, gut verpflegt von dem, was man uns hingestellt hatte oder was wir eben für uns abgezweigt hatten.

Ich weiß nicht genau, wann ich zum letzten Mal gesehen habe, dass die Menschen hier im Haus so zusammengesessen haben, das muss sehr lange her sein. Manchmal sieht es sogar so aus, als würden die sich nicht einmal näher kennen. Die reden nicht viel miteinander. Die machen lieber verbissen alle heimeligen Ecken kaputt.

Meine Alten sagen, wenn das so weitergeht, gehen wir zurück in die Wälder. Falls es die noch gibt.

© "Schlechte Zeiten für das Geschäft" - eine Kurzgeschichte von , 2013. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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