Stahlbeton: Hellgrüner Nebel

Kurzgeschichte

Fremder Planet

Glof steht am Versorgungsschacht zum Zugang der ersten Etage im Wüstensand und überlegt. Er will jetzt nicht mit den anderen zusammen sein, dazu ist er zu aufgewühlt. Rada hatte seine Vorschläge der letzten Tage ignoriert und ihn vor allen anderen lächerlich gemacht. Es ging darum, wie man am schnellsten die drei Etagen der neuen Basis einsatzbereit machen könnte. Aber Rada ist nun einmal der Leiter der 600 Wissenschaftler, die sich auf dem Stützpunkt dieses Stein- und Wüstenplaneten eingruben, und er hatte Glof die Zuständigkeit abgesprochen.

Die Transportrobots beamen ständig neue Geräte von einem Frachtschiff in die unterste Etage, die als Erste eingerichtet wird. In zwei Stunden soll dann die mittlere Etage mit den Wohneinheiten fertiggestellt werden. Die Freizeiträume, wie Sportanlagen, Bars und die Bibliothek, wären erst morgen an der Reihe. Glof hatte einen anderen Plan, aber er ist nur der Spezialist für die sichere Verschalung der drei unterirdischen Einheiten. Jede misst viele hundert Meter in Länge und Breite und wird genügend Platz für die ganze Crew bieten.

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In dreißig Minuten sind meine Arbeiten hier unten abgeschlossen. Ich bin Webe, einer der Techniker. Meine Robots hieven noch eine Sicherheitstür ins virtuelle Scharnier, danach gehen die Arbeiten im hinteren Teil des Tunnels weiter. Ich will gerade den Robots den letzten Befehl erteilen, als ich merkwürdige Geräusche aus dem Nebenraum höre. Aus der Ferne klingt es wie ein Schrei ... nein, mehrere Schreie. Schreie wie von Wahnsinnigen. Mein Onkel ist Arzt in einer dieser modernen Kliniken, in denen hysterische Patienten behandelt werden - aber so etwas wie das hier habe ich noch nie gehört.

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Böden, Decken und Wände der Wohn- und Arbeitseinheiten werden aus Phos gefertigt, einem Material härter als Stahlbeton und im Urzustand leichter als Watte, von dem mehrere hundert Tonnen Fertigmasse in einem kleinen Fahrzeug transportiert werden können. Erst bei Berührung mit Sauerstoff expandiert das Material wie Hefeteig und ist extrem belastbar - selbst eine Atombombe könnte ihm nichts anhaben. Phos wird vor dem Versprühen codiert. Glof kann komplexe Wohntürme programmieren, aber auch Kinderspielzeug oder Schränke daraus produzieren. Glof ist der Fachmann dafür.

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Etwas sagt mir, verdammt nochmal, dass hier etwas nicht stimmt. Ich gehe einige Schritte ins Zwischenmodul hinein und versuche herauszufinden, was dort los ist. Weit im Hintergrund sehe ich einige meiner Kollegen, die sich mit verzweifelten Bewegungen gegen etwas wehren. Dort hinten ist ein hellgrüner Nebel, der sich rasch ausbreitet. Einige Kollegen liegen am Boden, andere entfernen sich von mir, ein paar kommen auf mich zu, werden vom Nebel erfasst und fallen hart auf den Boden.

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Die Codierung dauert nur wenige Minuten. Sechzig Gramm des Phos werden in die unterste Etage gebeamt und benötigen nur vier Minuten, um sich auszubreiten und das Stockwerk komplett zu verschließen. Glof hört die Schreie seiner 599 Kollegen und lächelt zufrieden. Etwa zwanzig Frauen und Männern gelingt die Flucht durch den Versorgungsschacht in die zweite Etage. Glof hat dies vorausgesehen und verschließt auch diese fachgerecht. Dafür wurde er ausgebildet.

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Noch kann ich atmen. Ich drehe mich um und laufe zum Schott, lasse es hinter mir einrasten und lausche. Das Schott ist dicht, weder ein Ton noch dieser Nebel dringt hindurch. Ich kann nicht zurück - ich will leben. Aber ich kann keinem meiner Kollegen mehr helfen. Ich bin verzweifelt. Der Sicherheitstunnel, den ich anlegen sollte, ist erst zu zwei Dritteln fertig. Auf dem letzten Drittel fehlt der Transportstrahl, der zu den Rettungskapseln führt. Ich muss hinunterklettern.

Der Schacht, der steil nach unten führt, wurde von den Robots nur grob angelegt. Meine Maschinen sind ausgefallen - der Zentralcomputer muss ebenfalls ohne Funktion sein. Die dreißig Rettungskapseln wurden als erste Maßnahme in einen Hohlraum gebeamt. Die Vergangenheit hatte gezeigt, dass es auf nicht wenigen neuen Planeten zu unvorhergesehenen Problemen kam. Material konnte schnell neu erzeugt werden, Menschenleben nicht. Aber hier war es nun für alle zu spät.

Ich versuche, die Zusammenhänge zu verstehen. Gibt es Einheimische auf diesem Planeten? Gab es einen Angriff? Warum wurde das Sicherheitssystem nicht aktiviert? Unser Baumaterial erzeugt einen grünlichen Nebel, wenn es versprüht wird. Ein Unfall? Oder ...? Ich reiße mir die Hände an zerklüftetem Gestein auf, rutsche mehr und mehr nach unten. Noch hundert Meter habe ich vor mir. Die Hände schmerzen und ich schlage mit Gesicht und Beinen gegen Fels. Irgendwann ist es mir egal und ich lasse mich durch den enger werdenden Schacht fallen.

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Für Sport interessiert sich Glof nicht, dafür wird er die Bar in der oberen Etage um ein Vielfaches erweitern. Die Lebensmittel reichen viele hundert Zeiteinheiten. Was braucht er mehr? Das Frachtschiff wird er ebenso verschwinden lassen wie zuvor die Mannschaft.

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Die Rettungskapseln sind nur noch wenige Meter von mir entfernt. Meine Beine müssen gebrochen sein, sie liegen verdreht neben mir. Schleppend bewege ich mich unter Schmerzen zum ersten Verschluss. Ich kenne das Passwort - jeder von uns kannte es. Ich werde mit der Kommission zurückkehren und alles aufklären.

© "Stahlbeton: Hellgrüner Nebel" - eine Kurzgeschichte von , 2013. Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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