Eine Stadt bei Stuttgart

3. Leseprobe aus "Durch fünf Türen" von Jutta Schöps-Körber

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Eine Stadt bei Stuttgart

Die Erzählung:

Der Roman "Durch fünf Türen" der Autorin Jutta Schöps-Körber spielt in den Jahren 2004/2005. Aenne, 53 Jahre, lebt in Namibia auf einer Farm. Dort taucht eines Tages ein junger Mann namens Anthony auf. Als er Monate danach stirbt, ist Aenne so erschüttert, dass sie Teile ihres Lebens vergisst.

Im Januar 2005 überredet Aenne ihre Schwiegermutter Heidi, mit ihr nach Deutschland in die Nähe von Stuttgart zu fahren, um sich mit ihrer Mutter auszusöhnen, mit der sie seit über 30 Jahren in Streit lebt.

Aenne stößt eine weitere Tür ihres Lebens auf; in mehreren Episoden werden die Leser in folgende Regionen entführt:
- Namibia
- in den Irak
- nach Deutschland (diese Leseprobe)

Leseprobe: Dritte Tür - Eine Stadt bei Stuttgart

Der Himmel über Süddeutschland ist kitschig blau. Die Sonne muss wohl ein Extra-Entgelt bezogen haben, so sehr strahlt sie über das ganze Gesicht. Eine Meise erdreistet sich, durch ihr 'Zizibäh, zizibäh' zu behaupten, der Frühling stehe vor der Tür, dabei ist es erst Ende Januar und noch ziemlich kalt.

Der Fußweg einer Vorstadtsiedlung führt an Bungalows vorbei. Einer duckt sich hinter einer hohen Hecke, so, als ob er etwas zu verbergen habe. Auf der anderen Seite des Wegs schützen Büsche und Bäume den Blick auf ein Industriegebiet.

Zwei Frauen, beide etwas untersetzt und fast gleich groß, kommen den Weg entlang. Es sind Heidi und ich.

"Wie ist das für dich", fragt meine Schwiegermutter, "nach all diesen Jahren wieder einmal in dein Elternhaus zu kommen?"

"Ich fühle mich wie ein Springbock nach langer Trockenheit", behaupte ich, "vor Freude macht mein Herz die tollsten Sprünge. Was denkst denn du?" Doch mein grimmiges Gesicht sagt etwas anderes. Heidi atmet kurz und schwer. Auch sie fühlt sich nicht wohl.

"Warte mal!", bittet sie und bleibt stehen. Ich bin schon ein paar Meter vorneweg.

"Ja?" Ich ahne nicht, was Heidi von mir will, die nun die paar Schritte auf mich zugeht.

"Ich muss dir vorher noch was sagen. Weißt du, das habe ich dir noch nie gesagt. Aber du bist wirklich wie eine Tochter für mich. Und ganz egal, was jetzt passiert, ich stehe zu dir. Immer. Ich hab' dich lieb."

"Aber das weiß ich doch schon, seit Ruacana ist mir das klar." Ich nehme Heidi in die Arme, mitten auf diesem Weg, wo wir von schwäbischen, gelangweilten Hausfrauen beobachtet werden können. Die haben nun was zum Ratschen und Tratschen. Schließlich lösen wir uns voneinander.

"Auf in den Kampf!", scherze ich. Doch mir ist nicht zum Spaßen zu Mute. Je näher ich dem Haus komme, in dem ich aufgewachsen bin, desto heftiger klopft mein Herz. Es purzelbaumt in meiner Brust herum, fast so, als wolle es heraus.

"Erinnert dich irgendwas an deine Jugend hier?"

"Ich fühle mich, als befände ich mich auf dem Mond, genauso fremd erscheinen mir die Häuser, die Vorgärten, die Bäume."

"Aber die Hausnummer, die kennst du doch noch?", witzelt Heidi.

"Es ist die 78! Und wenn du dich jetzt nicht benimmst, dann darfst du klingeln, und ich laufe weg. Hier ist es nämlich."

Wir bleiben vor einem Bungalow in L-Form stehen. Ein Hauch von Schnee hat eine Ruhestatt auf den Grashalmen des Rasens im Vorgarten gefunden und Eiskristalle ummanteln ein paar vom Wind vergessene Blätter der Rosenbüsche, die den Weg zum Eingang des Hauses begleiten. Oben auf dem Flachdach steigt ein verglaster Ausbau auf in Form einer Pyramide. Das sieht pompös aus.

"Oha!", macht Heidi.

"Daran bin ich unschuldig", behaupte ich, "zu meiner Zeit gab es dieses angeberische Ding noch nicht."

"Na, dann ist ja alles in Ordnung!" Heidi kichert.

"Wer weiß!", knurre ich und stoße das Gartentürchen auf.

Nun habe ich die Haustüre aus Glas erreicht und drücke, ohne zu zögern, auf den blanken Klingelknopf neben dem Namen 'Seitz'. Unschlüssig herumstehen macht die Sache nicht besser, denke ich.

Eine Gestalt taucht hinter der Glastür auf.

Sie öffnet.

Sie steht da, ich stehe da.

Wir schauen uns an.

Mir wird ganz heiß.

"Mama?" Ich wage als Erste einen Vorstoß.

"Aenne?", fragt die Frau unter der Tür. Und dann geschieht etwas sehr Seltsames. Wie ferngesteuert mache ich einen Schritt in das Haus und liege im nächsten Augenblick in den Armen der Person, die mir völlig unbekannt erscheint, zu der ich mich aber hingezogen fühle. Gleichzeitig klopft mir mein Herz nun schon bis zum Hals.

"Mama", gibt mein Mund ein zweites Mal von sich. Dagegen kann ich nichts machen, das Wort kommt einfach aus mir heraus, obwohl mein Verstand mir doch etwas anderes einflüstern will.

"Ach, Aenne", meint die Frau und streicht mir immer und immer wieder übers Haar, "dass du endlich nach Hause gekommen bist."

Ich schlüpfe aus den Armen dieser Frau, die mich zwar geboren hat, mir aber sehr fremd geworden ist.

"Ich bin nicht nach Hause gekommen", stelle ich richtig, "ich bin nur zu Besuch. Und das ist Heidi, die Mutter meines Mannes Martin. Du weißt, er ist ums Leben gekommen." Frau Seitz wirft einen raschen, uninteressierten Blick auf meine Schwiegermutter, macht aber einen Schritt beiseite, damit auch sie eintreten kann.

"Bitte schön!", sagt meine Mutter sogar noch und geleitet uns ins Wohnzimmer. Das ist sonnendurchflutet. Das Licht strömt rechts und links durch die Fenster, doch die meiste Sonne fällt durch die Glas-Pyramide, die wir schon von draußen betrachtet haben. Mein Blick streift über die Einrichtung. Sie erscheint mir fremd. Aber nach dreißig Jahren ist das auch kein Wunder.

"Setzen wir uns." Frau Seitz deutet auf eine Couchgarnitur mit einem kleinen Tisch in der Nähe der Tür, die in den Garten führt. Auch der hat sich sehr verändert, seitdem ich ein Kind war.

Ich werfe Heidi einen Blick zu. Sie hat sich neben mir auf das Sofa gesetzt. Bleibt stumm. Ich bleibe stumm. Meine Schwiegermutter schweigt ebenfalls. So hocken wir also um einen Couchtisch aus Granit, ein Triumvirat, dem die Worte fehlen. Es gibt nichts zu essen und nichts zu trinken, selbst die Frage, ob die Gäste etwas möchten, bleibt aus. Eine seltsame Situation.

Dann nimmt die Gastgeberin meine Schwiegermutter ins Visier. Ruckt sich zurecht.

"Und Sie sind also diese Heidi!" Das klingt fast wie ein Vorwurf. Die Angesprochene sagt keinen Ton. Was soll sie auch auf diese seltsame Anmache erwidern?

"Und was wollen Sie hier? Wieso sind Sie hergekommen? Haben Sie nicht genügend Anstand, mich mit meiner Tochter allein zu lassen, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe? Denken Sie nicht, dass Sie wenigstens ein bisschen Anstand hätten haben können?"

"Mama!", beschwere ich mich, "ich habe dich doch am Telefon gefragt, ob ich Heidi mitbringen darf. Und du hast zugestimmt."

"Klar, ich wollte doch die Frau kennen lernen, die mir meine Tochter abspenstig hat und nicht genug..."

"Ich habe nichts getan, um Ihre Tochter von Ihnen fern zu halten", widerspricht Heidi.

Doch meine Mutter blitzt sie an.

"Pah! Was aber haben Sie unternommen, damit meine Aenne, meine kleine Aenne, zu mir zurückkehrt? Sie war erst zwanzig, noch nicht einmal volljährig, damals, 1970. Zu der Zeit wurden die jungen Leute erst mit einundzwanzig unabhängig von ihren Eltern." Sie verstummt. Senkt den Kopf. Ihr Kinn kommt auf der Brust zu liegen.

Sie sieht mit einem Mal hilflos und verletzlich aus. Ist das dieselbe Frau, die eben noch Heidi angiftete?

Doch ihre Kraft kommt zurück. Mama hebt den Kopf, blickt mir in die Augen, trotzig, wie mir scheint, wenn da nicht die Tränen wären. Aber mit einem Male schießt sie sich erneut auf Heidi ein.

"Sie haben sich strafbar gemacht", keift sie los, "damals." Erneut schweigt sie, aber nur, um ihren nächsten Trumpf auszuspielen: "Entziehung Minderjähriger heißt das, denke ich."

Da muss ich losprusten, ich kann nicht anders.

"Aber Mama, was redest du da, nach all diesen Jahren!" Doch die Person, die sich von mir mit Mama betiteln lässt und nichts Merkwürdiges daran findet, obwohl sie diesen Posten kaum erfüllte, diese Person denkt nicht daran, mit ihren Vorwürfen aufzuhören. Sie ist ganz schön in Fahrt:

"Wie auch immer! Sie - ", ihr rechter Zeigefinger hampelt vor Heidis Nase herum, "Sie haben die Situation schamlos ausgenutzt, haben meiner Tochter den Kopf verdreht. Das dürfte nicht so schwer gewesen sein, bei so einem jungen Ding, wie meine Aenne es damals war. Dieses Land, Südwestafrika! Ich kenne es nicht, war nie da. Wurde nie eingeladen, von meiner Tochter nicht, von Ihnen nicht. Aber Kataloge über Südwestafrika, wie es bis 1990 noch hieß, die habe ich mir schon geholt. Aus einem Reisebüro. Überlegte schon, wie ich das Geld für einen Flug nach Windhoek zusammenbringen konnte. Aber da kam Fritjof dahinter, mein Mann", erklärt sie, als sie Heidis fragenden Blick bemerkt, "der hat vielleicht getobt! Aus der Traum!" Sie verfällt erneut in Schweigen, wenn sie auch diesmal unseren Blicken standhält. Doch ein Schleier zieht über ihre Augen, so, als versenkten diese sich in die Vergangenheit. Schließlich blitzen sie erneut auf, nehmen wieder Heidi aufs Korn.

"Und Sie", sie schreit fast, "Sie sind schuld an meinem Unglück, daran, dass meine Aenne nie mehr heimkam. Da fährt ihr Sohn mal mit meiner Tochter zu irgendwelchen Schlammlöchern, damit sie dort Tiere beobachten kann und jeder mag sich vorstellen, was dann in den Nächten los war, wie sich Ihr Martin in das Schlafzimmer meines ahnungslosen Kindes schlich und es vergewaltigte..."

"Mama!" Ich bin empört, "so was hat Martin nie getan."

"Mein Sohn hat Ihre Tochter nicht vergewaltigt!" Auch Heidi ist aufgebracht.

"Vielleicht nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes! Ph! Aber meine Aenne war damals noch völlig unerfahren und unschuldig! Sie hatte nie zuvor einen Freund und nun Ihr Martin! Mit ihm zusammen in einer lauen Sommernacht, während Elefanten und Nashörner sich an einem Wasserloch treffen. Das ist eine überaus anregende Kulisse, da lässt sich so ein junges unerfahrenes Mädchen gerne davon einlullen und wenn es dann zum Schlimmsten kommt, zum Geschlechtsakt, meine ich, wie soll das Mädel dann damit umgehen - sich etwa in den nächsten Flieger setzen und nach Hause kommen?"

"Mama!", brause ich auf, "du redest Blödsinn!"

"Ihre Aenne war keineswegs unerfahren und unschuldig, als sie zu uns kam!", redet Heidi wütend dazwischen. Und da sie nun mal angefangen hat, lässt sie sich nun auch nicht mehr aufhalten.

"Ihre Aenne hatte einen iranischen Studenten zum Freund und wurde von ihm schwanger. Sie war gerade mal sechzehn!"

Jetzt ist es heraus, das, woran ich seit 37 Jahren nicht denken will, geschweige denn davon sprechen. Aber bevor ich noch eine Rechtfertigung meiner Schwiegermutter wegen dieses Vertrauensbruches fordern kann, sie anklagen, weil sie eine Wunde aufgerissen hat, die doch ganz gut verheilt war, schimpft diese weiter:

"Und was taten Sie? Wo war Ihre Liebe und Fürsorge für dieses arme Kind? Sie verstießen es, jawohl! Auf einen Bauernhof in Norddeutschland beförderten Sie Ihre so sehr geliebte Tochter Aenne."

Und nun entwickelt sich Heidi innerhalb weniger Sekunden zu einer Megäre, rollt mit den Augen, zieht eine Grimasse, tippt sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. Kurz komme ich ins Grübeln. Will sie damit andeuten, dass meine Mutter spinnt? Oder dass sie selbst nicht klar im Kopfe sei?

'Dich kann sie jedenfalls nicht meinen', flüstert mir ein Kobold in meinem Innern zu, ein Kerlchen, das die versteckte Komik in der aufgeheizten Situation erfasst hat und mich prompt zum Grinsen bringt. Rasch senke ich den Kopf, damit keiner es sieht. Schließlich will ich nicht noch Öl ins Feuer gießen. Als ich wieder aufsehe, hat Heidi ihren linken Zeigefinger wie ein Fanal in die Luft gestreckt. Und dann purzeln ihre Vorwürfe nur so aus ihrem Mund.

"Ihre Aenne kannte die Leute nicht, bei denen sie wohnen musste", ist der erste, und bei jedem weiteren schnellt ein zusätzlicher Finger hoch:

"Sie hatte niemanden, mit dem sie über ihre Ängste sprechen konnte",

"niemanden, der ihr erklärte, was in ihrem Bauch passierte",

"niemanden, der ihre Hand bei der Geburt hielt!"

"Und", Heidi holt Luft, während nun der Daumen als bedeutendste Anklage in die Luft steigt, "niemand, der verhinderte, dass sie ihr Kind zur Adoption freigab."

Die Hand meiner Schwiegermutter sinkt in ihren Schoß, und ich? Ich kann nichts anderes tun, als sie angaffen. All die vielen Jahre, in denen ich bei ihr lebte, hatte ich keine Ahnung, dass sie ganz und gar auf meiner Seite stand.

Mama schnappt nach Luft, doch Heidi lässt sie nicht zu Wort kommen:

"Sie haben kein Herz, Sie Unmensch! Ahnen Sie überhaupt, wie das ist: Ein Kind nach der Geburt weggeben zu müssen, das neun Monate in einem gewachsen ist? - Nein, Sie können das nicht wissen, weil Sie nicht lieben können."

Mama glotzt Heidi an.

"Es war mein Mann", schlüpft es schließlich zwischen ihren zusammengepressten Lippen hervor und ich meine, eine Art Entschuldigung herauszuhören. Oder bilde ich mir das nur ein, weil ich eine hören möchte?

"Verstehen Sie denn nicht", jetzt schwingt wieder etwas mehr Selbstbewusstsein aus Mutters Stimme, "er war Diplomingenieur ... in Stuttgart bei Mercedes ... das ging gar nicht ... ein uneheliches Enkelkind ... nicht in der Firma ... und auch nicht bei seinen Freunden vom Tennisplatz ... was hätten die denn von uns gedacht, damals?"

Aber jetzt ist Heidi auf den Füßen, raketenartig.

"Pah", macht sie verächtlich, "eine Mutter ist eine Mutter, so lange sie lebt und sie steht immer und immer schützend vor ihrem Kind, ganz gleich, wie alt es ist. Denn sie hat das Kind geboren, das Kind kann nichts dafür, dass es lebt, aber Mutter und Vater, die müssen dazu stehen, was sie tun. Sie sind eigenverantwortlich. Ein Kind hat nicht darum gebeten, auf die Welt zu kommen --- also sind die Eltern für sein Leben verantwortlich, müssen es behüten und lieben, so lange sie leben."

Sie wendet sich mir zu:

"Ich habe genug, Ich gehe. Kommst du mit oder willst du noch bleiben?"

Ich sehe zu Heidi, dann zu der Frau, die mich auf die Welt gebracht hat. Stehe auf. Auch ich will weg. Ich bin fast schon zur Wohnzimmertür hinaus, doch etwas scheint mich zurückzuhalten, eine Stimme in mir flüstert mir etwas zu, leise, aber eindringlich, kaum zu verstehen. Ich halte inne, drehe mich halb um. Geh' nicht im Streit, fordert der Knirps in mir. Dabei ist doch noch so viel Wut in mir. Und die muss raus.

"Heidi hat mir nie vorgeworfen, dass ich schon ein Kind hatte", bricht es aus mir heraus. "Sie hat mir nur geholfen, das zu verarbeiten, was du und Papa mir angetan habt. Und heute bin ich gekommen, weil ich Frieden mit dir machen wollte. Aber du bist noch immer voller Vorwürfe gegen mich und gegen die Menschen, die mir geholfen haben. Du willst weder vergessen, noch verzeihen. Du willst immer noch nur das, was du als dein Recht betrachtest. Du willst, dass ich mich dafür entschuldige, dass ihr, meine Eltern, mich im Stich gelassen habt."

Ich atme tief durch, warte, meine Mutter muss doch etwas sagen, sich verteidigen, mir zu verstehen geben... Doch sie bleibt still. Kein freundliches Wort, nicht einmal eine versöhnliche Geste. Diese Frau hockt einfach so da.

Meine Schwiegermutter steht bereits im Flur. Ich kann nur den Kopf schütteln und folge ihr. Doch schon wieder murrt diese Stimme in mir. Wieder sind die Worte unklar, aber muss ich denn wissen, was dieses Wesen in mir von mir erwartet? Weiß ich es nicht schon längst? Und so drehe ich mich ganz um, öffne meinen Mund, schließe ihn wieder. Das muss aussehen wie bei einer Kaulquappe. Was soll ich denn auch noch sagen? 'Etwas Freundliches', schlägt der kleine Bursche in mir nun deutlich vor. Doch das macht mich zornig und schon spreche ich etwas völlig anderes aus:

"Denkst du wenigstens manchmal an dieses Kind? Überlegst du manchmal, was aus ihm geworden ist, aus deinem Enkelkind, deinem Fleisch und Blut?" Schon sind sie heraus, diese Worte, schneller als ich wollte. Es ist, als hätten sie sich verselbstständigt, nur darauf bedacht, Schmerzen zuzufügen. Und noch mehr Böses liegt schon auf meiner Zunge, will aus meinem Mund, Gift und Galle spucken.

"Komm'!" Ich spüre Heidis Hand auf meiner Schulter und ich gehorche dieser Frau, die mich so sehr verteidigt hat, die mich wahrscheinlich mehr liebt, als meine Mutter und folge ihr.

Die Haustüre, die ins Schloss fällt, verabschiedet sich mit einem leisen Klicken.

+ + +

Stunden später liegen wir beiden Frauen im Doppelbett eines Hotelzimmers.

"Weißt du", überlegt Heidi, "jetzt könntest du mir endlich erzählen, was damals passierte. Ich meine, wie konntest du mit sechzehn schwanger werden?"

Ich fühle mich überrumpelt.

Es ist das erste Mal, dass mich Heidi auf meine unerwünschte Schwangerschaft anspricht. Vor Jahren, als ich auf ihrer Farm auftauchte, fürchtete ich mich davor, dass sie mich darüber ausfragen würde. Aber sie schwieg. Nicht nur in den ersten Wochen, sondern während all dieser Jahre, in denen wir uns kennen.

Warum interessiert sie sich jetzt dafür?

Und warum will ich nicht mit ihr darüber sprechen?

Doch dann habe ich es mir überlegt. Irgendwann muss sich jeder seiner Vergangenheit stellen. Auch ich.

"Weißt du", beginne ich, "es passierte auf dem Sommerball meiner Schule. Ich war sechzehn und voller Sehnsüchte. Ich hatte noch keinen Freund, damals, 1967. Ich dachte, ich wäre hässlich, dumm, ungeschickt, unfähig, alles Eigenschaften, die mir meine Schwester Mechthild angedichtet hatte. Wie also sollte ich je zu einem Freund kommen?

Und da war plötzlich Navid, ein Student aus Persien, - damals gab es ziemlich viele persische Studenten in Deutschland - viel älter als ich, viel interessanter als alle Jungs, die sonst noch auf dem Schulfest anzutreffen waren. Mein Atem setzte fast aus, dann aber kam die Ernüchterung. Wie sollte er mich bemerken, ausgerechnet mich?

Aber er kam auf mich zu.

Sprach mich an.

'Du bist schön', sagte er. Wir tanzten, ganz eng. Ich spürte sein Herz schlagen. Es sang dieselbe Melodie wie meins. Es war ein wundervoller Abend. Und es blieb nicht bei diesem einen Zusammentreffen. Navid und ich trafen uns immer häufiger, verliebten uns. Unsere Liebe wurde immer fester und inniger. Seine Küsse intimer, eindringlicher, länger und schließlich war da seine Hand, fordernd, die in meinen Kleiderausschnitt rutschen wollte. Aber ich schob sie weg, instinktiv.

'Wovor hast du denn Angst, mein Herz?', fragte Navid flüsternd. 'Ich liebe dich doch!'

Ja, was beunruhigte mich? Ich wusste es nicht. Und doch hielt mich etwas zurück, ohne zu wissen, was ich befürchtete."

"Warum hast du nicht deiner Mutter von Navid erzählt?", fragt Heidi.

Ich schlucke.

"Ich weiß nicht", bekenne ich, "ich traute mich nicht."

"Hm", kommt es von der anderen Seite des Bettes, "kann ich verstehen. Aber schließlich seid ihr doch zusammengekommen, oder?"

"Navid brachte die Dinge ins Rollen. Er hatte einen Plan: 'Der Schah kommt nach Berlin!' erzählte er mir, 'Ich muss ihn sehen! Komm' doch mit!'"

'Das würden meine Eltern nie erlauben!', widersprach ich, doch mein Herz suchte nach einem Weg, der mich nach Berlin bringen würde und dort in Navids Arme.

'Mama', begann ich vorsichtig, 'der Schah kommt nach Berlin. Bitte, darf ich hin? Ich möchte ihn so gerne sehen!'

'Den Schah? So ein Unsinn, Kind.'

'Aber Mama, sogar unser Gemeinschaftskundelehrer fährt hin.'

'Du meinst Herrn Nebel?'

'Ja', hauchte ich und senkte vorsichtshalber den Blick. Die Mutter sollte das Leuchten in meinen Augen nicht sehen, denn die Idee mit dem Lehrer war einfach super. Mutter war nämlich ganz hingerissen von den Lehrmethoden des Herrn Nebel.

'Er fährt auch nach Berlin zum Schahbesuch? Kommen noch mehr aus deiner Klasse mit?'

Zwei Fragen auf einmal.

'Ja, sagte ich. Das galt allerdings wahrheitsgemäß nur für die erste Frage.'"

"Sehr schlau!", Heidi kichert, "du hast nicht mal gelogen, nur nicht alles gesagt." Sie dreht sich zu mir.

"Du hast also den Schah gesehen? Mensch, das ist aufregend. Erzähl' mir davon!"

Ich lächle vor mich hin. Es scheint, dass Heidi sich für diesen Staatsakt mehr interessiert als für meine erste Liebe.

"Es war am 2. Juni 1967. Ich spazierte mit Navid über den Kurfürstendamm. Wir waren so glücklich. Aber dann passierte etwas Seltsames. Die Leichtigkeit, die ich noch eben gespürt hatte, löste sich mit einem Schlage auf. Es klang, als ob ein Summen, ein bösartiges Brummen auf uns zukam, wie ein bösartiger Hornissenschwarm. Navid war plötzlich seltsam angespannt und ich hörte Menschen brüllen. Und von einer Sekunde zur anderen waren wir mitten in einem Aufruhr. 'Nieder mit dem Schah!', schrie jemand und ein frisches Hühnerei, völlig unschuldig an dem Geschehen, klatschte auf die Windschutzscheibe eines frisch geputzten und polierten BMW, der am Straßenrand geparkt war.

Navid hielt mich fest.

'Was ist los?', fragte ich ihn zitternd. Unwissend.

Doch er antwortete nicht. Sein Blick war starr nach vorne gerichtet, dorthin, wo die Krawalle angefangen hatten.

'Nieder mit dem Schah, dem Unterdrücker seines Volkes!', plärrte irgendwer in unmittelbarer Nähe von uns. Ein Anflug von Angst streifte mich, aber auch ein wenig Neugier.

'Nieder mit dem Schah!', wurde erneut gebrüllt.

'Nieder mit dem Schah!'

Navid und ich wurden nun von jungen, wütenden Leuten umschlossen, wurden herumgestoßen, geschubst, getreten, geboxt.

'Der Schah will zur Zauberflöte in die Deutsche Oper! - Na, dem werden wir die Flötentöne schon beibringen!' Die Umstehenden lachten. Navid küsste mich auf die Wange.

'Wollen wir zur Deutschen Oper?'

Natürlich wollte ich.

Also los zur U-Bahn.

Als wir an der Oper anlangten, war die Schlacht gegen den Schah schon in vollem Gange. Polizei hatte die Straße abgeriegelt. Es war kein Durchkommen. Die Luft war erfüllt vom Qualm der Rauch-Bomben, die aufgebrachte Studenten gegen den Schah und seine neue Frau Farah Diba warfen. Von Soraya, der Deutschen, hatte er sich scheiden lassen, weil sie ihm keinen Sohn geschenkt hatte. Daran musste ich denken, als plötzlich etwas Größeres durch die Luft wirbelte. Weißes Zeug rieselte heraus. Es war überall, in der Luft, auf Navids dunklem Haar, seiner Jacke, dem Boden.

'Mehl', erklärte mir mein Freund, nachdem er etwas davon mit dem Finger aufgetupft und probiert hatte. Da kamen schon die nächsten Packungen angesaust.

'Vorsicht!', rief Navid und riss mich beiseite, sonst wäre ich von einem der Geschosse getroffen worden. Die Luft war angefüllt vom weißen Staub des Mehls, es war so gut wie nichts zu erkennen, fast so, als habe sich eine dichte Nebelwand aufgebaut, urplötzlich, mitten im Sommer. Doch es kam noch schlimmer. Milchtüten segelten durch die Luft, fielen aufs Straßenpflaster, zerplatzten, bespritzten die Kleider der Umstehenden, eine traf einen Mann am Kopf. Doch bevor ich noch sehen konnte, was mit ihm geschah, regnete es rohe Eier, aus allen Richtungen. Dazu das Gebrüll, Geschrei, Gekreische. Noch nie hatte ich eine so aufgebrachte Menschenmenge erlebt. Die meisten waren junge Leute, Studenten, wie es später in den Medien hieß. Sie ließen ihrem Zorn freien Lauf, weil der Schah sein Volk hungern ließ, während er selbst sich sogar vergoldete Wasserhähne leistete, wie gesagt wurde. Sie hielten ihn für die Ausgeburt der Hölle."

"Dass unter Khomeini, seinem Nachfolger, Straßenschlachten, Verfolgungen und Hinrichtungen an der Tagesordnung sein würden, konnte damals noch niemand ahnen", kommentiert Heidi.

"Hm", gehe ich auf sie ein, "und die Armen blieben arm."

"Das ist der Lauf der Welt und ist in keinem Land anders. - Aber zurück zu dir. Wie ging es damals weiter, als der Schah in Berlin war?"

"Uns sprach ein Polizist an. 'Gehen Sie nach Hause', meinte er. Und so zogen wir ab, ins Hotel."

"Und dort habt ihr euch zum ersten Mal geliebt, nicht wahr?"

Ich nicke, obwohl Heidi das im Dunkeln nicht sehen kann.

Plötzlich beginnt die zu kichern, stößt mich an:

"Dann ist eigentlich dieser Polizist daran schuld, dass du schwanger wurdest. Warum hast du ihn nie verklagt?"

"Blödmann!" Aber auch ich muss lachen und das bewahrt mich davor, melancholisch zu werden.

Dann brennt Heidi eine andere Frage auf der Zunge:

"Was war mit Navid? Warum half er dir nicht? Er wurde doch schließlich Vater."

Jetzt werde ich doch wieder ein wenig traurig.

"Er wusste nicht, dass ich ein Kind erwartete. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit mein Vater die Hand im Spiel hatte, mit Geld meine ich, jedenfalls kehrte Navid in den Iran zurück, noch im Juli."

"Da brat' mir einer 'nen Storch und die Beine recht knusprig", gibt meine Bettnachbarin zum Besten, "wenn da nicht dein Vater dran gedreht hat. Aber was war mit deiner Schwester?"

"Mechthild? Ach, die! Wir waren uns nie wirklich nahe. Sie war weg, in den USA, für ein Jahr. Es war so typisch für meine Eltern. Mechthild brauchte nur einen Wunsch zu äußern - und schon, hast du nicht gesehen - wurde er erfüllt."

"Und deine nicht?"

"Meine Wünsche? Dass ich nicht lache! Ich wagte doch gar nicht mehr, welche zu äußern. Was meinste denn, wie sich das anfühlt, wenn man einfach von zu Hause verbannt wird? Was meinste, wie man sich fühlt, wenn man als 'Schande der Familie' bezeichnet wird?" Ich schlucke.

"Es ist vorbei, Aenne", flüstert Heidi, "und du hast alles gut überstanden, bist nicht verbittert geworden. Das ist doch toll. - Vielleicht hat dir dein Vater nach dem Abi deshalb die 3.000 gegeben, als Ausgleich sozusagen oder auch zur Beruhigung seines Gewissens."

"Möglich. Das Geld war ein wunderbares Geschenk, das stimmt. Es machte mich in gewisser Weise frei, wenn das auch seltsam klingt. Aber es ermöglichte mir, Deutschland zu verlassen. Nach meinem Abi wollte ich ursprünglich einfach so verschwinden. Keine Nachricht, kein Telefongespräch - nichts. Das hätte mir gefallen. Als Rache für all das, was mir meine Eltern angetan hatten. Aber ich hatte zu viel Zeit auf dem Frankfurter Flugplatz. Zu viele Gedanken, die in meinem Kopf hin und her gingen. Meine Mutter - sie war schwach und sie musste mit meinem Vater leben, diesem allwissenden Gottvater, diesem Monstrum ohne Gefühle, diesem Gerechtesten unter den Gerechten, diesem Über-Papst."

"Er war unsicher und ängstlich."

"Na, das hat er aber gut tarnen können, dieser Popanz!"

"Und was machtest du dann auf dem Flughafen?"

"Ich suchte mir eine Telefonzelle, nahm den Hörer ab, warf Geld ein..."

"Mensch, was hast du zu deiner Mutter gesagt?"

"Ich komme nicht mehr zu euch zurück."

"Und? Deine Mutter? Was hat sie geantwortet?"

"Zuerst war sie ganz still. Und dann: 'Aenne, Aenne, was sagst du da? Warum bist du so böse auf mich? Ich habe dir doch nichts getan!' Da fing ich an zu schreien, stell' dir vor, ich schrie meine Mutter an!"

"Befreiung!"

"Hä?"

"Du hast dich von deinen Eltern befreit!"

"Aber dass ich es plötzlich konnte!"

"Kunststück, am Telefon! 300 km von zu Hause entfernt und dann noch Flausen im Kopf!"

"Flausen?"

"Na klar! Oder als was würdest du es bezeichnen, wenn du mal eben schnell nach Namibia, damals Südwestafrika, fliegst und hoffst, dort deiner großen Liebe zu begegnen?"

"Martin war meine große...!" Ich beende den Satz nicht. Heidi liegt neben mir, dieser hochherzige, hilfsbereite, herzliche Mensch. Und ich war diejenige, die ihr das einzige Kind nahm. Und sie, sie hatte keine Ahnung, ob ich ihren Sohn glücklich machen würde, das, was sich jede Mutter für ihr Kind wünscht.

"Du musst doch wütend gewesen sein, als deine Mutter so harmlos tat", ermutigt mich Heidi, weiter zu sprechen.

"Was denkst du? Plötzlich kam alles wieder hoch, meine Angst damals, als ich merkte, dass ich schwanger war. Meine Hoffnung, Mutter würde mich verstehen, mir helfen. Meine Enttäuschung, dass sie dann zu meinem Vater hielt. Verrat war das! Ja, ich brüllte sie an, damals, auf dem Frankfurter Flughafen, durchs Telefon.

'Mutter, tu' nicht so! Du hast mir nicht geholfen durch dein Schweigen, als Vater mich beschimpfte. Auch nicht durch dein Jammern, deine Tränen. Du hast es zugelassen, dass ich nicht weiß, wo mein Kind ist, euer Enkel übrigens. Meine Liebe hast du zerstört. Hast mir alles genommen, was mein Leben war. Und jetzt, Mutter, werde ich mir ein neues Leben aufbauen. Vielleicht eine neue Liebe... Als ich zur Geburt des Kindes in der Klinik war, ... arbeitete dort Martin, ein Pfleger ... er lebt eigentlich in Südwestafrika, wollte Deutschland ein bisschen kennen lernen. Wir haben uns ein paar Mal getroffen, dann ging er zurück. Wir schrieben uns, telefonierten ... Er hat mich eingeladen. Das ist doch eine Chance, oder? Ihr, ihr wollt mich ja nicht!'

'Aber Kind, du versündigst dich!'

'Wirklich? Und ihr?' Ich wartete auf keine Antwort, legte auf. Einfach so."

Ich bin am Ende meiner Geschichte. Den Rest kennt meine Schwiegermutter, denn sie hat sie, zusammen mit mir, selbst erlebt. Von der anderen Seite des Bettes kommt ein gleichmäßiges Atmen. Ist Heidi bei meinem Geplapper eingeschlafen? Doch dann merke ich, wie die Gestalt neben mir sich bewegt. Eine Hand kommt zu mir herüber, streichelt mich, und eine Stimme meint:

"Und jetzt wäre es großartig, endlich herauszufinden, wo dein Erstgeborener lebt."

Mich erreichen ihre Worte kaum, mich bewegt etwas anderes.

"Heidi", spreche ich in die Dunkelheit und weiß nicht, ob sie nicht doch schon schläft. Aber es macht nichts, es ist im Grunde nicht sie, die ich erreichen möchte, ich bin es, der etwas klar werden muss. Und ich denke zurück an den Augenblick am Nachmittag, als ich an der Wohnzimmertür meiner Mutter stehe und zurückschaue.

Ich sehe noch einmal eine Frau, die dort im Sessel sitzt. Sie ist völlig in sich zusammengesunken, hat die Schultern hochgezogen, den Kopf dazwischengeklemmt. Ihre Hände umklammern die Armstützen des Sessels. Weiß treten die Fingerknöchel hervor. Diese Frau ist so angespannt, dass ich fürchte, sie könne zusammenbrechen, jeden Augenblick.

Kann ich das zulassen? Habe ich das Recht, diesen Menschen zu zerstören? Ihn kaputtmachen, ganz gleich, was er getan hat?

Habe ich noch nie etwas falsch gemacht?

Und da rührt mich etwas in meiner Seele, stupst mich gewissermaßen an, lässt für den Bruchteil einer Sekunde Verstehen aufblitzen.

Die Vorwürfe meiner Mutter wollen Heidi und mich nicht nur kränken oder erniedrigen, sie sind ein Aufschrei, der Protest einer gequälten Seele. Diese Frau da, ist jemand, die über Jahre hinaus mit einem Schmerz leben, die eine ihrer Töchter für immer nach Afrika ziehen lassen musste, weil ein übermächtiger Mann, einer, dem die Kollegen in der Firma und die Bekannten auf dem Tennisplatz wichtiger waren als Frau und Tochter. Diese Gestalt dort im Sessel ist nicht hartherzig, sondern sie ist am Rande ihrer Kraft.

Mir ist nicht klar, warum mir mit einem Mal diese Erkenntnis kommt, in kürzester Zeit. Und ich verstehe nicht, was mit mir geschieht, dass ich plötzlich verzeihen kann.

Vielleicht ist es eine besondere Gnade, wie sie allen Menschen beschieden werden kann, die lernen, mit dem Herzen zu sehen.

"So geht das nicht, Heidi", lässt mich mein Mund laut sagen, obwohl ich nicht sicher bin, dass die, die ich anspreche, noch wach ist.

"Hä?" Von der anderen Seite des Bettes kommt ein Grummeln. "Wovon sprichst du?"

"Ich? Ich habe nicht gesprochen, ich habe nur gedacht."

"Na, dann hast du ziemlich laut gedacht."

"Tut mir Leid."

"Dann sag' mir, was nicht geht, wenn du mich schon wach hältst."

"Ich muss mich mit meiner Mutter aussöhnen."

"Wie bitte? Hast du nicht gehört, wie sie uns beleidigt hat?"

"Natürlich. Aber mein Vater war wirklich ein Tyrann. Er hatte die gesamte Familie unter seiner Fuchtel. Wir Kinder konnten ihn verlassen, aber meine Mutter nicht. Für sie galt noch das 'Bis-dass-der-Tod-euch-scheidet'. Und als er vor drei Jahren starb, da war sie plötzlich vollkommen allein. Meine Schwester Mechthild verheiratet in Berlin, ich in Afrika. Wie sollte sie das verkraften können, sie, die doch immer nur das tat, was ihr vorgeschrieben worden war? Was sollte sie nun tun? Also muss ich morgen nochmals zu meiner Mutter. Wenn du willst, kannst du mitkommen."

Heidi gibt einen Laut von sich, der mich an das Grollen eines Löwen erinnert.

"In das Pyramidenhaus zu einer zu Fleisch gewordenen Statue, denn nichts anderes ist deine Mutter? Kein Bedarf. Aber wenn du willst ... Kannst du mir erklären, warum?"

"Nun, als ich schon an der Tür stand, zurückschaute, sah ich sie an, ich meine, ich sah nicht nur eine alte, vergrämte Frau, ich sah einen gebrochenen Menschen. In ihrem Gesicht hatten sich Kummer, Sorgen und Qualen eingegraben. Und da begriff ich, dass dies die Züge eines Menschen sind, der sich nicht gegen einen diktatorischen Lebenspartner wehren konnte. Weißt du, Heidi, ich sah sie an und begriff, meine Mutter ist eine gebrochene Frau. Ich möchte mich mit ihr versöhnen, wenn sie will. Wenn nicht ..." Ich verstumme. Da kommt Heidis Hand wieder zu mir herüber, greift nach meiner.

"Das wird schon werden", will sie mich unterstützen, und nach einer Weile setzt sie hinzu:

"Aber nur, wenn du mich jetzt schlafen lässt."

Hinweis: Der Roman "Durch fünf Türen" ist bisher noch nicht als Buch erschienen.

© Text und Foto: Jutta Schöps-Körber

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