Die Katharer und die Seele des Landes

Foto-Essay von Ralf Wendling aus der Reihe "Augenblicke in der Natur"

Die Katharer und die Seele des Landes

Wahrlich - ist es nicht herrlich, eine Seele zu haben, etwas, das die Zeiten überdauert, ja, im Wortsinne - überlebt!?

Länder - denen diese Seele herausgerissen zu sein scheint, Menschen, Völkern, Kulturen, die sich nicht mehr auf das besinnen können, gar dürfen, was als wertvoller Schatz generationenlang weitergegeben, bewahrt, neu belebt wurde - sie alle sind sich des immensen Verlustes, des Vakuums, den diese Verstümmelung hinterlässt, oftmals gar nicht bewusst.

Ich habe - hier in Südfrankreich - das große Plaisir, zahlreiche jahrhundertealte An-Wesen, Stätten und Plätze besuchen zu können, den Odem ihrer Ausstrahlung zu spüren - auch, so manches Mal, hineinzuspüren in die Geschichte, ihre Erlebnisse - und mitzufühlen, wie es ihnen und den Bewohnern ergangen ist.

Tatsächlich liegen, in vielen Fällen - im Zeitraffer sozusagen - die Freude, das Leid dicht beieinander. Was eben noch so licht erschien, verdunkelt sich im nächsten Augenblick.

Ein Augenblick!?

35 Jahre lang: Krieg, Morden, Brennen, Plündern ...

Für eine Seele - ich versuche das nachzuempfinden - wirklich nur ein Augenblick.

Für die Menschen des blühenden Landes, das ungefähr von 1209-1244 tatsächlich entseelt wurde, währte dieser Augenblick beinahe ein ganzes Leben, unter der Berücksichtigung damaliger Lebenserwartung. Alles, wirklich Alles, wurde den Katharern/Albigensern geraubt - dem Languedoc buchstäblich "das Herz aus dem Leib gerissen" - und stattdessen das christlich-blutige Kreuz hineingetrieben; ausgerechnet bei denen, die die Lehren Jesu am ehesten beherzigten ...

Die Geschichte kennt bis heute genügend weitere Beispiele solcher Vernichtungsaktionen.

Wie schreibt Joseph Delteil, bekannter Schriftsteller und ein bekennender Katharer des 20. Jahrhunderts? "Es ging darum, die häretische Provinz auf den Operationstisch zu legen, ihr mit dem glühenden Eisen ihren Naturglauben auszubrennen, ihre Gepflogenheiten der Vorfahren, ihre Art, authentisch zu fühlen und zu denken, kurz, ihr die eigene Seele auszureißen und ihr statt dessen eine fremde einzusetzen ..."

Oh ja, alles besitzt eine Seele; Menschen, Tiere, Pflanzen, Quellen, das Universum, Häuser, Provinzen, Länder ... - wobei ich den Begriff "Land" nicht im Sinne der - politisch oft willkürlich gezogenen - Grenze meine, sondern damit eine Region characterisieren möchte, die - in gewissem Rahmen - eine eigenständige Kultur, eine in Frieden lebende Gemeinschaft, eigene Bräuche sowie Denk- und Handlungsweisen hervorgebracht hat, die sie leben, prosperieren, gedeihen lassen.

Und ich blicke voll Schaudern auf das, was man sich, im Zuge der Einheitsbrei-Politik der EU erdreistet, um unterschiedliche Kulturen zu knechten, zu kastrieren - ihnen ihre Identität, ihren Lebenswillen, ihre Lebensfreude zu rauben - um der Macht und des Geldes wegen.

Um nichts anderes ging es auch bei der Vernichtung der Katharer.

Und heute, wo die Menschen in scheinbarer "Internet-Freiheit" dahinsiechen (ich sehe sehr wohl die beiden Seiten, Nutzen wie Schaden des Net), statt zu malen, zu musizieren, zu dichten, ja, statt bewusst ihr selbstgestaltetes Leben zu leben und sich lieber die kurzfristige Ersatzbefriedigung per Mausklick holen; die oft - brav wie Lemminge - vorneweg geplapperte, sterile Worthülsen wiederkäuen ... - und dieses so unschätzbar kostbare Gut, den eigentlichen "Gral" des Einzelnen, das tiefe, uralte und unzerstörbare Erbe seiner/ihrer Seele, der Persönlichkeit - zugedeckelt, verborgen, verdunkelt wie eine Grabkammer, die mit schwerem Granitblock belastet ist, gar nicht mehr wahrnehmen, obwohl sie doch so gerne das Licht, die Liebe zu sich lassen würden, um jeden, doch so einzigartigen Augenblick des Lebens, bewusst zu genießen.

Eine Seele stirbt nicht - sie wandert - und existiert weiter - sie nimmt auf - sie entwickelt sich - sie verändert sich ...

Das haben die, die so rücksichts- und gefühllos nach der absoluten Macht streben - in ihrem EGO-dominierten Pseudo Da-Sein verdrängt - auch bereits vergessen?

Doch was auch immer diese Bande inszenieren mag - die neuen Seelen sind in Liebe verbunden - sie gehen ihren lichtvollen Weg weiter.

Foto-Essay: Die Katharer und die Seele des Landes

© Foto-Essay "Die Katharer und die Seele des Landes" von Ralf Wendling

Mehr von Ralf Wendling: Eine Reise zu mir
Lesen Sie auch den Buchtipp Im Schatten des Schwarms I

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt