Staat, Kirche, Fußball - Ein Buch von Gerd Kallweit

Leseprobe: Denken vs. Glauben

Lesen: Staat, Kirche, Fußball

Das Buch:

Illusion verbindet Politiker und dadurch den Staat mit Kirche und Fußball, so die These des theologisch ausgebildeten Publizisten Gerd Kallweit. Abgeordnete des Bundestags und der Landtage lassen sich, wie die Mehrheit der übrigen Bevölkerung, von dem unwirklichen Gemeinschaftsgefühl bezaubern, das der Fußballbegeisterung zugrunde liegt. Das Verhältnis zu Kirche und Religion unterscheidet sich nur unwesentlich davon: Der Staat hofiert die Kirchen, Glaubensaussagen beeinflussen politische Entscheidungen.

Der Autor Gerd Kallweit kritisiert: Der demokratisch organisierte Staat leistet der Obrigkeits-Orientierung Vorschub.

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Leseprobe aus dem Kapitel "Denken vs. Glauben"

Natürlich wissen Theologen und Kirchenvertreter sehr gut, wie wenig tragfähig die angeblichen Fundamente ihrer Botschaften sind. Daher haben sie sich zu Meistern des Relativierens und Uminterpretierens entwickelt.

Am 9. Mai 2013 (Christi Himmelfahrt) erläuterte Karl Kardinal Lehmann im 2. Hörfunkprogramm des Südwestrundfunks, was aus seiner Sicht unter Jesu Auferstehung und Himmelfahrt zu verstehen sei: "Gemeint ist das, was die Bibel mit einem anderen, eigenen Wort bezeichnet, nämlich die Erhöhung. Erhöhung, dass der ungerecht Behandelte, der nicht im Tod geblieben ist, gerettet worden ist, bei Gott ist, und nicht nur das, sondern er sitzet zur rechten des Vaters, wie es in einer alten Sprache heißt schon vom Alten Testament her, und das heißt: Er ist auf der Seite Gottes und ist mit ihm auf derselben Höhe. Und deswegen die Rede von Christi Himmelfahrt. ...

Das schöne Wort von der Himmelfahrt reizt natürlich dazu, das auszumalen und auszugestalten. Die Religionen sind ja zum Teil sehr gesprächig, das es richtige Himmelsreisen gibt zu Gott mit verschiedenen Phasen und Stufen. Das alles ist natürlich nicht gemeint, denn im Kern ist es ein tiefes theologisches Wort. Man darf sich jetzt nicht einfach vorstellen - auch wenn das dann so geschildert wird - dass es dann einfach eine mit den Augen verfolgte Fahrt in den Himmel gewesen ist. ...

Jesus ist trotz dieses schändlichen Todes nicht einfach verloren, er ist von Gott und vom Vater gerettet, er ist endgültig bei ihm, er ist erhaben über den Himmel, er ist erhaben über Zeit und Raum, und - deswegen heißt das auch Himmelfahrt - er [ist] nicht mehr den irdischen Daseinsformen unterworfen, die wir in Raum und Zeit natürlich sehen, und er ist so in eine neue Herrschaft beim Vater gekommen, und diese Herrschaft ist auch nicht mehr zu verstehen mit unseren irdischen Vorstellungen, es ist, so möchte ich sagen, die Herrschaft der suchenden Liebe, einer neuen Form von Herrschaft ..."

"Herrschaft der suchenden Liebe" - darauf muss man erst mal kommen. Und woher nimmt der Kardinal diese neue Erkenntnis? Doch wohl nicht aus den biblischen Erzählungen über Auferstehung und Himmelfahrt.

Nicht selten erfordert es Höchstleistungen intellektueller Verrenkungen, um religiöse Aussagen nicht über Bord werfen zu müssen. Der ehemalige Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein hat zwei Beispiele dafür von Aussagen bekannter Theologen zusammengestellt. Er zitiert Wolfhart Pannenberg, "dass die Erlösung der Welt nicht als ein Ziel identifiziert werden kann, das Jesus in der historischen Menschlichkeit seines Wirkens sich gesetzt hätte'. Trotzdem, 'die Sühnefunktion seines Sterbens und ihre Abzweckung (!) auf das Heil der Welt' könnten 'sehr wohl dem in der Geschichte handelnden Gottessohn als Gegenstand und Zweck seines Handelns zugeschrieben werden'."

Augstein fragt: "Wie denn das? Sein Ziel war es nicht, aber als Zweck seines Handelns darf es gelten?" Und den Kommentar dazu überlässt er dem Neutestamentler Werner Zager: "Zager nennt dies zu Recht 'einen verzweifelten spektakulären Versuch, die dogmatische Lehre vom Sühnetod Jesu Christi zu retten'." Als zweites Beispiel muss Jürgen Moltmann herhalten. Augstein: "Moltmann versucht es anders. 'Wie Jesus seinen eigenen Tod verstand', sei 'nur die historische Seite ... Die Frage, was sein Tod für uns bedeutet, ist die theologische Seite'. Eigentlich ist das schon eindeutig genug, doch Moltmann fügt noch hinzu: 'Für sich genommen ist Jesu Selbstverständnis keine theologische Quelle und kein Kriterium für christologische Aussagen.' Also: Nicht Jesus sagt, wer er war und was er wollte, sondern die Theologen sagen es."

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In der ZDF-Sendung "Die Karriere Gottes" am 25. November 2012 erklärte die ehemalige evangelische Bischöfin Margot Käßmann: "... in der Bibel finde ich als Glaubende Gottes Wort, Glaubenserfahrungen anderer Menschen mit Gott. Zum anderen ist das gar kein Widerspruch, dass die Bibel auch ein Geschichtsbuch ist, Historisches berichtet. Sie ist zum Teil Literatur und sie ist auch Poesie, wo Gott angebetet wurde, Gott verehrt wird, und die Suche, die theologische Suche, zu verstehen, wie kann Schöpfung beispielsweise entstanden sein, wo finden wir Gott in dieser realen Welt.

Wer erklärt, Satz für Satz sei die Bibel Wort Gottes, von Gott sozusagen diktiert in die Hand der Menschen, kann gar nicht damit umgehen, dass es in der Bibel auch Widersprüche gibt, Auseinandersetzungen, sich verändernde Gottesbilder. Das kann ich nur verstehen, wenn ich die Bibel sehe insgesamt als Wort Gottes, in dem glaubende Menschen aufgezeichnet haben, wie sie Gott erlebt haben in ihrem Leben, was für Erfahrungen sie mit Gott gemacht haben, wie sie versucht haben zu verstehen, wer Gott sei, beispielsweise in der Schöpfung. Dann sind diese Widersprüche verständlich, warum es zwei Schöpfungsgeschichten gibt, einen wandelbaren Gott, unterschiedliche Wahrnehmungen. Das ist dann für mich kein Widerspruch zum Glauben."

Der Glaube macht also die Bibel zum Wort Gottes. Aber wie kommt denn der Glaube zustande? Ist nicht die Bibel Grundlage allen christlichen Glaubens, weil Generationen von Kirchenleuten behauptet haben, es handle sich um das Wort Gottes? Kann christlicher Glaube auch ohne Bibel entstehen? Frei übersetzt sagt Frau Käßmann: Der Glaube beruht auf der Bibel, weil sie Gottes Wort beinhaltet, aber nur der Glaube macht die Bibel zu Gottes Wort. Dieser Zirkelschluss dürfte logischem Denken kaum zugänglich sein.

Glauben "die" das selbst?

"Arkandisziplin" bezeichnet die Forderung, bestimme Riten, Gegenstände und Bekenntnisse einer religiösen Gemeinschaft geheim zu halten. Diese Geheimhaltung dient der Abgrenzung einer Gruppe nach außen und dem engeren Zusammenhalt nach innen. Mit dem Begriff verbindet sich auch der oft geäußerte Verdacht, Priester und andere Glaubensvertreter ließen sich nicht in die Karten blicken, weil sie selbst nicht an ihre Verkündigungen glaubten. Wie man Kindern etwas vom Osterhasen und vom Weihnachtsmann erzähle, so würden Erwachsene mit religiösen Aussagen gefüttert. Auf diese Weise werde ein Führungs-, besser: Herrschaftsverhältnis hergestellt.

Lesen Sie mehr in Gerd Kallweits Buch "Staat, Kirche, Fußball", erschienen 2014 bei Shaker Media.

Der Autor

Gerd Kallweit wurde 1943 in Danzig geboren. Er hat evangelische Theologie, Politikwissenschaft, Publizistik und kurze Zeit Soziologie studiert. 10 Jahre freier journalistischer Betätigung folgten 27 Jahre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in verschiedenen Ministerien der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz. Gerd Kallweit lebt als freier Autor in Mainz.

© "Staat, Kirche, Fußball" - Leseprobe und Abbildung des Buchcovers mit freundlicher Genehmigung des Autors Gerd Kallweit

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