Die Geschichte von Hans und Lotte Wurst

Eine Erzählung von Karl Heinz und Heidrun Böhm

Mythologie

Ratgeber

Fantasy-Buch

Bratwurst

Kennen Sie Würstel? Das ist eine Stadt, die am Rande des Zipfelgebirges liegt. Sie ist die Hauptstadt des Landes Salami. Die Menschen, die hier wohnen, haben eine gemeinsame Leidenschaft: sie essen Würste in ungewöhnlichen Mengen. Da diese Passion nicht von allen Mitmenschen respektiert wird, entschlossen sich Würstelanhänger aus der ganzen Welt, sich hier ein Domizil zu schaffen. Vegetarier haben zu diesem Lande keinen Zutritt.

Die Regeln für die Aufnahme in die Gemeinschaft sind streng. Der Kandidat muss sich einer Prüfung unterziehen. Nur wer imstande ist, eine Woche lang jeden Abend zehn Würste ohne Senf zu verzehren, und über achtzig Kilo wiegt, wird aufgenommen. Aber nicht nur das ist außergewöhnlich. Hier haben die Würste ein Eigenleben. Sie plaudern miteinander. Einige haben einen Rufnamen. Keiner weiß, ob es an der engen, nahezu innigen Verbindung dieser Menschen zu diesem Fleischprodukt liegt, oder ob die Würste sich weitergebildet haben. Wie auch immer, insbesondere den Weißwürsten ist diese Gabe eigen. Auch die Salami und die Leberwurst klönen gerne mit ihren Artgenossen. Vielleicht ist die Ursache darin zu sehen, dass der Aufenthalt in der Wursttheke und das Warten auf die Kunden eine eintönige Sache ist.

Die Sonne ging über Würstel auf. Ihre Strahlen drangen durch die graue Wolkenschicht am Himmel und erleuchteten die roten Ziegeldächer der kleinen Stadt. In der Ferne bellte ein Metzgerhund. Das Brummen eines Lastwagens, der voll beladen mit Waren in die Hauptstraße einbog, und vor Schulzes Metzgerei anhielt, durchbrach die Stille. Herr Schulze war schon auf den Beinen und nahm die Lieferung entgegen.

Hans und Lotte, ein Paar stattliche dralle Weißwürste, lagen in der Wursttheke in tiefem Schlaf, als Herr Schulze seinen voluminösen Körper in den Laden schob.

Hans erwachte, als das Licht anging. Mühsam versuchte er, sich aufzurichten. "Was ist los, wer stört mich, wo bin ich?" brummelte Lotte schlaftrunken. "Wir sind in der Wursttheke, es ist acht Uhr, und der Verkauf beginnt", antwortete Hans.

"Ich hoffe, wir werden heute gekauft. Ich fange langsam an zu muffeln", knurrte Lotte unwirsch. "Du bist als Wurst zur Welt gekommen und du wirst sie als Wurst verlassen", erklärte Hans knapp.

"Heute Morgen schlecht gelaunt?", fragte Lotte schnippisch. Hans gab keine Antwort. Seiner Ansicht nach war Lotte schlecht gelaunt, nicht er, aber er hing eben an ihr.

"Mir geht es heute nicht gut", piepste eine dünne Stimme vom anderen Ende der Theke. "Wer bist du?" Hans richtete sich auf und versuchte sich zu drehen. "Ich bin eine edle Salami", quiekte die Wurst. Hans musterte die dunkelrote Rolle ausführlich. Sie sah gut aus. Besser als seine Lotte. Vor allen Dingen war sie nicht so blass. "Wenn du edel bist, warum zitterst du dann?", fragte Hans.

"Ihr werdet paarweise verkauft. Ich muss durch die Maschine, hauchdünne Scheiben werden aus mir gemacht", klagte die Salami.

"Mir kann das nicht passieren", röhrte die Wurst, die neben der Salami lag, mit tiefer Stimme. "Ich bin eine feine Leberwurst nach Omas Rezept und wohne in einer Dose", ergänzte sie stolz.

"Da bekommst du keine Luft und kannst nichts sehen", sagte Lotte abfällig. "Ich für meinen Teil bin ganz zufrieden mit meinem Aussehen", ergänzte sie und versuchte, sich umzudrehen, um die Leberwurst besser sehen zu können. "Bleib ordentlich liegen", knurrte Hans, der sich bei Lottes Manöver an der Glasplatte angestoßen hatte. "Ja ich bin keine Wurstdiva aber ich halte länger", brummelte die Leberwurst und beschloss keine Silbe mehr zu sagen.

"Mir geht es heute gar nicht gut, meine Haut ist rot, ich schäme mich, ich schäme mich", piepste eine dünne Stimme direkt neben der beleidigten Leberwurst. Hans wurde ungeduldig. Ihm war das zu viel. Am Tag zuvor war es hier in der Wursttheke ruhig und beschaulich zugegangen, und heute konnten die Würste den Mund nicht halten.

"Als Rindswurst soll ich verkauft werden, ich bestehe aus fünfzig Prozent Pferdefleisch", jammerte eine Wurst. Sie bekam keine Antwort. Die übrigen Würste wussten nicht, was sie dazu sagen sollten.

Herr Schulze hatte in der Zwischenzeit die Ladentür aufgeschlossen, seine Waren ordentlich in die Theke gelegt und betrachtete zufrieden das Werk seiner Hände. Die Türklingel schellte. Die erste Kundin schob sich in den Laden.

"Guten Tag, Frau Schweinehaxe, was darf es sein?", fragte Herr Schulze geschäftig. "Was haben Sie heute im Angebot?", gluckste Frau Schweinehaxe, legte die Hände auf den voluminösen Bauch und musterte mit ihren kleinen Äuglein, die tief in ihrem schwammigen Gesicht steckten, die Würste. 'Wenn sie rollen anstatt laufen würde, wäre sie schneller', dachte Herr Schulze.

"Presswurst habe ich im Angebot", sagte er dann. "Presswurst hatte ich erst gestern", erwiderte Frau Schweinehaxe etwas ungehalten. So sieht sie auch aus, dachte Herr Schulze und räusperte sich.

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"Ein Pfund Aufschnitt, zwei belegte Brötchen, hundert Gramm Leberwurst und ein Paar Weißwürste bekomme ich." Frau Schweinehaxe verschlang den Inhalt der Theke mit gierigen Blicken. "Aber immer gerne", sagte Herr Schulze, nahm Hans und Lotte und packte sie mit den anderen Würsten in eine Tüte. "Das war's für uns, die dicke Frau wird uns zum Frühstück verschlingen", sagte Lotte mit bebender Stimme.

"Das ist unser Los, doch die Menschen in diesem Lande verehren uns", antwortete Hans gelassen. "Du meinst, sie haben uns zum Fressen gern", polterte Lotte gereizt.

"Du bist eine Weißwurst, du wirst mit Bier oder Kaffee heruntergespült. Und wenn du nicht gegessen wirst, verkommst du, finde dich damit ab", empfahl Hans.

Lotte schwieg. Hans konnte nicht wissen, dass sie eine außergewöhnliche Weißwurst war. Sie hatte die Gabe, wie Papier zu schmecken. Demzufolge hatte sie eine Chance zu überleben. Und Lotte wollte am Leben bleiben. Was danach kommen würde, interessierte sie noch nicht.

Wenig später betrat Frau Schweinehaxe ihre Küche. Ihre kleinen Äuglein glänzten gierig und ihr Magen knurrte. Sie nahm die Weißwürste aus der Tüte, gab sie in einen Topf mit heißem Wasser und schaltete die Kaffeemaschine an. Frau Schweinehaxe freute sich auf ihr Frühstück. Seit ihr Mann Herbert sie verlassen hatte, lebte sie allein. Herbert hatte sich nach zehn Jahren Ehe mit seiner Frau entschlossen, Vegetarier zu werden und war ausgezogen. Seine Frau vermisste ihn nicht. Sie hatte ihre Würste.

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Frau Schweinehaxe gehörte zu den Menschen, die von der Wurstsucht befallen waren. Fast alle Einwohner dieses schönen Landes hatten ihren Wurstkonsum unter Kontrolle. Sie aber war abhängig. Bei ihr gab es nur Wurst zu essen.

Hans schwamm im Wasser, betrachtete den metallic glänzenden Topfrand und sagte deprimiert: "Tschüss Lotte, schön war's mit dir." Lotte gab keine Antwort. Sie wartete auf den Moment, in dem die Frau sie in den Mund schob.

Frau Schweinehaxe murmelte: "Die Würste müssten heiß sein", schnappte Lotte mit der bloßen Hand, legte sie auf einen Teller und strich Senf auf ihre Haut. Lotte zuckte zusammen. Wenn die Frau noch mehr Senf zugab, würde sie nur nach Mostrich schmecken. Ihr Mund öffnete sich, ihre scharfen Zähne berührten Lottes Haut. Hans seufzte tief auf. Bald würde auch er eine zerkaute Masse sein.

Lottes Haut kitzelte Frau Schweinehaxens Gaumen, und nun bemerkte sie es ... diese Weißwurst war ungenießbar! Sie schmeckte gerade so wie die Würste, die Herbert ihr gegeben hatte, als er versuchte, ihre Sucht zu bekämpfen.

Angewidert legte sie Lotte beiseite, trank einen Schluck Kaffee und griff nach Hans. Aber auch er schmeckte nicht besser. Das versetzte sie in Rage. Sie packte Hans und Lotte in die Tüte und lief so schnell, wie es ihre Körperfülle zuließ, zurück zur Metzgerei, um sich bei Herrn Schulze zu beschweren. Das Loch, das in der Tüte war, übersah sie in ihrem Zorn. Hans und Lotte gelang es, durchzuschlüpfen und zu entkommen. Mit einem Plumps fielen sie aus der Tüte und landeten auf der Fahrbahn. Leider war in diesem Moment der Lastwagen, der die Metzgerei beliefert hatte, auf dem Rückweg. Er erfasste Hans und Lotte. Seit diesem Tag gibt es in Würstel keine Wurst, die nicht schmeckt. Hans und Lotte waren die letzten ihrer Art.

Beachten Sie auch die Leseprobe aus der Novelle von Heidrun Böhm Wie ein Rohr im Wind

© "Die Geschichte von Hans und Lotte Wurst" von Karl Heinz und Heidrun Böhm. Zur Autorenseite von Heidrun Böhm bei Amazon.

Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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