Meine Gehirnschubladen, meine Religion
... und dann dieser Pappkarton

Essay von Monika Linn

Rechte Arbeiter

Fantasy-Buch

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Flüchtende Menschen

Manchmal sind Menschen ein bisschen pikiert, wenn ich sage: Ich sortiere (für mich) Menschen oder Dinge in Schubladen ein in meinem Gehirn.

Das ist keine Wertung.
Ich glaube, jeder macht das irgendwie. Sonst würden wir "durchknallen".

Ein Beispiel?
Ich sehe einen Stuhl:
Die Schublade, irgendwann einmal gemacht, wäre dann: Möbel.

Achtung, nun kommt ein Geständnis!
Wehe dir, du lachst darüber!
Ich schlafe vor dem Fernseher immer ein.

Hach ja, ist ja gut. Früher war es besser. Da konnte ich auch schon mal einen Film zu Ende sehen.
Früher war eh alles besser.
Und so mitten im Fernsehschlaf werde ich auch schon mal wach. Besser gesagt, halbwach meist.
Will sagen, es reicht für einen Blick auf den Fernseher, selten kann ich aber einordnen, was ich sehe. Da hat mich Morpheus schon wieder am Haken.
So auch vor Kurzem.

Ich mache die Augen auf, der Fernseher ist an. Im Dunkeln sehe ich einen Pappkarton auf einem Feld liegen. Dann eine Hand, die langsam herauskommt.
Ach ja, sagt mein Hirn im Schlafrausch, es ist Halloween. Da läuft ein Gruselfilm. Das soll wirklich gruselig sein?
Plötzlich macht die Hand blitzschnell den Deckel zu.
Großer Gott, das war ein Kind. Bitte lieber Gott, lass es kein Kind sein.

Vor Schreck über dieses Bild habe ich ganz vergessen, dass ich schon lange aufgehört habe, an einen Gott zu glauben. Noch weniger bete ich zu ihm.
Und mal ehrlich. Gäbe es einen Gott, er hätte wahrlich Besseres zu tun. Er wäre, so wie unsere Politiker, zuständig für das große Ganze.
Da bleibt keine Zeit, Decken an frierende Kinder zu verteilen.
Das siehst du sicher ein, oder?

Das Grauen hat mich gepackt. Inzwischen höre ich auch den Moderator, der berichtet, dass hier Kinder auf der Flucht versuchen, in diesen Pappkartons zu schlafen.
Das ist so grauenvoll.
Das kommt in keiner Schublade meines Gehirnes an.

Ich habe auch keine Schublade, in der ich es einsortieren kann. Vielleicht müsste ich mir, ganz tief versteckt, so etwas wie eine Hassschublade anschaffen.
Obwohl ich diesen Rauschebart Gott schon längst "abgeschminkt" habe, habe ich trotzdem meine Religion. Ich glaube an so eine Art Spiritualität.
Nee du, nix mit Ouija Brett oder Geisterbeschwörung.

Ich versuche es mal so zu erklären.
Wenn du in einen Raum kommst, wo viele Menschen sind, dann ist die Stimmung in diesem Raum zu spüren. Sie schwebt sozusagen und sie hat auch Einfluss auf deine eigene Stimmung. Ist sie gut, geht es dir selbst gleich besser. Ist sie schlecht, fühlst du dich auch unwohl.
Es überträgt sich auf dich, breitet sich aus.

Wenn der Hass so groß ist in der Welt, dass wir zulassen, dass Kinder quasi vor unserer Haustür in Pappkartons schlafen müssen.
Was macht so etwas wohl mit uns und dieser Welt?

© Essay "Meine Gehirnschubladen, meine Religion": Autorin Monika Linn. Bildnachweis (CC0, Public Domain Lizenz): Flucht

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