Der einzige Wunsch: Schuld und Vergebung

Leseprobe aus "Nur der Tod vergisst" von Peter Hakenjos

Lesen: Nur der Tod vergisst

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Fassungslos sah Hannah Ulf vor sich knien. Sie hatte im KZ viel erlebt. Männer in schwarzen Uniformen, die ohne Anlass, aus einer Laune heraus, Häftlinge erschossen. Sie hatte Menschen an Zäunen hängen sehen, getötet vom Strom, weil sie diesen Tod der Gaskammer vorgezogen hatten, hatte die Verzweiflung der Mütter über ihre Kinder, die sie halb tot in den Armen hielten, erleben müssen. Aber sie hatte noch keinen dieser Leute, für die sie nie das Wort "Mensch" verwendet hätte, weinen sehen.

Sie hatte noch nie Mitleid in ihren Augen gesehen, nur Verachtung oder Gleichgültigkeit und in den schrecklichen Abendstunden hin und wieder, wenn sich einer der Wachmannschaft zu ihnen geschlichen hatte, Geilheit. Nein, weinen hatte sie noch keinen von denen gesehen, die den Totenkopf am Koppel trugen. Unvermittelt brüllte sie ihn an: "Hast du auch geweint, als du Frauen und Kinder umgebracht hast? Wo war da dein Gefühl? Hättest du auch geweint, wenn ihr Schweine den Krieg gewonnen hättet, und du in deiner schwarzen Uniform wie ein Gockel durch die zerstörten Städte hättest stolzieren können? Aber du hast ja sicher keiner Menschenseele etwas getan, du warst ja sicher nur Sanitäter oder auf der Schreibstube und hast Gehaltslisten geführt, wie alle. Komm', lüg' mich ruhig an. Das kannst du gut! Ich habe dir ja schon einmal geglaubt." Dabei spuckte sie ihn an.

Er wischte sich die Spucke mit dem Handrücken aus dem Gesicht. Mit Verachtung konnte er umgehen. Er stand langsam auf und wich ihrem Blick nicht aus. "Nein. Ich war nicht in einer Schreibstube und war auch kein Sanitäter. Ich habe Blut an den Händen. Ich habe getötet, und ich war bereit, jeden Moment im Kampf zu sterben. Wenn ich dafür deine Verachtung verdient habe, dann verachte mich. Dass ich für die Falschen gekämpft habe, das weiß ich. Ich weiß es aber nicht, weil Deutschland den Krieg verloren hat. Ich weiß es, weil ich gesehen und gehört habe, was alles geschehen ist. Es gibt da etwas ...", er brach ab und schaute an ihr vorbei zu dem verbarrikadierten Fenster, hinter dem das Mondlicht zu ahnen war. "Ich war nie in einem KZ. Ich wusste noch nicht einmal, was dort geschah. Ich weiß, das hört sich aus dem Mund eines SS-Mannes verlogen an und ich verstehe, wenn du mir nicht glaubst."

"Und wofür stehst du jetzt? Glaubst du, alles ist vorbei und haust ab? Was ist mit deiner Treue, die du geschworen hast? Hieß es da nicht: Treue bis zum Tod? Was ist mit deinem Hass auf Juden? Du konntest mit mir doch nur nicht schlafen, weil du wusstest, dass ich Jüdin bin! Ist es nicht so?"

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"Du spinnst!", brüllte er sie an, um einen Schritt auf sie zuzutreten. Aber als er wieder sah, wie sie erschrak, blieb er wie angewurzelt stehen und wich erneut zurück. "Ich habe dich begehrt, so sehr, dass es fast schon wehgetan hat. Ich dachte, du fühlst das. Aber es ging nicht. Ja, ich bin auf der Flucht, ja, ich darf keinem trauen. Und glaub' mir, hätten wir uns unter anderen Umständen getroffen, ich hätte dich geheiratet und ich wäre mehr als stolz gewesen, dich als Frau zu haben, egal was mit dir war und egal, was du für einen Glauben oder was du für Eltern hast. Ich konnte aber nicht aufhören, an meinen Verrat zu denken. Aber nicht an den Verrat gegen die SS oder Hitler. Und du hast recht, das war, weil du Jüdin bist."

"Ach? Und jetzt soll ich dich bedauern? Oder erwartest du von mir, einer Jüdin, Vergebung? Die Absolution als Katholik? Aber das war ja sicher auch gelogen. Du weißt ja gar nicht wer Jesus war. Jude nämlich. Was willst du eigentlich von mir?"

"Ich habe nicht das Recht, irgendetwas von dir zu wollen oder zu erwarten. Es gäbe etwas, das ich mir wünschen würde, einen einzigen Wunsch, den du mir jetzt nicht erfüllen kannst. Vielleicht wird es dir irgendwann möglich sein."

"Und das wäre?", antwortete sie und reckte dabei ihr Kinn nach vorne.

"Dass du mich siehst. Nur mich. Dass du nicht die Uniform siehst, die ich einmal getragen habe und die auch ein Teil von mir war. Ich kann mich nicht entschuldigen. Du sollst nichts vergessen, nicht meine Schuld mit billigen Erklärungen verringern, aber ...", eine laute Stimme, die irgendetwas auf Englisch brüllte, unterbrach ihn.

Einer der Nachbarn oder ein Mitbewohner musste ihren Streit mit angehört und die Militärpolizei informiert haben. Die Wirtin antwortete etwas. Es war nicht zu verstehen. Hannah und Ulf waren wie gelähmt. Da ging ein Ruck durch sie hindurch, und sie sprang zum Fenster, riss es auf und öffnete mit fahrigen Fingern den Klappladen. "Los raus, schnell. Wir sind hier nicht sehr weit oben. Das wirst du noch springen können! Und lasse dich hier nie wieder blicken. Nie wieder! Hörst du?"

Er nickte, sah sie noch ein letztes Mal ruhig an, dann schätzte er die Höhe ab und sprang. Auf dem harten Lehmboden ließ er sich abrollen und schlug mit dem Arm auf, um den Aufprall abzumildern. Er befand sich in einem Hinterhof. Langsam öffnete er das Tor zur Straße. Er beherrschte sich, nicht schnell zu laufen. Die Patrouille war im Haus. Ruhig schlenderte er davon, bis er in die nächste Seitenstraße einbiegen konnte, wo er seinen Schritt beschleunigte, um zurück in seine Unterkunft zu fliehen.

© "Der einzige Wunsch" - Leseprobe aus "Nur der Tod vergisst" sowie Abbildung des Buchcovers: Autor Peter Hakenjos

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