Buchtipp: Fenja und die kleine Ratte

Leseprobe der Autorin Monika Linn

Buchtipp: Fenja und die kleine Ratte

Das Buch:

"Die Geschichte um Fenja und ihre Freunde ist ein Hineintauchen in eine unbekannte Fantasie-Welt" - so beschreibt die Autorin Monika Linn ihre 2014 erschienene Fantasiegeschichte "Fenja und die kleine Ratte" - eine Geschichte für Erwachsene und Jugendliche. Dabei bringt die Autorin Ideen ein, vor denen man den Hut ziehen muss.

Als Fenja einen "Kuhfladen" entdeckt, glaubt sie nur, dass sie ihn entfernen muss, aber dass er ihr Leben völlig verändert, davon ahnt sie zunächst nichts. An einem Abend geht Fenja später als sonst nach Hause und belauscht auf ihrem Heimweg ein Gespräch, das zwei riesige Ratten in der Kanalisation führen ...

Hinweis: Die Buch-Ausgabe ist derzeit nicht mehr erhältlich.

Leseprobe aus "Fenja und die kleine Ratte":

Dann, ganz akzentuiert, jeden einzelnen Buchstaben in Fenjas Gesicht schleudernd, fragte Madame sie: "Was hast du da gerade gesagt?"

"Ich habe nur gedacht."

"Nun, dann hast du sehr laut gedacht, ich habe deutlich gehört, als du sagtest: 'Sie ist eine Ratte.' Wer ist eine Ratte? Meintest du etwa mich?"

Madame verlor jede Contenance, als sie das Wort "Ratte" noch einmal aussprach. Ihre Stimme kippte endgültig, wurde zu einem schrill ansteigenden Buchstabenschrei. Der Fächer wedelte so schnell, dass nur noch lila Blitze vor Fenjas Augen erschienen. Dann machte es "klack", der Fächer klappte zu. Es tat einen weiteren, dumpfen "klack", der Fächer landete auf Fenjas Kopf. Einige Sekunden lang war jeder vor Schreck wie gelähmt. Dann kam aus Fenjas Mund ein lautes, Au, während die Klugen Zwei zeitgleich ein fassungsloses "aber Madame" ausstießen.

Stille breitete sich in dem Raum aus. Sie kroch wie ein unsichtbares Gas durch alle Ritzen. Sie drang in alle Räume ein, deckte die Ereignisse mit einem Tuch aus Schweigen zu, unter dem sogar die Grille vergaß, zu zirpen. Sie zog sich ängstlich in den hintersten Winkel des Flures zurück, verschwand für einige Tage völlig, bis sie wieder neuen Mut fasste, um ihr Begattungslied erneut anzustimmen.

Langsam floss ein dünnes Rinnsal Blut unter Fenjas Haaren hervor, bahnte sich einen Weg an Fenjas Augenbrauen entlang. Es formte sich dann zu einem Tropfen, der wie eine kleine Kugel an ihrer Wange hinabkullerte, um an ihrem Kinn den Absprung nach unten auf Fenjas hellen Pullover zu wagen. Dort vereinte er sich mit den nachfolgenden Blutstropfen, bis sie einen kleinen, roten See bildeten.

Zum zweiten Mal an diesem Tag war sie verletzt worden. Zum zweiten Mal an diesem Tag blutete sie. Diesmal hatte sie starke Schmerzen, ihr Kopf schien zu platzen, sie hatte Angst. Madams Schlag war wie ein scharfes Schwert in ihr Innerstes eingedrungen. Den Schmerz an ihrem Kopf konnte sie aushalten. Demütigend war der Schmerz in ihrem Inneren. Es schien ihr in diesem Moment so, als könne sie diesen Schmerz niemals überwinden oder gar vergessen.

Er hüllt sie ein, verwandelte sie in eine Eisskulptur, die einen Moment lang vergaß, wie sich lebendige Wärme anfühlte. Ihr Atem zischte in dem Versuch, das Eis zu durchbrechen. Er war wie ein Flammenwerfer, der mit seinem Lodern ihren Zorn anfachte, unter dessen Hitze ihre Eishülle schmolz.

Sie sprang in die Höhe, schaute die Klugen Zwei und Madame mit einem bitterbösen Blick an. Dann drehte sie sich wortlos um und verließ den Raum. Sie rannte den sonnendurchfluteten Flur entlang bis auf den Schulhof.

Noch während das Echo ihrer Schuhe die empörten Rufe von Madame übertönten, hatte sie die Mauer des Schulhofes erreicht. Sie sprang mit einem gewaltigen Satz darüber hinweg und verkroch sich unter einem Holunderbusch, der an der Mauer ein nicht beachtetes Leben lebte. Fenja blieb liegen, bis sich ihr Atem etwas beruhigt hatte. Dann kroch sie vorsichtig ein Stückchen nach vorne, lugte durch die Blätter und versuchte, in den Schulhof hinein zu sehen.

Leider war die Mauer zu hoch, aber sie hörte Madame ihren Namen rufen. Nein, entschied sie, für heute hatte sie genug von Madame, der Schule und von Ratten. Vorsichtig kroch sie rückwärts zurück unter den Busch. Madame hatte einen durchdringenden Blick. Sie konnte durch geschlossene Türen sehen, was im Innern eines Raumes vor sich ging. Fenja wusste nicht, ob Madame auch durch eine Mauer sehen konnte. Dieses Risiko war ihr zu groß. So entschloss sie sich, hier, tief verborgen unter den Blüten, eine Weile zu warten.

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag dachte sie an ihre Eltern. Sie hoffte, beide würden sich keine großen Sorgen um sie machen. Dann erinnerte sie sich, eigentlich hatte sie an der Mauer Wachdienst zu leisten. Ihre Eltern vermissten sie noch gar nicht.

Einen Moment bedauerte sie. Sie liebte den Dienst an der Mauer, man sah an klaren Tagen sehr weit über das Land. Selten genug war ihr dieses Vergnügen vergönnt und in diesem Moment ahnte sie, dass sie noch seltener auf die Mauer durfte. Der Wächter würde sie wohl von ihren Pflichten entbinden, vielleicht sogar davon jagen. Von einer Ausbildung wagte sie ohnehin kaum noch zu träumen.

Auch wer nur zu Besuch an der Mauer war, brauchte eine Erlaubnis, um auf ihr zu gehen und das weite Land zu sehen. Darum galten Wächter als einflussreich und mächtig. Es durften nur Männer und Frauen von untadeligem Ruf diesen Dienst versehen, so zumindest stand es in den Vorschriften.

"Untadeliger Ruf", murmelte sie, "dass ich nicht lache, ha, der Wächter und seine Rattentochter haben bestimmt keinen untadeligen Ruf."

Wieder träumte sie von dem weiten Land. Ihre Angst löste sich auf in der Wärme und dunklen Sicherheit, die ihr der Holunderbusch bot. Madame schien die Suche aufgegeben zu haben, zumindest war ihre Stimme verstummt. Sie hörte nur das Summen der Bienen, die in ihrem Honigrausch den gelben Pollenstaub in einen Tanzwettbewerb mit den Sonnenstrahlen schickten. Fenja kroch noch ein Stückchen tiefer unter den Busch, bis ihr die niedrig hängenden Zweige den Weg versperrten. Dann legte sie sich hin wie ein Baby im Mutterleib. Gerne hätte sie ein Kissen gehabt. Stattdessen legte sie sich die Schultasche unter den Kopf. Schade nur, dass ihr Essen schon aufgegessen war.

Nun, Fenja, du kannst nicht immer alles haben, sei froh, dass du entkommen bist und in Sicherheit. In Gedanken versuchte sie einzuordnen, was ihr alles widerfahren war, vor allen Dingen aber, wer denn nun eigentlich ihr Feind war. Nein, die Klugen Zwei waren keine Feinde, da war sie sich sicher. Bei Madame war sie etwas unsicher, diese hatte den lila Fächer benutzt, etwas, was sie völlig ratlos machte.

"Großer Gott, ich kann Gedanken lesen." Laut stieß sie diesen Satz aus, um sich sofort erschrocken den Mund zuzuhalten. Hoffentlich hatte niemand sie gehört. Fest presste sie Augen und Lippen zusammen, krümmte sich noch ein bisschen mehr und hoffte auf ihr Glück.

"Es kann sprechen, jawohl, sprechen kann es. Ich kann es verstehen. Ob es mich auch versteht? Hoffentlich sieht es mich nicht, es soll die Augen geschlossen halten."

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Fenja wusste in diesem Moment, dass noch jemand mit ihr unter dem Holunderbusch war. Alles in ihr weigerte sich, sie presste die Hände an ihre Ohren und verlor im gleichen Moment den Kampf gegen ihre Augenlider, die sich siegesbewusst öffneten.

Dann sah sie: unten, genau vor ihrem großen Zeh saß eine Ratte. Sofort trat sie zu, schleuderte die Ratte ein Stück nach hinten, bis diese von einigen Zweigen gebremst wurde. Fenja war sehr weit unter die Zweige gekrochen, nun versuchte sie ganz schnell, aufzustehen und zu fliehen. Dabei verhedderte sie sich noch mehr. Staub, Blätter, kleine Äste verfinsterten diesen so sicher geglaubten Platz. Sie wirbelte um sich, schlug dabei auf alles, von dem sie dachte, es könne sie berühren. Dann sah sie einen grauen, unscharfen Schatten auf sich zukommen. Im Halbdunklen schien er riesengroß zu wachsen. Er fegte zwischen dem aufgewirbelten Dreck auf sie zu, biss ihr in den großen Zeh und wurde erneut von einem Fußtritt Fenjas in die hinterste Ecke geschleudert.

Inzwischen hatte sie es geschafft, sich hinzusetzen. Staubkörner waren in ihre Augen eingedrungen, machten sie einen Moment lang blind. Dann begannen Tränen, den Schmutz aus ihren Augen zu waschen. Sie flossen ihr Gesicht hinab und hinterließen dort tiefe Rillen, so wie Wasser, das über einen ausgetrockneten Acker lief. Fenja saß zusammengekauert, völlig erschöpft und fast blind da und wartete auf einen neuen Angriff der Ratte. Es war inzwischen fast dunkel geworden. Der Abend forderte den Tag auf, nach Hause zu gehen, damit er alles auf die Herrschaft der Nacht vorbereiten konnte.

Stille löste den Kampfeslärm ab. Kein Geräusch war zu hören außer ihrem eigenen Atem.

Als sie wieder ein bisschen sehen konnte, sah sie ganz nahe an der Wand die Ratte auf dem Boden liegen.

© Text zum Buchtipp "Fenja und die kleine Ratte" sowie Abbildung des Buchcovers mit freundlicher Genehmigung der Autorin Monika Linn

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