Nur der Tod vergisst

Leseprobe aus dem Buch von Peter Hakenjos

Rechte Arbeiter

Ratgeber

Fantasy-Buch

Buchtipp: Nur der Tod vergisst

Das Buch:

Ulf Lahner meldet sich als begeisterter Nazi freiwillig zur Waffen-SS. In der Normandie 1944 will er in einem Gefecht sterben, wird aber nur am Kopf verletzt. Im Lazarett in Pforzheim muss er am 23. Februar 1945 die Vernichtung seiner Heimatstadt Pforzheim miterleben und will voll Hass auf die Briten wieder zurück an die Front, gerät aber in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er mit drei SS-Kameraden Richtung Südtirol flieht.

Peter Hakenjos Roman Nur der Tod vergisst erschien 2014 im G. Braun-Buchverlag und ist im Buchhandel unter der ISBN 978-3765086465 erhältlich.

Leseprobe aus "Nur der Tod vergisst":

Meran, Juni 1945

Der Lärm, der von der Straße zu ihnen hochdrang, weckte Ulf. Durch den Lamellenklappladen warf die Sonne schmale Streifen auf die geblümte Tapete. Sie waren im Gewirr der engen Gassen Merans in einer Pension untergebracht. Der Wirt antwortete nur auf Fragen, ging aber ansonsten jedem Gespräch aus dem Weg. Ohne eine Regung im Gesicht wies er sie an, sich unauffällig zu verhalten. Achselzuckend fügte er aber hinzu, dass sie sich ansonsten frei in der Stadt bewegen könnten. Die amerikanische Armee hatte sich in Südtirol mit den Deutschen, ja sogar mit der SS arrangiert, die, entgegen den Befehlen aus Berlin, die Kapitulation in Italien organisiert hatte.

Zum Frühstück, das sie mit dem Duft von echtem Kaffee empfing, kam Günther zu spät. Er musste schon früh das Haus verlassen haben. Er setzte sich zu ihnen und sah sie einen Moment schweigend an. Dann beugte er sich zu ihnen vor und sagte mit leiser Stimme: "Ihr seid ab sofort staatenlose Volksdeutsche auf der Flucht. Ich werde von der katholischen Kirche und dem Roten Kreuz die Papiere besorgen. Verratet niemandem, wer wir sind und woher wir kommen. Hier sind wir zwar relativ sicher, aber niemand weiß, wie lange noch." Die drei nickten still und Günther grinste sie zufrieden an. Es war bereits Mittag, als Ulf vor das Haus trat und sich von einer Menschenmasse umringt sah, die sich nicht um ihn kümmerte. Vereinzelt standen Grüppchen älterer Männer vor staubigen Schaufenstern und unterhielten sich gestikulierend. Ein Pferdewagen, vollbeladen mit prall gefüllten Hanfsäcken, ratterte lautstark an ihm vorbei. Der Krieg, das Elend in den Ruinen, die Frauen mit den großen Taschen auf der Suche nach etwas Essbaren, von all dem war hier nichts zu spüren. Er war in einer anderen Welt angekommen.

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Der Wind trug die Wärme mit sich fort. Es wurde kühl. Ulf ließ sich ohne Ziel durch Meran treiben. Die Arkadengänge, das Gemisch deutscher und italienischer Gespräche, das ihm immer wieder entgegenschallte, waren so anders als das, was er aus Deutschland kannte. Nur die sanften Hügel, die sich weit hinter den Straßenzügen erhoben, erinnerten ihn an seine Heimat in Pforzheim. In Gedanken versunken blieb er vor dem Schaufenster eines Geschäftes stehen, in dem zwei aus der Mode gekommene Anzüge auf Schaufensterpuppen drapiert waren. Das Beige ihrer starr lachenden Gesichter war da, wo die Farbe abgeblättert war, mit Flecken weißen Gipses gesprenkelt. Plötzlich spannten sich seine Muskeln an. In der Spiegelung tauchten zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete amerikanische Soldaten auf. Unwillkürlich zog er den Kopf ein. Seine Gedanken kreisten nur noch um Angriff oder Flucht.

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Es galt jetzt, nicht aufzufallen. Er atmete tief durch. Langsam drehte er sich um und streifte mit seinem Blick die amerikanischen Soldaten, auf deren weißen Armbinden in großen, schwarzen Lettern »MP«, Militärpolizei, stand. Er konzentrierte sich darauf, sich nicht schnell zu bewegen und sie nicht anzuschauen. Die zwei jungen Soldaten waren in ihr Gespräch vertieft. Sie kümmerten sich nicht um ihn. In der nächsten Seitenstraße, als er glaubte, aus ihrer Sicht zu sein, drehte er sich um. Sie waren verschwunden. Erleichtert schlenderte er auf einen Platz zu, der umringt war von gestutzten Platanen. Zwischen den Stämmen mit ihren knolligen Auswüchsen und der abblätternden, dünnen Rinde, standen Sitzbänke aus grauem Granit. Er setzte sich und betrachtete die Greise, die sich hier ihre Zeit vertrieben, bis sie irgendeine Pflicht nach Hause rief. Er beneidete sie. Langsam erhob er sich von der Bank. Er würde sich nicht mehr aus der Pension entfernen. Das Erlebnis mit der amerikanischen Patrouille war ihm eine Warnung. Wozu sollte er jetzt noch ein Risiko eingehen, so gering es auch sein mochte?

Ulf stand noch unentschlossen neben der Bank und dachte über die Richtung nach, in die er zurückgehen musste, da kam eine junge Frau auf ihn zu. Sie hatte zwei halbwüchsige, kaum der Pubertät entwachsene Männer im Schlepptau. Die Burschen redeten wild gestikulierend auf sie ein. Die Frau versuchte immer wieder, ihnen auszuweichen, doch die jungen Männer rückten ihr nach. Er hörte, wie sie die Jungen anbrüllte, doch sie ließen sich nicht abschütteln. Als sie an ihm vorbeikamen, stand er auf und stellte sich reflexartig zwischen die Frau und ihre Verfolger. Kaum fixierte er die Halbwüchsigen, wurde ihm bewusst, wie unüberlegt er gehandelt hatte. Er durfte nicht auffallen, auf keinen Fall die Aufmerksamkeit der Meraner auf sich ziehen. Verrat lauerte überall. Überall konnten wieder amerikanische Patrouillen auftauchen.

Die Jungen redeten in Italienisch auf ihn ein und traten einen Schritt auf ihn zu. Er verstand nichts. Die Frau war hinter seinem Rücken stehen geblieben und verfolgte die Szene. Ulf sagte nichts. Er fixierte sie und schüttelte den Kopf. Schließlich drehten sie sich um und gingen. Ulf schaute ihnen nach. Aus der Ferne zeigten sie ihm ihre Mittelfinger. Doch Ulf zuckte nur die Schultern und drehte sich zu der jungen Frau um. "Tut mir leid. Ich hoffe, ich habe nichts falsch gemacht. Ich dachte, die beiden belästigen Sie." "Die beiden haben mich verfolgt wie läufige Hunde. Ich mag das nicht", antwortete sie und lächelte ihn an.

Erst jetzt konnte er sie genauer betrachten. Ihre langen, dunkelblonden Haare fielen ihr, gebunden in einem dicken Pferdeschwanz, über die Schultern. Ein leichtes, geblümtes Sommerkleid ließ trotz ihrer Jugend eine frauliche, sehr schlanke Figur erahnen. Ihre tiefbraunen Augen sahen ihn ruhig an. Er wurde verlegen und rang nach Worten. Schließlich brach er das Schweigen: "Wollen Sie sich nicht einen Moment setzen? Aber ich will Sie auf keinen Fall belästigen." Sie setzten sich wortlos auf die von der Sonne gewärmte Steinbank. Verlegen schauten sie auf den Platz, in dessen Mitte ein paar alte Männer im blassen Halbschatten der Bäume Boule spielten, ein Spiel, das Ulf bereits in Frankreich gesehen hatte. Schließlich brach sie das Schweigen. "Sie sind sicher Südtiroler, hier von der Gegend?" Ihm wurde sofort klar, dass er Gefahr lief, sich zu verraten. Sie musste die Tochter einer gebildeten, Südtiroler Familie sein, so akzentfrei, wie sie sprach. Nur ein kaum hörbares Rollen des "R" verriet ihre Herkunft aus dem Süden.

Sein badischer Dialekt wäre nicht zu verleugnen. Zu behaupten, er sei Volksdeutscher aus dem Banat oder dem Sudetenland, konnte er nicht riskieren. Nach kurzem Zögern antwortete er: "Nein, ich komme aus dem Badischen. Meine Eltern habe ich im KZ verloren, ich habe den Krieg überlebt, versteckt in einem katholischen Internat. Ich bin jetzt auf dem Weg nach Rom, ich möchte Priester werden." Er hatte ohne nachzudenken auf die Geschichte von Ferdi, seinem Klassenkameraden, zurückgegriffen.

"Versteckt? Wieso denn versteckt? Wollten Sie nicht zum Militär, waren Sie fahnenflüchtig? Aber dann hätten die Mönche Sie ja nicht versteckt." Sie schaute ihm fragend in die Augen.

"Nein, um Gottes willen, fahnenflüchtig! Nie im Leben!", fuhr es aus ihm heraus. Er stockte sofort und senkte verlegen den Blick auf den Boden. "Meine Großeltern sind zum Christentum, zum Katholizismus, konvertiert. Das hat nichts genützt. Der Ariernachweis ist trotzdem nicht geglückt. Jetzt will ich nur noch weg und versuche nach Rom zu kommen."

"Ach herrje! Ich hoffe, ich habe dich nicht verletzt. Ich weiß, wie schwer es ist, das alles zu erzählen", antwortete sie und rückte unmerklich ein Stück näher zu ihm hin, indem sie seinen Unterarm vorsichtig berührte. Er schaute nicht auf. Sein Blick schien sich am Boden festsaugen zu wollen. Sie schwiegen einen Moment, bis sie ihre Hand von seinem Unterarm löste, von ihm abrückte und sich aufrechter hinsetzte.

Zur zweiten Leseprobe: Die Jüdin Hannah

© "Nur der Tod vergisst" - Texte sowie Abbildung des Buchcovers: Autor Peter Hakenjos

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