Sehnsucht nach dem Tod

Leseprobe aus dem Buch "Ein Huhn lernt krähen" von Monika Linn

Buch lesen: Ein Huhn lernt krähen

Ich schloss die Augen, vorsichtig nahm ich die Nuss in den Mund, zerbiss sie, sie schmeckte wie eine weiche, süße Mandel. Innen war sie gefüllt mit einer Sirup ähnlichen Flüssigkeit, warm lief sie in meinen Magen, schmeckte nach mehr. Ich war so hungrig, wollte mehr davon essen.

"Halt!" Bevor ich weitere Nüsse in meinen Mund tun konnte, hielt mir das Mäuschen die Hand fest. "Du musst einige Stunden warten."

Lange wie eine Sekunde der Ewigkeit schien das Warten. Die Mäuschen saßen im Kreis um mich, schwiegen, schauten mich hungrig und voll Hoffnung an.

"Seltsam!" "Ja?" Die Mäuschen sprangen fast gleichzeitig in die Höhe. "Was ist seltsam?"

"Es scheint hier keine Nacht zu geben."

Enttäuschung, groß wie die eines Kindes das statt der erwarteten Puppe zu Weihnachten einen Pullover erhält, machte sich auf den Gesichtern breit.

"Wie geht es deinem Magen?"

Wieder diese großen fragenden Augen.

"Meinem Magen geht es gut, er hat noch Hunger. Ich glaube, ich werde noch ein paar dieser köstlichen Nüsse essen."

Blind vor Gier stürzten wir alle los, holten uns mehr von diesen Nüssen. Stopften den Mund voll, bissen hinein, der Saft lief überall hin. Eine sinnliche Lust nach Nahrung ließ uns taumeln bis wir satt und müde auf den Boden sanken und einschliefen.

Süß waren unsere Träume, nichts störte unseren Schlaf. Nur ein leichtes, nach Honig riechendes Aufstoßen zeigte an, das da jemand lag und schlief.

Als ich wach wurde, waren alle beschäftigt. Einige gruben Gänge in die Erde, andere sammelten Nüsse ein, ein paar schienen die Gegend zu erkunden.

"Was tut ihr da?"

"Wir bauen uns eine Heimat."

"Aber ihr wisst nichts von dieser Welt. Wie könnt ihr so sicher sein?"

"Wir sind unsicher, doch was sollen wir tun? Wo sollen wir hin? Eine andere Welt kann noch gefährlicher für uns sein. Wir werden uns eine Höhle graben, in der wir geschützt sind und in der unsere Nachkommen friedlich spielen können. Wenn wir alt sind, erzählen wir unseren Enkeln von der Eroberung dieser Welt und der großen Menschin, die einst unsere zweifelnde Gefährtin war. Bleibe bei uns, baue dir ein Haus und lebe glücklich mit uns hier."

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"Wie kann ich glücklich sein ohne Namen und ohne Gefährten?" Ich bin alleine. Nie werde ich meinen Nachkommen die Geschichte dieser Welt erzählen denn ich werde keine Kinder haben. Namenlos einsam wird mein Leben hier enden."

"Wir werden dir Gesellschaft leisten, und wir werden dich ehren, denn du hast uns zu unserer Freiheit verholfen."

Ich wusste um seine Aufrichtigkeit, er würde tun, was er gesagt hatte.

"Ich werde einige Zeit bleiben, schauen, was für eine Welt dies ist. Doch zu groß wäre ein Versprechen für immer. Wenn die Sehnsucht nach einem Namen und meinem zu Hause mein Herz zerspringen lässt wie eine Eispfütze unter den ersten Frühlingssonnenstrahlen, dann werde ich weiter ziehen."

Ich begann mich umzuschauen, nichts hatte sich verändert. Die Sonnen kreisten am Himmel, das leise Klingeln war die Musik dieses Tages.

Manche der Stängel waren ohne Rispen, die schnitt ich ab, die Mäuschen halfen mit ihren flinken Zähnchen mit. Dann suchte ich mir lange Lianen und begann, mir eine Art Hütte zu bauen.

"Ich hoffe, es gibt keine kalten Winter hier. Das ist ein einfacher Unterschlupf, der Regen abhalten mag. Vor Kälte wird er mich kaum schützen."

"Wenn es kalt wird, bauen wir dir eine große Höhle, dort wirst du sicher sein."

Eifrig waren die Mäuschen beschäftigt, sich eine Heimat zu bauen. Ich half ihnen und ich beobachtete diese Welt. Gleichmäßig wie in einer Fabrik gefertigte Bausteine war das Leben hier. Die Farben änderten sich kaum. Morgens kamen die Sonnen, um abends ganz plötzlich einem seltsamen Mond Platz zu machen. Es wurde ein wenig dunkler, wenn er am Himmel anfing, seine Bahnen zu ziehen. In einer Art zick zack überquerte er einmal den ganzen Himmel. Dann drehte er sich um und legte den Weg wieder in diesem seltsamen zick zack zurück. Dreimal geschah dies, dann verschwand er und die Sonnen kamen wieder.

Seltsam war auch, dass dieser Mond auf der einen Seite ganz weiß, ohne Schattierungen oder Flecken war. Die Rückseite sah aus wie die Blüte einer Passionsblume. Sie war schwarz - weiß mit tödlich aussehenden gelben Fäden in der Mitte.

Tage vergingen, Wochen, Monate, immer der gleiche träge Rhythmus. Nur die Mäuschen waren noch immer eifrig beschäftigt mit ihren Höhlen. Inzwischen hatten sie Nachwuchs bekommen. An manchen Abenden hörte ich ihr Wiegenlied, dann ahnte ich noch etwas von dem, was ich nie zu Ende gesucht hatte.

Träge waren mein Geist und mein Körper geworden, schläfrig ob des gleichförmigen Ablaufes.

Weder Wünsche noch Begierden plagten mich. Ich begann, die Sehnsucht nach meinen Wünschen zu vergessen, während der Zorn über meine vergangenen Qualen schlief, tief verborgen in mir.

Als ich an diesem Abend zum Himmel schaute, sah ich, dass der Mond seine zick zack Bahn änderte. Sie wurde weicher, runder, während seine Form länglicher wurde.

Etwas änderte sich in dieser Welt, der Modergestank wurde schlimmer. An manchen Stellen blubberte es ganz leise aus dem Boden so, als ob der Gestank und die Gase hunderter Leichen nach oben stiegen.

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Gegen morgen wurde es immer feuchter unter meinen Füßen, Wasser stieg nach oben, bereit, in einer riesigen Flut alles hinweg zu schwemmen.

Ich rief, immer lauter drängender nach den Mäuschen, sie schienen besonders fest zu schlafen.

Plötzlich kamen sie eilig angerannt. "Wir müssen weg von hier, Wasser ist überall. Es zerstört unser Heim und tötet unsere Kinder. Lauft, so schnell ihr könnt."

"Halt!" In unseren panischen Lauf hinein dröhnte diese mächtige Stimme. "Ihr könnt nicht einfach davon laufen, ihr habt von dieser Erde gelebt, nun gebt ihr etwas zurück."

Ich drehte mich um und sah, dass aus dem Mond eine Schlange geworden war. Riesig, einer Kobra ähnlich war ihr Körper auf die Erde gekommen. Ihr Passionsblütengesicht hatte ein Maul, das in der Mitte des Gesichtes war und dessen Giftzähne weit leuchteten. Ohne Vorwarnung stieß er nach vorne, um sofort ein paar der Mäuschen zu beißen und zu verschlingen.

Wieder biss er zu, dieses Mäuschen war mein Gefährte, mein Trost in den Höhlen.

Rasender Schmerz zog durch meinen Körper, ich fühlte den Rubin des Zornes in meiner Hand, stellte mich vor die Schlange und schrie: "Lass sofort das Mäuschen gehen."

Langsam legte die Schlange das Mäuschen auf den Boden, dann schaute sie mich an.

"Ich werde jetzt das Mäuschen holen."

"Warum willst du das tun, es ist tot."

"Es ist egal ob es tot ist. Ich möchte es haben."

"Es dient mir als Nahrung so, wie meine Früchte ihm als Nahrung dienten."

Ich holte den Rubin aus der Tasche, hielt ihn vor mir wie ein Schwert, bewegte mich langsam auf die Schlange zu.

"Halt!" Wieder dieser magisch feste Ruf, der meine Füße zwang, stehen zu bleiben.

"Wenn du näherkommst, werde ich dich töten. Es wird eine Verschwendung sein. Du kannst meinem Körper keine Nahrung geben.

Das Mäuschen war dein Gefährte, ich sehe deinen Schmerz, doch wisse, es hatte ein gutes Leben, nun muss es gehen. Ich gestatte dir ein paar Minuten mit ihm alleine, dann wirst du eine Entscheidung treffen. Du wirst gehen müssen oder sterben."

Groß wurde meine Sehnsucht nach dem Tod. Leicht wäre das Leben, kein Kampf, kein Abschied, keine Schmerzen mehr.

Verführerisch wiegte sich der Schlangenkörper, mild blickten seine Augen mich an: "Ich gebe dir, was du wünschst, bleibe. Schmerzlos schnell wird mein Tod für dich sein, wünsche, so wird es geschehen.

Ich gewähre dir diesen Trost. Doch wisse, niemand kann dir sagen, ob es leicht für dich sein wird."

Ich sah seine verführerischen Augen, drehte mich um und begann, ohne einen Blick zurück meinen Weg in das Leben zu gehen.

Hinweis: Die Buch-Ausgabe ist derzeit nicht mehr erhältlich.

© "Sehnsucht nach dem Tod" - Leseprobe sowie Abbildung des Buchcovers mit freundlicher Genehmigung der Autorin Monika Linn

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