Die Jüdin Hannah in Meran

Leseprobe aus "Nur der Tod vergisst" von Peter Hakenjos

Buchtipp: Nur der Tod vergisst

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Dann begann sie zu reden, indem sie einen imaginären Punkt hinter der gegenüberliegenden Fassade eines der weiß getünchten, niederen Häuser anstarrte. "Ich kann mir vorstellen, wie es dir geht. Meine Eltern sind auch im KZ gestorben. Von meiner Verwandtschaft sind alle tot bis auf meinen Bruder, der 1937 nach Amerika geflohen ist. Wir anderen wollten nicht auf ihn hören, bis es zu spät war. Ich komme aus Auschwitz. Ich bin auf dem Weg nach Palästina. Südtirol ist für uns eine der wenigen Möglichkeiten illegal nach Palästina zu kommen. Hier sitzen Verbindungsleute, die uns weiterhelfen", sagte sie, während sie weiterhin den unsichtbaren Punkt irgendwo in weiter Ferne anstarrte.

"Scheiße! Auschwitz überlebt! Du?", brach es aus Ulf heraus. Doch er konnte nicht weiter sprechen, irgendetwas blockierte seine Stimmbänder. Er löste seinen Blick vom Boden und schaute sie an, um dann sofort wieder ihrem Blick auszuweichen. Er hielt es auf der Bank nicht mehr aus. Als er aufstand, löste auch sie sich von ihrem Sitz und stellte sich neben ihn. Sie spürte seine Anspannung. Wieder berührte sie seinen Unterarm und begann zu sprechen: "Komm, wir sehen uns ein wenig Meran an. Ich heiße übrigens Hannah." Sie hängte sich vorsichtig bei ihm ein, doch als sie spürte, wie er sich dabei verkrampfte, ließ sie ihn langsam wieder frei. Sie wanderten schweigend durch Meran, bis es an der Zeit war, sich zu entscheiden.

Ulf sah nicht mehr, wie das warme Abendlicht in den Platanenblättern spielte und sich das Treiben auf den Gassen langsam zerstreute. Er dachte nur noch an die Frau, die schweigend neben ihm lief und deren Familie ein Opfer von Menschen geworden war, die seine Kameraden waren. Warum war es ihm nie gelungen zu sterben? Hannah blieb abrupt vor einem der niedrigen Häuser stehen und wies in das Dunkel einer Arkade, hinter der schemenhaft eine schmale Haustür zu erkennen war. "Hier wohne ich. Eine kleine Pension, ich kann sie mir nur leisten, weil mir eine jüdische Organisation hilft. In ein paar Tagen geht es weiter nach Palästina. Aber darüber müssen wir uns jetzt nicht unterhalten. Kommst du mit hoch?" "Ich weiß nicht, ich denke, ich sollte nicht. Weißt du, nach all dem was war und ..." "Mach' dir keine Sorgen. Wir müssen heute nicht an das Vergangene denken. Komm einfach nur mit", unterbrach sie ihn, hakte sich bei ihm ein und zog ihn mit sich fort.

In ihrem Zimmer hing an der weiß getünchten Wand neben der Tür ein hölzernes Kruzifix. Über dem Bett sah ihnen Jesus aus einem riesigen, gerahmten Kunstdruck in einem Goldrahmen entgegen. Er hielt inmitten einer mondbeschienenen Landschaft segnend seine Hände über den engen Raum ausgebreitet. Hannah sah Ulf einen Moment lang lächelnd an, schaltete das trübe Licht einer Hängelampe aus weißem Milchglas an und öffnete die Fenster, um die Klappläden zu schließen. Ein schwacher, rötlicher Lichtstrahl drang durch die dichten Lamellen der Holzläden.

Ohne etwas zu sagen, drehte sie sich zu Ulf um und küsste ihn mit einer flüchtigen Bewegung. Er erwiderte ihren Kuss, ohne seine Lippen zu öffnen. Still zog sie ihre Bluse aus. Ulf beobachtete sie, unfähig etwas zu tun. Sie stand nackt vor ihm und fuhr mit ihren Fingern durch seine Haare. Seine Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt, und er sah ihren fragenden Blick. Sie öffnete ihm mit den sicheren Bewegungen einer Frau, die sich ihrer Anziehungskraft bewusst ist, die Hose, umarmte seine Hüfte und fuhr mit ihren Fingerkuppen zärtlich über seinen Rücken, um ihm schließlich das Hemd über den Kopf auszuziehen. Als er ebenfalls nackt vor ihr stand, zog sie ihn mit sanftem Druck zu sich auf das Bett und deutete ihm, sich auf den Bauch zu legen. Mit ihren Fingernägeln massierte sie seinen Rücken und ließ ihn ihre weiche, warme Haut spüren, strich liegend mit ihrem Busen über seinen Rücken, ließ sich von ihm fühlen und fühlte ihn mit ihrem ganzen Körper. Schließlich drehte er sich um. Sie sah ihn mit weit geöffneten Augen an. "Tut mir leid. Ich glaube, ich bin noch nicht so weit", begann er endlich mit versagender Stimme zu sprechen.

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"Das macht doch nichts. Ich verstehe es gut. Wir werden die Bilder in unserem Inneren nicht los. Sie verfolgen uns. Auch Liebe hat ihre Zeit." Sie setzte sich auf die Bettkante und holte aus der Nachttischschublade eine zerknüllte Zigarettenpackung, zog eine Zigarette heraus und zündete sie an. Er sah im Dämmerlicht den roten Punkt, der mit jedem Zug hell aufleuchtete. Sie seufzte tief. "Weißt du, ich habe Auschwitz nur überlebt, weil ...", und plötzlich hörte er, wie sie zu schluchzen begann. Er setzte sich neben sie und umarmte sie. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter, und er fühlte ihre Tränen an seiner Brust. Ihr Haar roch gut. Sie kramte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und schnäuzte sich, schwieg einen Moment und begann wieder zu sprechen: "Du warst seit unendlich langer Zeit der erste Mann für mich, den ich ... ach du weißt. Ich habe das Lager nur überlebt, weil ein Schwein von SS-Offizier, der die Einteilung in die Vergasungskammern machte, mit mir ins Bett wollte. Er ließ mich heraustreten. Ich sehe nun mal sehr germanisch aus. Die anderen sah ich das letzte Mal. Mich hat er in ein ...", sie hörte abrupt auf zu reden.

"In ein was?", fragte Ulf zurück. Doch sie schwieg. Die Stille wurde unerträglich, daher fuhr er fort: "Jetzt sind wir hier, Hannah, jetzt sind wir hier in Meran. Alles ist vorbei", mit diesen Worten drückte er sie fest an sich.

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"Ja, ich bin hier. Er hat mich in das Lagerbordell gebracht. Mit dem Aufseher im Bordell hat er geredet. Ich durfte mich nach langem richtig waschen, essen. Und kaum war es dunkel, musste ich für mein Überleben bezahlen. Er hat sich über mich hergemacht. Ich habe mich nicht gewehrt. Es wäre mein Tod gewesen. Seine Geilheit hat mich gerettet. Immerhin war es so etwas wie Liebe." Sie lachte hysterisch auf. "Hätten sie ihn erwischt, wäre er fällig gewesen. Die SS-Leute hatten ihren eigenen Puff. Wir waren nur für Lagerinsassen da, die sich verdient gemacht hatten. Ich aber war für ihn reserviert. Er kam oft, immer nach dem Dienst. Irgendwann hatte er genug von mir, oder er hat kalte Füße bekommen. Groß geredet hat er nie mit mir. Da wurde ich dann ganz normale Lagerhure. Sie haben mich als deutsche Asoziale ausgegeben. Ich habe das Spiel mitgespielt. Ich wusste, was mit mir passieren würde, würde ich die Wahrheit sagen."

Einen Moment blieb sie still neben ihm sitzen. Dann nahm sie sanft seine Hand und streichelte sie. Ulf ließ es still gewähren. Schließlich stand sie langsam auf, um zum Lichtschalter zu gehen. So schwach das Licht der funzeligen Birne auch war, sie mussten sich doch erst wieder an die Helligkeit gewöhnen. Ohne Hast begann sie sich anzuziehen und auch Ulf machte sich daran, seine Kleidung zusammenzusuchen. Plötzlich fühlte er, dass etwas geschehen sein musste. Er blickte hoch. Hannah war kreidebleich geworden. Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er verharrte einen Moment. Er hatte sich verraten. Beim Ankleiden hatte sie seine Tätowierung unter dem Ellenbogen gesehen.

Seine Gedanken jagten durch sein Hirn, ohne dass er einen davon festhalten konnte. Da brach sie ihr Schweigen: "Du Schwein! Du gottverfluchtes Schwein! Verschwinde sofort, bevor ich die Amis rufe. Ich will keinen von euch Verbrechern je wieder in meinem Leben sehen. Und ich hätte dich fast ..., ausgerechnet so ...", sie begann wieder haltlos zu schluchzen, wischte sich mit ihrem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Dann starrte sie ihn wieder fassungslos an. Hilflos senkte er den Blick, um sofort wieder den Kopf zu heben und sie flehend anzusehen. Er ging einen halben Schritt auf sie zu. Doch als sie die Augen weit aufriss und erschrocken zurückwich, blieb er abrupt stehen, drehte sich um und zog hastig sein Hemd über den Kopf. Er begann mit zitternden Fingern, die oberen Knöpfe zu schließen. Schließlich hastete er zur Tür.

Als er die Klinke herunterdrückte, hörte er ihre leise Stimme: "Warum nur? Warum ich? Liegt ein Fluch auf mir? Muss ich es immer mit euch zu tun bekommen? Erst bringt ihr meine Eltern, meine Freunde um, dann rettet mich einer, um mich als Hure zu benutzen, und jetzt schleichst du dich bei mir ein, um, um ..." Ulf drehte sich zu ihr hin und schaute sie an. Als er die Tränen in ihren Augen sah, aus denen die Wut gewichen war, versuchte er, sich zu beherrschen. Es gelang ihm nicht. Seine Augen wurden feucht. Er wusste, er konnte ihr nicht helfen, nichts entschuldigen, nichts erklären. Er ließ sich auf die Knie fallen und begann zu schluchzen. Es war sinnlos, sich zurückzuhalten.

Zur dritten Leseprobe: Der einzige Wunsch

© Textauszug "Die Jüdin Hannah" sowie Abbildung des Buchcovers: Autor Peter Hakenjos

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