Warten auf den Eilbrief

Leseprobe aus dem Buch "Ein Huhn lernt krähen" von Monika Linn

Lesen: Ein Huhn lernt krähen

"Hol mal den Atlas aus dem Schrank, ich muss nachschauen, wo Nepal ist." Zu einer Zeit, da Nepal nur ein Geheimtipp für wenige Hippies war, während Horden von Pauschalreisenden Thailand schon überfielen, musste sie in dem Familienatlas schauen, wo dieses Land lag.

"Ah, da ist ja der Himalaja und der Mount Everest, nun weiß ich, wo Nepal liegt. Wenn alles klappt, soll ich da hin."

Stolz blickte sie in die Runde, sah eine ehrfürchtig ängstliche Mutter, die mit einem gequälten Lächeln begriff, dass ihre Tochter wieder zu entschwinden schien. Sah einen stolzen Vater, dessen Freude darüber, dass die Tochter so einen Traum leben wollte, ihn seine Mühen um Alltag und Wohlgelingen der Kinder vergessen ließ.

Jawohl, das war seine Tochter, sie war ihm ähnlicher als jedes seiner anderen Kinder und nun wollte sie weg, um armen kleinen Negerkindern oder ähnlichen zu helfen. Er war stolz auf sie.

Sie hatte ihr Examen bestanden und die Auswahl dessen, was vor ihr lag, bohrte brennende Nägel in ihre Lebensplanung, brannte den vorgezeichneten Weg in eine Steinwüste der Langeweile.

Arbeiten, Mann finden, heiraten, Kinder bekommen, alt werden. Wie ein Schmied heißes Eisen schlägt, hämmerte die Tristesse dieses Weges Löcher in ihre Gedanken.

Es war ihre fast unbändige Lust auf "weg von zu Hause." Und, es war die Flucht vor der Unausweichlichkeit des Satzes: Du wirst ja sowieso mal heiraten, der sie diese Bewerbung an den Deutschen Entwicklungsdienst schreiben ließ. So hoffte sie wieder, dem vorgezeichneten Frauenschicksal zu entkommen.

Ihren Entjungferer hätte sie, trotz seines Alters, geheiratet als eine Art von: "So etwas geschieht nun mal im Leben!", das ist Frauen Los. Dem Mann, dem du dieses Häutchen überlässt, ihm schenkst du auch deine Kinder, deine Träume, dein Leben, ihn heiratest du.

Noch ein paar Mal war er gekommen, zu ihr und in ihr. Als sie der Autositze überdrüssig wurde und die heilige Lust noch immer weg war, vermutlich unter irgendwelchen Kirchenbänken schlief, wollte sie endlich sein Bett und sein zu Hause kennenlernen.

Pikiert antwortete er auf ihre Frage, das geht doch nicht, meine Frau ist zu Hause. Das hast du doch gewusst oder?

Na klar hatte sie es gewusst, es war ihr in der heiligen Lust mal eben entfallen.

Sie schickte ihn bald darauf weg, ihre Jungmädchenträume nach der Lust konnte er so wenig erfüllen, wie die Ansprüche ihrer Eltern nach einem Ehemann. Sie würde jemand anderen finden müssen, der ihre Träume wahr machte. So vage wie seine Äußerungen war das Gefühl der Zufriedenheit, dass er hinterließ, unbeeindruckt, unverletzt und immer noch unwissend war sie.

Entgegen allen Zeitschriften-Ratschlägen und Dr. Sommer Prognosen über die Relevanz des Entjungferers hatte sie ihn bald vergessen. Sie konnte sich nie mehr an seinen Namen erinnern. Nur die Automarke, die wusste sie noch immer.

Zwei andere, mögliche Heiratskandidaten hatte sie sehr schnell wieder verloren, beide an ihre jeweiligen Zimmerkolleginnen, die schneller als sie waren und sie samt einem Versprechen auf ein glückliches Familienleben "einfingen". Nie interessierte sie es, ob dieses Versprechen auch wahr wurde.

In einer Zeit, in der Mann die freie Liebe proben konnte, und Frau endlich ihre Angst vor ungewollter Schwangerschaft im Zaum halten konnte, musste man tolerant sein für die Gehversuche der Geschlechter. Keine 68erin hätte es gewagt, von Treue zu sprechen. So altmodisch war sie keinesfalls.

So hatte sie ihr Examen bestanden, war wieder nach Hause gekommen. Unterwegs hatte sie einen potenziell neuen Ehekandidaten kennengelernt, als sie einen Besuch bei ihrer Schwester in Mainz machte.

Irgendwelche Versuche, mit ihm die heilige Lust auszutesten, waren noch zu leisten. Wenn sie ihn so ansah, vernichtete sein freundliches Knabengehabe jegliche Neugier an einem Versuch. Besser als all diese Zukunftsillusionen schien ihr der Weg in ein anderes Land zu sein.

So bewarb sie sich bei einer Organisation, die junge Leute ins Ausland schickte, Frieden und Wohlstand in ärmere Länder zu bringen, im Namen Deutschlands. Jawohl sie würde eine Repräsentantin der deutschen Tugenden im Ausland sein. Sie wurde zusammen mit vielen anderen Bewerbern eingeladen zu einem zweitägigen Vorstellungs- und Informationsgespräch. Am Abend des ersten Tages, als die ungeeigneten Bewerber nach Hause geschickt waren, während der Rest auf die tropenmedizinische Untersuchung wartete, gab man ihr eine Akte in die Hand. Sie solle doch mal lesen, ob sie sich da einen Einsatz vorstellen konnte. Sie tat so, als würde sie lesen war aber viel zu aufgeregt, um ein Wort zu verstehen: Es ging um die Mitarbeit in einem Landjugendprojekt in Nepal.

Dorthin sollte sie reisen, um zusammen mit einer nepalesischen Mitarbeiterin, einer ausgebildeten Hauswirtschaftslehrern, Mädchenklubs zu gründen, diese zu betreuen und den Mädchen verschiedene Fertigkeiten beizubringen. Sie hatte als Jugendliche zu Hause einen katholischen Mädchenklub gegründet. Diese Erfahrung war hier gefragt, keine Tätigkeit als Krankenschwester.

Vorsichtige, schüchtern vorgebrachte Bedenken von ihr, ob sie den fähig wäre, diesen Anforderungen zu genügen, wurden zur Seite gewischt. Ein Entwicklungshelfer musste flexibel sein, man brauche sie, das Programm lief schon und es fehlte noch eine deutsche Mitarbeiterin, denken sie, sie können das?

Selbstverständlich konnte sie! Sie konnte alles für diese Chance. Sie hatte zwar noch immer keine Ahnung, um was es ging, aber selbstverständlich konnte sie.

Am nächsten Tag war die Untersuchung auf Tropentauglichkeit, wenn die in Ordnung war, würde man sie gerne nehmen. Dann schickte man sie an diesem kalten Märztag nach Hause. Der Vorbereitungskurs in Berlin würde am 1. April beginnen, sie würde Bescheid bekommen.

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So saß sie in dem gutbürgerlichen, elterlichen Wohnzimmer, schaute immer wieder auf den Atlas. So, als könne allein ihr Blick den Brief, der sie nach Berlin und in die Welt schicken würde, herbeirufen.

Sie hatte inzwischen eine Stelle als Krankenschwester in einem Krankenhaus in der Umgebung bekommen. Nach Hause fahren wurde zu einer einzigen Sehnsucht nach dem Briefkasten. Nie war sie schnell genug um ihre Ungeduld zu befriedigen. Nichts, keine Post da für sie.

Sie hätte sich den täglichen Gang zum Briefkasten sparen können, ihre Mutter schaute immer nach. Trotzdem es doch sein könnte, dass ihre Mutter den kostbaren Brief übersehen hat. Nein, sie hat nicht.

Ende März, keine Nachricht, Anfang April noch immer keine Nachricht. Die Linse ihres Fernglases für eine glänzende Zukunft hatte sich eingetrübt. Wieder war ihre Lebensplanung reduziert auf die drei K's.

Sie arbeitete noch immer in dem Krankenhaus. Ihr knäbischer Freund weckte nach wie vor keine heilige Lust in ihr, als am 3. April ein Anruf ihrer Mutter kam: "Komme schnell nach Hause, da ist ein Eilbrief für dich."

Hinweis: Die Buch-Ausgabe ist derzeit nicht mehr erhältlich.

© Textauszug "Warten auf den Eilbrief" sowie Abbildung des Buchcovers mit freundlicher Genehmigung der Autorin Monika Linn

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