Wenn ein Brief von Gott im Briefkasten liegt

Buchbesprechung zu "Die Hütte: Ein Wochenende mit Gott"

Ein Roman des kanadischen Autors William Paul Young

Die Hütte: Ein Wochenende mit Gott

Den Autor trieb schon immer die Frage um, die sich mit der Vorstellung von einem allmächtigen Gott verbindet: "Wie kann ein allmächtiger Gott so viel Leid im Leben von Menschen zulassen?"

Ursprünglich war nur eine Niederschrift von der Phantasie entsprungenen Gesprächen mit Gott für Youngs Kinder beabsichtigt und er glaubte, sich nicht an Regeln der Buchgestaltung halten zu müssen, wie er selbst in seinem Bericht über die Entstehung darlegt. Irgendwann befiel ihn die Lust, das Geschriebene anderen vorzulegen. Auf diese Weise fand er drei professionelle Helfer. Die gemeinsame Absicht wurde, ein Buch zu verfassen, das als Vorlage für einen abendfüllenden Film dienen konnte.

Willie, der beste Freund des Handlungsträgers Mackenzie, genannt Mack, dessen Vorwort mit der Ankunft des Briefes beginnt, fungiert auch als Erzähler vom Beobachterstandpunkt her und gibt noch ein abschließendes Nachwort.

Ich habe selbst erfahren, dass William Paul Young mitreißend schreiben kann. Das traurige Schicksal von Macks jüngster Tochter kannte ich schon vom Covertext her und aus Willies Einleitung. Aber als zum Handlungsbeginn die Geschichte von ihrem Verschwinden, der Suche und ihrem traurigen Ende erzählt wird, da habe ich mitgefiebert und mitgetrauert.

Nachdem die letzte Spur von Missy gefunden wurde, ihr blutiges zerrissenes Kleidchen neben einem Blutfleck auf dem Boden vor dem Kamin eines zerfallenden einstigen Siedlerhäuschens, beginnt für Mack "die Große Traurigkeit". Und ich konnte sie als Leser nachempfinden.

Vier Jahre später findet Mack ein unfrankiertes Couvert in seinem Briefkasten. Darin einen Brief, in dem er aufgefordert wird, zu der Hütte zu kommen. Unterschrieben mit "Papa". So nennt Macks Frau Gott. Trotz einiger Zweifel sucht Mack die Hütte auf und findet dort alles beim Alten. Aber dann geschieht eine wundersame Verwandlung: Aus der Winterlandschaft wird eine Frühlingslandschaft, aus der maroden Bretterhütte ein gemütliches Blockhaus. Und darin findet Mack sowohl Gottvater als auch den Sohn und den Heiligen Geist. Die Mitglieder der Dreifaltigkeit haben irdische Gestalt angenommen, wobei der Autor sehr korrekt beachtet, dass Gott ja weder einer Rasse noch einem bestimmten Geschlecht angehören kann.

Als Leser war ich dankbar dafür, dass das Geschehen nun ruhiger ablief. Die Gestalten gewordenen Wahrnehmbarkeiten Gottes wollen natürlich Mack von der Traurigkeit heilen, aber das größte Hindernis ist er selbst. So sind auch die Gespräche entsprechend langwierig. Der Autor erweist sich als recht sattelfest in Theologie und legt den Mitgliedern der Dreifaltigkeit biblische Argumente gegen Macks Vorwürfe in den Mund. Darunter mehrfach, dass der Mensch ja seit Adam auf seiner Selbständigkeit bestehe und nur zu führen sei, wenn er von sich aus auf diese verzichte. Fast ebenso oft wird betont, dass Gott ja nicht böse sei, wie Mack denke, und Übeltaten, die Menschen einander zufügen, nicht dazu benutze, die Betroffenen zu strafen.

Dazwischen auch bemerkenswerte Sätze wie: "Ein Kind wird beschützt, weil es geliebt wird, nicht, weil es ein Recht darauf hat, beschützt zu werden." Oder: "... zu urteilen, bedeutet nicht, Dinge zu zerstören, sondern sie in Ordnung zu bringen."

Schließlich wächst der Dreifaltigkeit noch eine weitere Helferin zu: Sophia, die Weisheit Gottes, in Gestalt einer schönen Frau mit wohltönender Stimme. Auf dem Weg zu ihr lernt Mack, dass auch er über Wasser gehen kann, aber nur mit Jesus! Sophia lässt Mack zunächst die Subjektivität der menschlichen Auffassung von Gut und Böse erkennen, nach dem Muster: Gut ist, was mich erfreut.

Der Kernpunkt des von mir ebenfalls als langwierig empfundenen Gesprächs scheint mir die Phase zu sein, als Mack gezeigt wird, dass das, was er von Gott als Gerechtigkeit verlangt, auf ihn übertragen bedeuten würde, dass er von seinen fünf Kindern zwei der ewigen Verdammnis preisgeben müsse. Gott liebe ebenso alle seine Kinder wie Mack selbst. Und wie er sich in dem Falle für seine Kinder opfern wolle, habe Gott dies in Jesus für die Menschen getan.

Am Ende dieses Gesprächs spürt Mack, dass ihn "die Große Traurigkeit" verlassen hat.

Vor Macks Rückkehr in die irdische Welt nimmt Gottvater die Gestalt eines älteren Mannes an, zeigt Mack die Markierungen, die Missys Mörder hinterlassen hat auf dem Weg zum Versteck ihrer Leiche. Der Vater darf die sterblichen Überreste seines Kindes zum Blockhaus tragen. Dort hat Jesus bereits einen schönen Sarg gezimmert und Madame Heiliger Geist schöne Pflanzen bereitgelegt. Das Mädchen wird im Garten des Blockhauses begraben, der ja Macks Seele darstellen soll. Missy hat eine Ruhestätte in der Seele ihres Vaters.

Später, zurück in der irdischen Welt, ist Mack in der Lage, die Polizei zum Versteck der Kinderleiche zu führen. Anhand der gesicherten Spuren kann der Mörder überführt werden.

Da unterläuft dem Übersetzer im vorletzten Abschnitt ein kleiner Fehler, der mich aber stört: "Danach dauerte es nur wenige Wochen, bis mithilfe der in der Höhle sichergestellten Beweise der Kleine Ladykiller aufgespürt und verhaftet werden konnte." Hier muss das "klein" sich ausdrücklich auf "ladies", also in dem Zusammenhang kleine Mädchen, beziehen. Nun ja.

Für mich insgesamt ein Buch, das man wohl lesen kann. Trotz Längen bleibt die Spannung aufrecht. Die heile Welt in und um das Blockhaus war mir noch erträglich, und ich habe einiges zum Nachdenken mitgenommen.

Dass dieses Buch dem Zweifler die Zweifel nehmen, dem Traurigen die Trauer und dem Hoffnungslosen neue Hoffnung gebe, wie das Christliche Medienmagazin pro auf der Rückseite des Covers zitiert wird, kann ich allerdings nicht nachvollziehen.

Der Roman "Die Hütte: Ein Wochenende mit Gott" liegt im Buchhandel als Taschenbuch, gebundene Ausgabe, E-Book und als Hörbuch vor.

© "Wenn ein Brief von Gott im Briefkasten liegt": Eine Buchbesprechung von Friedrich Treber, 03/2018. Rezensiert wurde die Neuausgabe im Ullstein Taschenbuch, 19. Auflage 2017.

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