Barettchen - Ein Vorstadtmärchen (1. Teil)

Vor einiger Zeit lebte am Rand einer großen Stadt ein junges Mädchen, das eine Vorliebe für bunte Klamotten hatte. Ganz besonders mochte es ein rotes Barett, das es keck über einem Ohr trug und ohne das man es sehr selten sah. Eigentlich hieß das Mädchen Monika, aber meist rief man es nur "Barettchen", der Mütze wegen. Monika mochte diesen Namen, und deswegen fand sie es spaßig, wenn die Nachbarn lachten und "Na Barettchen, wie geht es denn so?" riefen.

Als sie nun eines Tages aus der Schule kam, war ihre Mutter traurig und erzählte, dass Oma sich böse den Fuß verletzt hatte und nun mindestens vierzehn Tage liegen musste. Die Mutter arbeitete bis zum Abend und bat nun Barettchen, sich nach der Schule um die Großmutter zu kümmern. Die hatte nun wirklich nicht die geringste Lust dazu, nach dem Unterricht noch zum Stadtrand zu laufen, denn da wohnte die Großmutter in einem kleinen Haus mit Gärtchen. Aber das half nun nichts, es gab niemanden, der Barettchen diese Arbeit abnehmen konnte, und so kam es, dass am nächsten Tag ein Mädchen mit gerunzelter Stirn den Zettel las, den die Mutter ihr auf den Küchentisch gelegt hatte.

Da stand alles drauf, was zu der Oma mitgenommen werden musste, und auch sonst noch allerhand... in Acht nehmen, nicht trödeln und so schnell es geht wieder nach Hause kommen. Und natürlich zuerst die Hausaufgaben machen. Letzteres hielt das Barettchen für vernachlässigbar und suchte erst einmal die Luftpumpe, weil ihr Fahrrad natürlich wieder einen Platten hatte. Kurze Zeit später sah man ein Mädchen ohne Fahrradhelm, dafür aber mit einer auffälligen roten Mütze und einem Walkman auf ihrem Rad die Straße entlangflitzen. Am Lenker baumelte eine große, prall gefüllte Einkaufstasche.

Auf dem Weg zur Großmutter gab es mehrere ruhige, baumbestandene Straßen und von Büschen gesäumte Wege, die anstiegen. Auf dem letzten Teil der Strecke musste Barettchen dann endlich absteigen, sie war erstens ziemlich aus der Übung und zweitens außer Atem. Missmutig schob sie ihr Rad den Weg hinauf, als ihr ein älterer Herr freundlich zuwinkte. "Hat mir noch gefehlt", dachte das Mädchen, verzog ihr Gesicht aber doch zu so etwas wie zu einem Lächeln und winkte matt zurück.

Dann blieb sie aber doch stehen, denn das letzte Stück der Steigung schien sich unendlich auszudehnen, außerdem hatte sie entdeckt, dass der Mann einen Hund an der Leine führte. Barettchen mochte Hunde sehr, sie wünschte sich schon einen, seit sie klein war, aber zu Hause durfte man keine Tiere halten, das verbot die Wohnungsgesellschaft. Der Hund des alten Herrn war ein richtig niedlicher kleiner Mischling, schwarz und wollig, und augenscheinlich sehr freundlich, so wie er mit dem etwas kurz geratenen Schwanz wedelte.

Deswegen runzelte das Mädchen die Stirn, als sie den Maulkorb sah, den das Tier trug. Das mochte sie nun überhaupt nicht. "Beißt ihr Hundchen?" fragte sie in ziemlich ungläubigem Ton den Besitzer, der daraufhin traurig den Kopf schüttelte. "Aber nein, Felix ist ein ganz lieber Hund, wo denkst du hin. Der Maulkorb ist zu seinem Schutz, weißt du. Hier in der Gegend sind in letzter Zeit sehr viele Hunde und Katzen vergiftet worden, und da mein Kleiner sich nicht besonders gut beherrschen kann, wenn etwas im Gebüsch liegt, muss er beim Gassigehen dieses schreckliche Ding tragen."

Barettchen war entsetzt. Das niedliche Wollknäuel mochte diesen Lederkorb offensichtlich gar nicht, aber versuchte trotzdem, die Hand des Mädchens zu lecken. Das empörte Mädchen kraulte und streichelte Felix, während sein Herrchen die Geschichte etwas genauer erzählte. Seit etwa drei Monaten waren immer wieder Hunde krank geworden, sie erbrachen sich und bekamen Krämpfe. Einige konnten gerettet werden, aber doch sehr viele starben an dem Gift. Leute im Viertel vermissten ihre Katzen und fanden sie tot im Garten oder brachten ihre todkranken Tiere zum Arzt. Alle Katzen hatten nun Hausarrest, aber immer wieder wurden tote Streuner gefunden. Nachdem Barettchen sich verabschiedet hatte - sie wurde ziemlich fahrig nach einem Blick auf die Uhr - lupfte der Mann den Hut und meinte: "Ich heiße übrigens Wolf."

Die Oma hatte schon auf Barettchen gewartet und saß ungeduldig auf der Klappcouch im Wohnzimmer, die ihr als Bett diente, solange der Fuß noch eingegipst war. Und dann musste sich das Mädchen sehr beeilen, denn es waren einige Wege zu machen: Apotheke, Supermarkt, Drogerie und Zoohandel wegen dem Futter für die beiden Nymphensittiche. Aber Großmutter war in die Küche gehumpelt und hatte trotz ihres Fußes eine schöne Kaffeetafel hergerichtet, als Barettchen zurückkam, und so wurde es richtig gemütlich.

Ja, von den toten Hunden und Katzen habe sie gehört, das sei eine Schande, meinte die Großmutter. Man müsste einem solchen Menschen das Handwerk legen - wenn man nur wüsste, wie man es anstellen sollte. Schließlich wusste ja niemand, wer es war - jeder im Viertel könnte es sein. Das hätte auch der Herr Jäger gemeint, und der kannte sich aus, schließlich war er vor seiner Pensionierung bei der Wach- und Schließgesellschaft gewesen. Ein netter Herr, ein großer Naturfreund und Wandervogel, der stundenlang spazierengehe. In diesem Ton ging es weiter, bis Barettchen sich ernstlich fragte, ob ihre Großmutter vielleicht ein Auge auf diesen Herrn Jäger geworfen habe.

Das Mädchen seinerseits erzählte von Herrn Wolf und Felix. Da meinte die Oma: "Sei aber vorsichtig, Kind. Dieser Wolf ist ein wenig sonderbar, wenn er auch recht nett zu sein scheint. Man weiß nicht, was er im Schilde führt." Barettchen verdrehte die Augen, versprach aber einen gewissen Abstand zu Herrn Wolf zu wahren.

Am nächsten Tag bei Oma wurde das Mädchen mit dem sagenhaften Herrn Jäger bekannt. Der entpuppte sich als korrekt gekleideter Herr mit tadellosem Haarschnitt und hellen Augen. Diese hatten einen Moment auf der schreiend roten Mütze verweilt, um dann die ganze Person Barettchens zu prüfen. Dann hatte Herr Jäger sich abgewandt und weiter durch das offene Wohnzimmerfenster mit der Oma gesprochen, wobei er sich im Wesentlichen über alles Mögliche beschwerte. Über die Mülltonnen, über den Lärm der Rasenmäher und der Kinder, und über die Autos, die halb auf dem Gehweg parkten. Dann wünschte er noch einen guten Tag und ging seines Weges.

Barettchen fiel auf, dass Herr Jäger ein Fernglas um den Hals hängen hatte, denn das passte überhaupt nicht zu seinem Anzug. Aber als sie das der Großmutter sagte, meinte diese, dass ihr Nachbar eben gerne Vögel beobachte. "Vögel, soso", dachte Barettchen.

Der nächste Tag war ein Samstag, deshalb fuhr das Mädchen früher zum Stadtrand. Fast an der gleichen Stelle wie beim ersten Mal sah sie Herrn Wolf und Felix mit einer jungen Frau auf dem Bürgersteig stehen.

Den zweiten Teil des Märchens lesen Sie hier

Erzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet

 zurück Sitemap Ranking-Hits