Das steinerne Brot von Hellinghausen |
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Beide Mädchen hatten sich nie sehr nahe gestanden, doch freute sich an diesem Tage eine über das Glück der anderen. Mit dem eigenen Hausstand begann für jede ein anderes Leben, und so sah man sich seltener, hatte doch jede ihre eigene Familie zu versorgen. Das Schicksal mischt die Karten immer wieder neu, und so verlief das Leben der beiden Schwestern sehr unterschiedlich. Beide Mädchen hatten in Geschäftsdingen begabte Männer geheiratet, und der eine häufte durch kluge Schachzüge Taler auf Taler und baute bald ein herrschaftliches Haus für sich und seine Frau, um mit ihr darin zu wohnen. Die andere Familie hatte ebenfalls ein gutes, wenn auch nicht überreichliches Auskommen und sah ihr Glück in dem reichlichen Kindersegen, der das Haus mit viel Leben und Liebe erfüllte, und an dem die Eltern ihre helle Freude hatten. Hier ging es nicht so steif und vornehm zu wie im Haus der reichen Schwester, aber alle liebten einander und fanden ihre Erfüllung in einem zufriedenen Zusammenleben. So gingen einige Jahre ins Land, als der Familienvater einige unglückliche geschäftliche Entscheidungen traf und einiges von seinem kleinen Vermögen verlor. Man litt zwar keine Not in dem kleinen freundlichen Hause, aber man sah doch etwas mehr auf den Heller. Es waren nun einige Gläubiger zu bezahlen, und es fehlte an einem Kredit, um sich wieder gänzlich zu erholen. Eine Anfrage an die stolze Schwester in dem großen Haus auf dem Hügel am anderen Ende des Ortes kam nicht in Betracht, rümpfte diese doch die Nase über das bescheidene Häuschen der Schwester und brachte kaum einen Gruß über die schmalen Lippen, wenn man sich einmal bei der heiligen Messe begegnete. Aber auch so ging das Leben weiter, und mit Geschick und viel guten Mutes lebte die große Familie recht leidlich weiter und litt keinen wirklichen Mangel. Dann aber erkrankte der Mann, und es wurde hart für die Frau und die sechs Kinder. Die Mutter musste nun zusehen, dass sie etwas Bargeld verdiente, da ihr Mann kaum seinen Pflichten nachkommen konnte und oft an das Bett gefesselt war. Da besann sie sich auf ihre Fähigkeiten und ging, ihre schönen Stickereien zu verkaufen. Die Händler am Ort nahmen die hervorragenden Arbeiten gerne an und verschafften der Frau auch Aufträge. So war wenigstens der Hunger ausgesperrt aus dem Hause, in dem der Ehemann sich kränkte, weil sein Weib für andere arbeiten musste.
Mit dieser Demütigung waren die Leiden für die arme Schwester aber noch nicht am Höhepunkt angelangt, denn kurz darauf verstarb ihr Mann. Nun kamen die Gläubiger zu der Witwe und forderten ihr Häuschen, und mit Mühe wurde eine andere Unterkunft gefunden für die Witwe und ihre Kinder. Fortan wohnten sie in einer verlassenen Hütte am Ortsrand, die vordem einem Schuster gehört hatte und die die Gemeinde nun vermietete für sehr wenig Geld. Die Tage wurden härter für die Mutter und die Kinder. Von Haus zu Haus ging die Witwe und fragte um Arbeit an. So wusch und plättete sie, putzte und schrubbte, und half in den Ställen und Gaststuben aus, bis sie abends todmüde nach Hause zu ihren Kindern kam. Das Geld, das sie verdiente, reichte kaum, um die geringe Miete zu zahlen und die Kinder zu füttern, geschweige denn für mehr. Denn so sind die Menschen - wenn sie etwas billig haben können, zahlen sie freiwillig keinen Kreuzer zu viel. Dann wurden die Kinder eines nach dem anderen krank in der zugigen Schusterhütte, das Brennholz war teuer und somit knapp, und wenn eines mit dem Husten fertig war, fing das Nächste damit an. So ging jeder Groschen dahin, meist noch bevor er verdient war. Die Schwester in all ihrem Überfluss wusste sehr wohl um die Lage der Verwandten, doch war es ihr keinen weiteren Gedanken wert. Im frostklirrenden Winter gab es noch weniger zu tun für die Mutter, und der Verdienst war noch geringer als sonst. Für die Kinder gab es kaum eine Mahlzeit am Tag, und in der dunklen Hütte hörte man nur noch Weinen und Husten. Am Abend eines besonders schlimmen Tages, an dem man die Frau vor fast jeder Türe weggeschickt und die Kinder den ganzen Tag um etwas zu Essen gebettelt hatten, wartete sie, bis die hungrigen Kleinen schliefen. Dann hüllte sie sich fest in ein löchriges altes Tuch und stolperte in ihren Holzschuhen den Hügel hinauf zum Haus der Schwester. Dort angekommen, wollte der Lakai - den sich die stolze Herrin hielt - die Mutter erst gar nicht melden, doch das Bitten und Weinen der Frau wurde von der Schwester gehört. Die stieß nun das Fenster auf und schrie in den Hof hinunter, was das Weib denn wolle. Da bat die arme Frau unter Tränen um ein wenig zu essen für die Kinder. Um Brot wenigstens, damit die Kleinen den nächsten Tag überleben würden.
Die verzweifelte Frau im Hof machte kehrt, aber es kann wohl sein, dass einige Kupferstücke in ihre Hand geglitten waren, bevor der Diener die Türe schloss. Die gotteslästerliche Härte der Hausherrin fand keines Christenmenschen Beifall. Hochbefriedigt rauschte die stolze Schwester nun in ihre Schlafgemächer, um sich ihre wohlverdiente Ruhe zu gönnen. Doch als sie am nächsten Morgen - wie üblich - dem Gesinde in der Küche die Anordnungen des Tages geben wollte, hörte sie schon im Flur, dass etwas Außergewöhnliches im Gange war. Sie riss die Türe zur Küche auf und sah, dass alle Bediensteten miteinander sprachen und sich bekreuzigten. Barsch, wie es ihre Weise war, befahl sie, dass man ihr sage, was vorgefallen war und sich dann zur Arbeit scheren solle. Da wies die Köchin mit zitternder Hand auf die Vorratskammer, wo das Brot aufbewahrt wurde und Laib für Laib auf hölzernen Regalen lag. Und als die Herrin die Kammer betrat und genau hinsah, da erkannte sie, dass alle Laibe versteint waren. Da war ihr, als träfe ein Blitz ihr Herz, und kurz darauf kam sie wieder in die Küche. Aber sie war schrecklich anzusehen, aschfahl mit einem an die Brust gepressten Steinbrot taumelte sie, unverständliche Worte flüsternd, auf die Treppe zu. Doch bevor sie diese erreichte, sank sie mit einem Seufzer nieder und war tot. Nun wurden die Dinge anders geregelt, und der Witwe wurde geholfen. Die hartherzige Schwester wurde in der Kirche aufgebahrt, und das Brot, das sie an sich gepresst hatte, wurde in der Kirche zu Hellinghausen ausgestellt - als Warnung für alle Christen vor Geiz und Hartherzigkeit - und dort kann man es heute noch besichtigen. Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet Lesen Sie auch Die Legende über Peter von Egg
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