Das Lied - Der MusikantTeil 1 der niedersächsischen Sage |
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Meine Mutter nahm mich in der Schürze mit aufs Feld, denn aussetzen konnte keiner bei der Arbeit auf dem kleinen Höfchen, und so lag ich in den kühlen Ackerfurchen allein, wenngleich ich doch viel Gesellschaft hatte an huschendem und summendem Getier. Am Abend ging es heim, die Milchsuppe an guten Tagen und die Wasserbrühe an schlechten war schnell gelöffelt. Sobald ich meine Beine brauchen konnte, wurde ich Kienholz holen geheißen im nahen Wald, und da war es mir auch am wohlsten. Zwei Brüder starben, noch bevor sie recht sitzen konnten, und eine Schwester lag lang an der Schwindsucht nieder, bis sie endlich zum Totenacker gebracht wurde. Mein Bruder verdingte sich bei einem Bauern, drei Tagereisen von daheim, und so war ich das einzige Kind, das übrig war. Mein Vater war der Schwester lang vorausgegangen zum Friedhof, und die Mutter meinte es nicht schlecht, aber sie brachte kaum die Plackerei des Tages noch hinter sich und sprach nicht viel. Da sie kränklich wurde, verkaufte sie die zwei mageren Äcker samt der Hütte, und wir brachen auf zur Stadt. Dort hatten wir ein geringes Auskommen, der Frauen wegen, die nach der Mutter riefen, wenn es Waschtag war und wenn es zu flicken galt. Das war in meinem achten Jahr, wenn ich mich recht erinnere. In der Not suchte ich nach Arbeit, die ich leisten konnte, denn zu Mutters Kummer war ich klein für mein Alter und schmächtig. Aber dafür flink, und das verhalf mir beim Schankwirt zu einigen Groschen. Ich fegte, holte Wein aus dem Keller, und ich begleitete gute Gäste mit einer Fackel zu ihrem Heim in der Nacht.
Der Mann hatte langes graues Haar, das in dünnen Strähnen unter einer speckigen Kappe hervorhing, und seine Kleider sahen aus, als schliefe er darin. Er hatte einen Knappsack bei sich und einen derben Stock, der an der Wand lehnte. Doch irgendwann zog er eine Pfeife hervor und begann ein lustiges Lied zu blasen. Und alles war auf einmal anders... die Kerle klatschten in die Hände oder legten friedlich die Arme um die Weibspersonen, die immer in der Schänke lungerten. Ich hatte solches noch nie gehört, nicht auf dem kleinen Hof vor der Stadt, und auch nicht hier. Mein Ohr wollte sich fast sträuben vor dem fremden Klang, doch meine Füße zuckten im Takt der Gassenhauer, die der Alte zum Besten gab. Da traf mich ein gut gelaunter Stoß vom Wirt, der mich an meine Aufgaben erinnern sollte. Gut gemeint hieß, dass ich mich nur auf dem Boden wiederfand und nicht gleich überschlug - das war so, wenn der Wirt in böser Stimmung war. An diesem Abend hörte ich noch viele Lieder und raue Gesänge, aber ich war trotzdem wie verzaubert, denn der graue Alte dünkte mich wie einer, der über große Macht verfügte. Für gewöhnlich brach noch weit vor Mitternacht Streit aus und Raufhändel wurden begonnen, aber nicht an diesem Tag. Und als es nichts zu tun gab, setzte ich mich auf die grobe Bank vor der Eingangstüre und lauschte dem Singen und Spielen. Es wird wohl so sein, dass ich eingenickt war, denn jemand rüttelte mich an der Schulter und ich hörte in der Dunkelheit ein Kichern. Ich fuhr auf, glaubend, dass man meine Dienste als Fackelträger benötigte, doch jemand sagte "Nur ruhig, Junge, es ist nur der Pfeifer, der einige Schritte in der Nachtluft machen will nach dem Getöse dort drinnen." Und da erkannte ich den abgerissenen Musikanten, der mich forschend aus ganz hellen grauen Augen ansah. Wie es kam, weiß ich nicht mehr, aber ich ging neben ihm durch die Gassen des Städtchens in dieser Nacht und lauschte seinen Erzählungen. Und ich fragte ihn über dies und das und seine Pfeife, und eh wir schieden, hatte er in seinem Sack gewühlt und mir so ein Zauberding geschenkt. "Nimm nur, Junge, es ist nicht meine einzigste und beste, aber sie mag dir vielleicht eine Welt öffnen, in der du leben kannst." Wahrhaftig wurde alles anders seit dieser Nacht. Die Flöte - so hieß das schlanke Wunderding mit rechtem Namen, wie mir der Alte gesagt - widerstand mir nicht lange. Die ersten ungeschickten Misstöne wichen bald klaren und reinen, und die Melodien schenkten mir Wald, Wind, Bach und Tiere. Meine Augen sahen Vogelschwärme über mir ziehen, und sogleich hob ich meine Flöte an die Lippen, um Töne um das Bild zu weben. Den zweiten Teil der Sage lesen Sie hier
Erzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet |