Das Lied - Der BetrugTeil 2 der niedersächsischen Sage |
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Meine Flöte sang für sie den Libellenreigen über dem Teich, wenn alles von Sommersonnengold blitzte, für die Paare jubelten Vögel in einem Rosengarten. Und ich merkte, dass ich Macht besaß, oder vielmehr, dass ich die Macht der Musik nutzen konnte. Hier einen Heller, hier einen Blick aus schönen Augen, und da ein Stück neues Tuch, weil die Hochzeit der Tochter so herzanrührend gewesen war... dann wieder ein Taler, weil die Trauerlieder so erhebend waren. Immer mehr lauschte ich den heimlichen Musikanten ab, wenn ich im Wald wanderte und in den Tälern. Niemand mehr nannte mich den Zündel, weil ich dürr wie ein Kienspan war und überdies rote Haare hatte. Und dann gewann ich dieses Lied, dieses Eine. Ich hatte einen besonders schönen Tannenwald gefunden, der von grüngoldenem Licht durchflutet war. Dicke Moospolster, die wohl in ihrer Üppigkeit der Bettstatt eines Königs gleichkamen, lagen überall, und die vielen herrlichen Lieder wurden alle vom silbernen Klang einer Quelle begleitet. Völlig selbstvergessen begleitete ich das wundervolle Lied dieses Waldes mit meiner Flöte, ich spielte, bis mein Mund so trocken wurde, dass ich beim besten Willen keinen Ton mehr hervorbringen konnte. Dann ging ich zur Quelle, um zu trinken, und wollte gerade das Wasser mit der hohlen Hand schöpfen, als ich ein Wispern vernahm. "Ein Lied ist das andere wert, hör auf das Wasser." Verwirrt betrachtete ich den glitzernden Strahl des Wassers, das aus einem Felsen hervorsprudelte. Und dann war mir, als hörte ich eine Weise klingen... eine, wie ich sie noch nie gehört hatte. Sie sank geradezu in mich hinein, so als hätte ich sie getrunken und nicht gehört. Atemlos hörte ich zu, bis die feinen Töne verklangen, als wären sie nie gewesen. Dann überkam mich eine große Müdigkeit, und mir schwanden die Sinne. Ich erwachte beim ersten Morgengrauen, frierend und wie zerschlagen. Aber immer noch hatte ich dieses Lied im Kopf, und wie von selber zog ich die Flöte hervor und begann die Vögel zu begleiten, die den Tag begrüßten. Dann aber glitt die Melodie in diese zauberische Tonfolge hinein, und bald erklang sie machtvoll. Während ich spielte, ließ ich meine Augen schweifen, und da sah ich etwas so Unglaubliches, dass ich glaubte zu träumen. Denn um mich her hatten sich Tiere versammelt, die still verharrten und lauschten. Hasen, Mäuse, Rehe, Vögel, Füchse... alle in Eintracht nebeneinander sitzend. Ich erhob mich langsam, wobei ich immer weiter blies, und bewegte mich Schritt für Schritt fort von dieser sonderbaren Versammlung. Doch zu meinem allergrößten Erstaunen folgte mir mein Publikum. Sie liefen hinter mir drein, und manche gar um mich her, ganz ohne Scheu und in freundlichster Weise. Das ging bis zum Waldrand, dann setzte ich die Flöte ab. Und da war ein Rascheln und Wuseln, und wie vom Wind zerstoben waren alle geflüchtet. Aber von dieser Stunde an erfuhr mein Handwerk eine Erweiterung, denn ich merkte bald, dass ich durch besondere Töne, die ich einflocht, bestimmte Tiere rufen konnte. So verfiel ich auf den glücklichen Gedanken, gegen gute Taler die Menschen von den Ratten zu befreien. Das schadete niemandem, denn gar die grauen Nager führte ich nur hinfort und ließ sie an weit entferntem Ort aus meinem Bann. Die Menschen in den Städten waren es zufrieden und mein Beutel auch. Bei einem Schneider hatte ich mir ein buntes Wams und ebensolche Kappe machen lassen, damit man mich von weitem erkenne. Und richtig, wenn ich musizierend mich einem Ort näherte, kam mir meist schon eine Abordnung entgegen, um mich zu dingen. Das ging gut und ehrlich vonstatten lange Zeit, bis vor zwei Tagen. Da prellte man mich um den Lohn meiner Arbeit, und es kam zum Streit. Übel zerschlagen schleppte ich mich in diesen Wald, wo ich am Bach meine Wunden auswusch und mich in einer kleinen Höhle niederlegte. Meiner Flöte ist nichts geschehen, nur meine Finger sind noch etwas geschwollen von den Tritten der Betrüger. Aber ich spiele schon wieder, und in wenigen Tagen werde ich zurückkehren in die Stadt. Das wird am späten Abend sein, und meine zauberische Weise wird einen neuen Ton beinhalten, einen der ganz anderes Wild lockt als bisher. Und man wird mich nicht vergessen in dieser Stadt, in Hameln. Zurück zum ersten Teil der Sage hier
Interessantes zum Rattenfänger von Hameln bei Wikipedia Erzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Text und Zeichnung Pressenet Lesen Sie auch Die Fürther Diebes- und Räuberbande
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