DrachenweihnachtEin Märchen aus dem Drachenland |
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Mit glücklichem Summen verschob sie ein wenig die große Felsplatte, die über dem zweiten Höhleneingang an der Decke lag und die ihr als Wärmeregulator diente. Es war wunderbar warm hier drinnen, gerade richtig für ihren Schatz. Ein wenig frische Luft konnte allerdings nicht schaden, wenn auch draußen vor der Höhle die Welt mit Schnee bedeckt war. Dem dämpfenden Effekt des wattigen Belages war es wohl letztendlich zu verdanken, dass sie die Hufschläge erst wahrnahm, als sie praktisch schon vor ihrer Haustüre im Schnee ploppten. Misstrauisch fuhr der gewaltige Drachenschädel herum, die roten Ohrfransen in Richtung Eingang gestellt. Die Hufschläge waren verklungen, aber kurz darauf hörte man ein Schnauben und dann noch ein Geräusch, welches die Drachin veranlasste, sich näher an den Höhleneingang zu bewegen, denn jemand war vom Pferd gestiegen. Nicht ein einfacher "Jemand", sondern einer in Rüstung, denn es hatte wie von Metall gescheppert. Seufzend warf sie einen liebevollen Blick auf ihr Ei und schickte sich an, ihren Kopf aus der Behausung zu schieben. "Nicht schon wieder einer", brummelte sie dabei. Das helle Licht des Tages, das vom Schnee reflektiert wurde, traf die Drachin wie ein Schlag, und so kniff sie für einen Moment die Augen zusammen, bis ihre ovalen Pupillen sich angepasst hatten und zu haarfeinen Schlitzen verengt waren. Was sie dann sah, hätte sie zum Lachen gebracht, wenn Drachen so etwas könnten. Wenn sie etwas erheiternd finden, glucksen sie tief in ihrer Kehle - ein Geräusch, das für jemanden, der mit der Drachensprache nicht vertraut ist, doch sehr verängstigen kann.
"Z...zurück, Bestie! Gebt die Jungfrau heraus, w...wenn dir dein Leben lieb ist!" Diese Worte klangen recht dumpf hinter dem geschlossenen Visier des Menschen hervor und hatten einen regelrechten Glucksanfall zur Folge. Der närrische kleine Mensch in seinem Eisenanzug war nicht in der Lage, sein Schwert zu heben, drohte aber einem ausgewachsenen Drachen. Und dazu einem, der gerade ein Ei pflegte. Er musste wahnsinnig sein, der Kleine. Zumindest war er aber spaßig, und so verließ die immer noch vor sich hinkichernde Drachin die Höhle ganz und setzte sich in den Schnee, brachte ihren Kopf etwas näher an den Wüterich heran und schnippte dann mit einer Klaue den Beidhänder fort. Dieser flog über die verschneiten Tannenwipfel und wurde nie wieder gesehen, jedenfalls nicht in dieser Geschichte. Dann legte sich die mutwillige Drachin in entspannter Haltung nieder und fragte in der Sprache der Menschen (die sie gut beherrscht, wenngleich ihr Akzent doch gewöhnungsbedürftig war): "Was war gleich nochmal Euer Begehr, tapferer Recke?" Nach diesen Worten stand die eisenumhüllte Gestalt so stocksteif im Schnee, als sei sie schockgefroren. Dann aber hob der Mensch den gepanzerten Arm und schob sein Visier hoch, das Ungeheuer fassungslos ansehend.
Über die leuchtend goldenen Augen der Echse legte sich ihr drittes Lid - wie immer, wenn sie gerührt war. Und so kam es, dass ein junger Mann in einer mollig warmen Drachenhöhle saß und sein Leid klagte. Er erzählte von den älteren Brüdern, die ihn - den Bücherwurm und romantischen Träumer - immer mit einer Art gönnerhafter Belustigung behandelt hatten, weil er nicht gut war im Kampf und zu Pferd. Und sich schließlich verliebt hatte in eine, die ihn nicht sehen wollte, und deren Vater nichts hielt von romantischen Versen und Heldentaten. Trotzdem kam ihm der kühne Gedanke, auf Abenteuer auszuziehen, um sich einen Namen zu machen. Die Drachenhöhle habe er nur durch Zufall entdeckt, als er Reisig zum Feuer anmachen suchen wollte, weil er gar zu sehr fror. Es schien ihm da eine gute Idee zu sein, gleich mit den Heldentaten zu beginnen. Mit treuherziger Miene bat er die Drachin um Verzeihung, denn er hatte ja nicht gewusst, dass ihresgleichen so nett war. "Nett!" Das fand sie unerhört, denn wo käme man denn hin, wenn so etwas die Runde machte. Ihre Artgenossen würden mit den Klauen auf sie zeigen und überhaupt - womöglich erwarteten die Menschen Einladungen zum Tee oder dergleichen. Aber der Junge tat ihr leid, denn wie sie wusste, hielten die Menschen große Stücke auf das, was sie Liebe nannten. Es war nicht viel anders als das, was die Drachin für ihr Kleines fühlte, das noch in seiner Schale lag, und deshalb machte sie dem unglücklichen Möchtesogernhelden einen Vorschlag.
Diesen Schild, der aus einer einzigen Drachenschuppe bestand, hatte er sich errungen. Wie das vor sich gegangen war, musste ja nicht genau erzählt werden, hatte die Drachin mit mutwilligem Glanz in den Augen gesagt. Solch einen Schild hatte niemand, und wenn das nicht ausreichte, um als Held nach Hause zu kommen, dann reichte gar nichts aus. Und so machte er sich auf den Weg zu Tal, denn in einem Tag konnte er zu Hause sein - gerade recht zum Weihnachtstag. Seine Geliebte würde Augen machen, und deren Vater erst... Mit gebogenem Hals beäugte die Drachin die Stelle, wo sie sich die Schuppe herausgezogen hatte. Es würde einige Zeit dauern, bis eine neue nachgewachsen wäre und das Jucken aufhören würde, aber das war es ihr wert gewesen. Zufrieden betrachtete sie ihr Ei, dessen Färbung ihr sagte, dass noch vor dem Mondwechsel ihr Kleines schlüpfen würde. Auf jeden Fall hatte sie schon einmal eine schöne Geschichte zum Erzählen - die Mär vom Ritter, der zu Weihnachten eine Drachenschuppe bekommen hatte. Und bevor sie einschlief, gluckste sie noch ein wenig vor sich hin. Eine Erzählung der Geschwister Schwartz, © Text und Foto: Pressenet Lesen Sie auch Die Sage vom Dreisesselberg
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