Zwei im großen Wald

Eine Geschichte um ein Geschwisterpaar

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Es hatte in letzter Zeit immer weniger zu essen gegeben, und die Geschwister mussten immer öfter hungrig einschlafen. Sie drängten sich dann dicht aneinander und wärmten einander, und wenn es schon spät war und die Eltern es nicht bemerkten, holte sie das Mädchen zu sich ins Bett. Da waren die beiden glücklich, denn dort war es herrlich warm und sie legten die Nasen auf die Haut ihrer kleinen Freundin und seufzten wohlig im Schlaf.

Wenn das kleine Mädchen morgens in die Schule ging, verabschiedete sie sich immer ganz lieb von den Kleinen und sprach leise mit ihnen, bis die Mutter sie endlich aus dem Haus schickte. Aber es kamen immer schlimmere Tage, das Essen wurde immer weniger und auch die Menschen hatten nicht mehr genug. Und dann kam der Morgen, an dem alles sich veränderte, kurz nachdem das Mädchen fortgegangen war.

Mit traurigen Gesichtern nahm der Mann die beiden hoch und steckte sie in eine große Kiste. Das war etwas ganz Neues und es gefiel ihnen gar nicht, denn es war dunkel und sie wussten nicht, was vor sich ging. Die Kiste wurde getragen und dann aufgestellt und festgemacht, dann ging es schwankend weiter. Es roch nach dem Ding, das die Menschen "Fahrrad" nannten und neben dem die Kleinen gern ein Stück hergelaufen waren, wenn die Menschen damit fuhren. Das war etwas Bekanntes, und so schliefen die Geschwister bald ein bei dem gleichförmigen Geschaukel.

Aber bald wurden sie wach, denn die Kiste bewegte sich wieder und dann gab es einen Stoß, als sie auf den Boden gestellt wurde. Dann waren Schritte zu hören und das besondere Quietschen, das dieses "Fahrrad" machte. Beklommen fingen die ängstlichen Kleinen an zu weinen, dann stießen sie an den Deckel ihres Gefängnisses, und dieser gab ganz leicht nach.

Beagles-Welpen
Ein Reh, das des Weges kam zu dieser recht frühen Stunde, beäugte misstrauisch das Ding, das da am Waldweg stand und mit Sicherheit nicht hergehörte. Neugierig blieb es stehen und sah, dass aus dem Ding etwas herauskullerte - etwas, das doch sehr nach Mensch roch, und so gab das Tier eiligst Fersengeld. Die zwei Ausbrecher waren erstaunt über das, was sie außerhalb der Kiste fanden, einen so interessanten Ort hatten sie noch nie gesehen und vor allem noch nicht beschnüffeln können. Warmer Waldboden, ganz neue Geräusche und tausende von Düften.

Einige Zeit lang vergaßen sie sogar ihren Hunger, aber bald kniff der sie wieder in die Bäuchlein und so machten sie sich auf, um etwas zum Essen und vor allem das Mädchen zu finden, denn die würde doch ganz sicher auf sie warten - doch so sehr sie auch suchten, sie fanden ihren Geruch nicht. Sie stießen auf einen kleinen Bach und so war der Durst schnell gestillt, aber hungrig waren sie immer noch, und so liefen sie weiter und weiter. Das graue Band, das neben dem Unterholz herlief, roch nach den Dingen, die sie von den Menschen her kannten, und so folgten sie ihm, bis sie zu einem Haus kamen. Rechts und links davon waren Bäume und Büsche, aber hinter der Tür musste es etwas zum Futtern geben, denn das konnten die kleinen Nasen riechen. So eilig sie konnten, strebten sie darauf zu, als plötzlich ein Mensch vor ihnen stand.

"Na, das sind aber liebe Hundchen...", meinte er, als er die Geschwister hochhob und durch das Tor in das Gebäude trug. Drinnen setzte er den beiden schnell einen Blechnapf mit herrlichen Resten vor und beobachtete sie dann beim Mampfen. Die mittelgroße Schüssel war so gar keine Herausforderung für die Kleinen, und so dauerte es nicht lange, bis zwei kleine Hunde satt und müde von ihrem Abenteuer einschliefen. Die Hündin hörte im Halbdämmer den Menschen sprechen - er sprach mit so einem Ding, das er mit sich herumtrug, so wie das die Menschen zu Hause auch oft taten. Und wenn sie auch nicht verstand, was gesagt wurde, gab es ihr doch ein sonderbares Gefühl, so als müsse sie fortlaufen.

"Zwei Stück sind es, noch ziemlich jung - ein halbes Jahr vielleicht. Wie? Ich füttere sie noch ein wenig raus, sie sind zu mager und werden kaum was bringen. Die wollen gesunde Hunde. Na, so zwei Wochen, dann kannst du sie holen kommen." Der Bruder hatte tief geschlafen und nichts davon mitbekommen, aber die kleine Hündin war misstrauisch geworden. Sie wollte nach dem Aufwachen gleich wieder das Häuschen verlassen, aber der Mensch ließ sie nicht hinaus. Nicht, dass er unfreundlich gewesen wäre, das wohl nicht. Allerdings war er auch nicht nett zu den beiden, und so etwas wie Streicheln gab es schon gar nicht. Nur gutes Futter bekamen die zwei, und das sehr reichlich.

Das Hundemädchen hielt sich sehr zurück beim Fressen, denn irgendetwas daran missfiel ihr gründlich. Ihr Bruder hatte diese Bedenken kaum, er schlug sich den kleinen Wanst voll, wann immer er konnte. Und so kam ein weiteres Gespräch zustande - eines, das einen bedrohlicheren Ton hatte als das erste.

"Die kleine Hexe hat noch nicht richtig zugenommen, aber den Rüden kannst du holen. Bring das Geld mit." Obwohl der Bruder nichts von einer Gefahr hören wollte, nahm sich das Beaglemädchen vor, sehr gut aufzupassen, denn sie fühlte, dass bald etwas passieren würde. Und tatsächlich hörte man am nächsten Morgen ein Auto kommen, dem ein anderer Mann entstieg. Und ohne viel Federlesens griff dieser nach dem Brüderchen, packte es grob am Nackenfell und steckte es unter dem Gelächter seines Freundes in einen Korb, dessen Deckel er zuschlug. Dann steckte der Grobian dem Mann etwas in die Hand, was diesem offenbar Freude bereitete.

Aber da handelte das Schwesterchen, denn sonst würde es - das spürte sie genau - böse ausgehen. Mit einem Satz sprang sie zu dem unfreundlichen Kerl mit dem Korb und zwickte ihn, so fest sie konnte, in den Knöchel. "Verdammt, die Töle hat mich gebissen. Tu was!", brüllte der und hüpfte auf einem Bein im Kreis. Der Korb polterte zu Boden und der Gefangene schoss heraus, nicht ohne seine Zähne in den noch unversehrten Fuß zu schlagen. Der andere Mann hatte fassungslos zugesehen und sah sich dann nach einem Knüppel oder sonst etwas um, aber er hatte zu viel Zeit mit Glotzen vertan.

Beagles können sehr, sehr schnell rennen, wenn es sein muss - und diese beiden Exemplare standen gut im Futter und waren jung. Sie wussten außerdem sehr genau, wo sie hinwollten, und so verging nicht allzu viel Zeit, bis sie wieder vor der Kiste standen, in der sie hergebracht worden waren. Und als sie verzweifelt den warmen Waldboden abschnüffelten, um vielleicht noch einen Hauch vertrauten Geruches wahrzunehmen, hörten sie Rufe. Rufe die ihnen genau so bekannt waren wie Gerüche, denn es waren ihre Namen, die sie hörten: Hänsel und Gretel. Und begeistert antworteten sie in ihrer eigenen Sprache.

Fremde Leute hätten nichts weiter als zwei bellende junge Hunde gehört, aber diese Menschen, die da in den Wald gelaufen kamen, hörten etwas Besonderes. Und dann wälzten sich plötzlich zwei Hunde und ein Mädchen auf dem Boden und quietschten und jaulten und lachten, während ein Mann betreten aber glücklich zusah.

"Ich hab's dir doch gesagt, Papa, sie werden hierher zurückfinden. Auch wenn es lange dauert." Das Mädchen hatte es dem Vater und der Mutter verziehen, was sie in ihrer Not getan hatten, aber sie wollte wissen, wo die Hunde ausgesetzt worden waren und hatte darauf bestanden, jeden Tag hierher zu kommen, um nach ihnen zu suchen. Der Vater hatte wieder Arbeit gefunden, aber heute am Sonntag war er auch mit in den Wald gekommen, weil es ihm sehr sehr Leid tat, was geschehen war.

Als dann später am Tag eine ebenso glückliche Mutter zwei bis zum Rand gefüllte Futternäpfe vor Hänsel und Gretel stellte, wussten die zwei, dass alles gut werden würde... und sie freuten sich auf die Nacht, die sie ganz bestimmt nicht in ihren Körbchen verbringen würden, wenn sie vom Zwinkern des Mädchens ausgingen.

© Text: Eine Erzählung der Geschwister Schwartz für Pressenet

© Foto der Beagles-Welpen: Petra und Lutz Lehmann (Beagleclub Deutschland e.V.) www.sarrer.de

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