Der Handschuh - Im Sand der Arena

Vom Missbrauch einer Liebe

Der Handschuh

Das Spectaculum wird bald beginnen, und noch suchen einige Säumige nach Plätzen. Der Edelmann drängt sich durch die Menge, schiebt hier einen Pagen zur Seite und grüßt da knapp einen Gleichgestellten, aber sein Blick sucht ständig den Balkon neben der Königsloge. Noch ist niemand zu sehen, aber sie wird kommen, das weiß er.

Mit höflichem Lächeln neigt er den Kopf nach allen Seiten, er erwidert hier und da eine Verbeugung und strebt stetig vorwärts. Da erreichen ihn die Rufe einiger Freunde, die ihn zu sich an das Geländer winken, das direkt neben dem Balkon ist und einen guten Blick auf das Geschehen in der Arena erlaubt. Erleichtert gesellt er sich dazu und wechselt einige artige Worte, lächelt über die spaßigen Bemerkungen des einen oder anderen, der dem Wein schon zugesprochen hat.

Bei der Sache ist er nicht, seine Gedanken kreisen um die leeren Stühle in seiner unmittelbaren Nähe und um nichts anderes sonst. Er hat ihr ein Geschenk gesandt, ein kleines Tuch aus diesem zarten Gespinst, das man in Arabien webt und das fast durchsichtig ist - vielleicht trägt sie es heute, das wäre ein Zeichen für ihn. Da geht ein Raunen durch die Menge, und die Damen der Königin, zu denen sie gehört, erscheinen endlich. Wie sie das Kinn hebt, wie sie ihre Augen gelangweilt über die Menge schweifen lässt - er will für immer ihr Diener sein, wenn ihr Blick nur einen Herzschlag lang bei ihm verhält - doch sie nimmt ihn nicht wahr oder gibt es zumindest vor.

Die Königin hat sich in die Loge begeben und die Hofdamen lassen sich alle auf dem Balkon nieder. Das ist das Zeichen - der König hebt die Hand und das Schauspiel beginnt endlich. Bevor die versprochenen Bestien zu sehen sind, hüpfen Spaßmacher und Akrobaten umher und treiben allerlei Unfug. Das alles dringt nicht zu ihm durch, er merkt auch nicht, dass seine Freunde sich grinsend gegenseitig anstoßen, verstohlen auf ihn zeigen und dann wieder auf den Balkon - es wäre ihm wohl auch gleichgültig.

Sie wendet ihm ihr zartes Profil zu, ihre gesenkten Wimpern werfen Schatten auf ihre Alabasterhaut, und obwohl sie ihn keines Blickes würdigt, greift sie in ihren Ärmel und zieht ein Tüchlein aus Gaze hervor, das sie gedankenverloren durch ihre Finger gleiten lässt. Sein Geschenk ist es - sie hat es angenommen und lässt es ihn so wissen. Er glaubt, dass sie - oder jeder andere hier - den rasenden Schlag seines Herzens hören müsse, denn es klopft so wild, als wolle es das Wams sprengen. Die Rufe der Menschen, die gleichzeitig Faszination und Schrecken ausdrücken, weil die schweren Gitter in der Arena geöffnet wurden, nimmt er nicht wahr. Er ist vollständig gefangen vom Anblick der Schönen, die nicht einmal den Kopf in seine Richtung dreht, aber dieses kleine Tuch in ihren kleinen weißen Händen dreht und wendet.

Ein Aufschrei dringt zu ihm durch und er blickt um sich, die Menge ist gebannt von dem Schauspiel auf dem tief gelegenen Kampfplatz, denn zwei mächtige gestreifte Katzen attackieren einander mit wuchtigen Tatzenhieben. Das Fauchen und Schreien der Tiger füllt die Arena, als ein weiteres Fallgitter hochgezogen wird und ein großer Mähnenlöwe über den Sand schreitet.

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Ein weiches und spöttisches Lachen dringt an das Ohr des Edelmannes, er sieht hoch und einen Augenblick begegnet er den Veilchenaugen der unverkennbar verärgerten Schönen, die wohl bemerkt hat, dass er für kurze Zeit von ihr abgelenkt war. Sie schenkt ihm ein kurzes, süßes Lächeln und wendet sich dann zu einer der Zofen um, der sie das kleine Tuch übergibt. Das Mädchen reißt die Augen auf über das fürstliche Geschenk, tut einen kleinen Schrei und knickst immer wieder vor Freude und Dankbarkeit.

Dann zeigt die Schöne mit unverkennbar gelangweilter Miene wieder ihr Profil - nur die bebenden Mundwinkel verraten die Freude über die gelungene Bestrafung des unaufmerksamen Verehrers. Der steht starr, so als hätte man einen Zuber mit eiskaltem Flusswasser über ihn geleert. Er ist hin- und hergerissen zwischen brennender Wut und der kalten Angst, seine Angebetete könnte ihn für immer missachten.

Unten in der Grube umkreisen sich die Raubtiere, die beiden Tiger weichen dem Löwen noch aus - aber es kann jeden Moment zum Kampf kommen. Beide Kämpfe - der im Sand wie der auf dem Balkon - haben ihr Publikum. Die dem Ritter am nächststehenden Freunde haben wohl bemerkt, dass etwas geschehen ist, der Edle steht mit totenbleichem Gesicht wie versteinert und mit geballten Fäusten. Am Hof ist das Katz- und Mausspiel, das die kühle Hofdame spielt, längst kein Geheimnis mehr, es ist ein großer Teil des täglichen Klatsches geworden. Die Zuschauer starren atemlos zu den Raubkatzen hinunter, dann hebt der König wiederum die Hand und ein Bär wird in das Rund getrieben.

Jetzt ist alles verändert, fauchend und grollend weichen die Katzen zurück, während der pelzige Riese sich auf die Hintertatzen stellt und mit pendelndem Kopf seine Gegner auszumachen sucht. Die Luft zittert wie von unsichtbaren Blitzen, atemlos verharrt die Menge in Stille. Von all dem sieht der Ritter nichts, er fechtet einen Kampf aus - einen, der sich in aller Stille in ihm abspielt, aber ihn selber zu zerreißen droht.

Da geschieht etwas Sonderbares - der Anspannung nicht mehr gewachsen legen sich die mächtigen Tiere in einiger Entfernung voneinander nieder, mit bebenden Flanken und halb geschlossenen Augen. Mit vorgerecktem Hals sieht die Dame in die Arena, ihre geschürzten Lippen verraten ihren Unmut - mit zierlicher Bewegung zieht sie ihren seidenen Handschuh aus und hält ihn einen Augenblick hoch. Die Bewegung wurde bemerkt, die Zuschauer richten ihr Augenmerk auf den Balkon.

Plötzlich öffnet die Schöne ihre Finger und der Handschuh fällt - fällt in den Sand der Arena. Die Tiere schrecken auf, beäugen von ihrer Position aus das neue unbekannte Ding. Da neigt sich die Dame über das Geländer des Balkons, richtet ihren Blick auf den Ritter und sagt mit süßer Stimme: "Wollt Ihr mir nicht meinen Handschuh zurückholen, mein Herr, da Ihr mir doch Eure Liebe versichert zu jeder Stunde? Wenn Ihr mir Eure Neigung so beweist, werde ich mich dankbar zeigen." Fiele einer Dame eine Perle aus den gesteckten Locken, so würde man es hören, so still ist es auf einmal.

Mit gesenktem Blick neigt der Angesprochene den Kopf in galanter Manier, dann schwingt er unter den ungläubigen Augen der Dame elegant über das Geländer. Mit leichtem Schritt geht er auf die Mitte der Arena zu und hebt das kleine Ding mit spitzen Fingern auf, ebenso leichtfüßig begibt er sich zum Geländer und zieht sich mit etwas Hilfe seiner Freunde hinauf. Dann zieht er sein Wams zurecht und tritt vor die Hofdame, die sich in den Beifallsrufen der Umstehenden sonnt und huldvoll die Hand ausstreckt, um ihren Handschuh entgegenzunehmen.

Mit einem Lächeln streckt er die Hand aus, die errötende Schöne legt ihm mit niedergeschlagenen Augen den zweiten Handschuh hinein. Und immer noch mit einem Lächeln knüllt der Ritter die beiden zusammen und wirft dann mit einer Kusshand den seidenen Ball der gleichen kleinen Zofe zu, die schon das Tuch empfangen hat. Noch eine Verbeugung - und unter Beifall und lautem Gelächter wendet er sich ab, um seinen Platz wieder einzunehmen, wo man ihn schulterklopfend empfängt.

Der Kampf ist gewonnen, nicht nur für diesen Tag, sondern für alle. PR

Anmerkung: "Der Handschuh" ist eine der bekanntesten Balladen Friedrich Schillers aus dem Jahr 1797. Die Ballade ist als wahre Geschichte überliefert.

© Text zur Sage "Der Handschuh": , 2009. Das Gemälde zeigt König François I. von Frankreich, gemalt von François Clouet im Jahre 1540, Lizenz: gemeinfrei

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