Der Mäuseturm zu Bingen |
|
|
Aktuelles |
Vor langer Zeit, etwa um das Jahr Tausend herum, lebte ein sehr ehrgeiziger Mann von nicht eben angenehmen Wesen in dieser Gegend. Sein Name war Hatto, und er war dem Wohlleben sehr zugetan und schielte auch begehrlich auf hohe Stellungen und Macht. Dabei hielt er es nicht unbedingt mit christlichen Tugenden wie Demut oder Mitleid, was ihm beim Volke nicht gerade beliebt machte. Die Bettler spuckten und fluchten hinter seiner Sänfte her, denn niemand hatte von Hatto auch nur eine Kupfermünze gesehen. Durch Beharrlichkeit, Schmeicheleien und manchem intriganten Schachzug war es dem Ehrgeizling schließlich gelungen, zum Erzbischof der Stadt Mainz berufen zu werden - eine Stellung, in der niemand als armer Mann starb. Die reichen Pfründe waren für eine geschickte Krämerseele wie Hatto ein schier unerschöpfliches Füllhorn, und wenn er schon vorher in Luxus und Überfluss schwelgte, so trieb er nun solchen Aufwand und Prunk, dass man glaubte, in den Gemächern des Heiligen Vaters zu Rom zu stehen. So gingen einige Jahre ins Land, in denen sich der Reichtum des Bischofs mehrte, ebenso wie seine Speichellecker und Schranzen - denn wenn es um sein Wohl ging, war Hatto nicht so sehr vom Geiz gebeutelt wie sonst und investierte klug in Parteigänger. Die Hofhaltung des Erzbischofs war fast sprichwörtlich geworden, ebenso wie sein hartes Herz, und viele Menschen hatten Grund, die Strafe des Himmels auf Hatto herabzurufen, denn wer ihm nichts nutzen konnte, der galt ihm nicht viel.
Es gab kaum noch etwas zu ernten und das Volk begann zu hungern, denn das Wenige, das es zu kaufen gab, kostete den mehrfachen Preis. Hatto begrüßte händereibend die Missernten, denn sein gelagertes Getreide schlug er zu Wucherpreisen los. Nun war bekannt, dass der Erzbischof über wohlgefüllte Speicher verfügte, und täglich sah man mehr Hungernde vor den Toren seines Bischofssitzes. Mit diesen Elenden ging die Wache nicht gerade zimperlich um auf Hattos Geheiß, denn die verzweifelten Menschen galten ihm nicht mehr als Schädlinge, die an seinem Reichtum teilhaben wollten. Doch als es täglich mehr wurden, die um Brot schrien vor des Erzbischofes Toren, reichten Stock- und Peitschenhiebe nicht mehr aus, um die Flehenden zu vertreiben. Es kam der Tag, an dem die Lanzenträger kaum Platz zum Dreinhauen hatten, denn die Menschen vorm Tor konnten nicht weichen, da immer weitere auf den Platz drängten. Da erschien des Bischofs Herold und verkündete, er werde das Tor öffnen lassen, denn in seiner Herzensgüte habe Hatto in der großen Scheune Getreide für die Leute bereitstellen lassen. Da priesen die Hungrigen Gott und rannten alle durch das offene Tor und in den Innenhof, sie drängten zum bezeichneten Ort und stürmten hinein. Darauf hatten die Wachen des Erzbischofs gewartet, denn als die Letzten in der großen Scheune verschwunden waren, schlossen sie flugs die Tore und verkeilten sie. Drinnen riefen und schrien die nun gefangenen Menschen, aber Hatto senkte den Kopf als Zeichen für die Soldaten, die daraufhin Brände legten. Und während große Flammen zum Himmel loderten und Schreie der Qual ertönten, meinte der mit schiefgelegtem Kopf lauschende Hatto, dass er die Kornmäuse quieken hören könne. Mit hartem Lachen begab er sich dann in seine prunkvollen Gemächer, um zu schlafen. Doch seine Ruhe wurde gestört, denn sobald er die Augen schloss, hörte er leises Pfeifen wie von Mäusen. Als er dann auf seiner seidenen Bettdecke huschende Füßchen verspürte, fuhr Hatto mit einem wilden Schrei auf und schrie nach Licht.
Aber die Mäuse hatten sich im ganzen Gebäude und sogar im Hof verteilt, es war ein grausames Piepsen und Quieken, dass der Hofstaat Hattos glaubte, die Schädel müssten bersten. Und die meisten Nager hielten sich um die Person des Erzbischofs auf, sie sprangen ihn an und bissen ihn mit ihren spitzen Zähnchen, sie waren nicht zu vertreiben und kamen immer wieder. Die meisten Gefolgsleute ergriffen die Flucht, denn sie vermuteten die Strafe Gottes sei über ihren Herrn gekommen. Dieser schien diese Auffassung zu teilen, denn zitternd und weinend bat er abwechselnd Gott und die Mäuse um Vergebung. So kam es, dass eine Handvoll Getreuer den sabbernden und hysterisch lachenden Hatto auf einen Kahn führten und ihn zu dem leerstehenden Turm im Strom brachten. Doch kaum hatte das Boot abgelegt, stürzten sich Hunderte von Mäusen in den Rhein und schwammen hinterher. Schreiend und klagend flüchtete Hatto in den Turm und kauerte sich zusammen, nach Gnade und Vergebung wimmernd. Doch selbst die schwere Tür des Raumes unter dem Dach hielt die Rächer nicht auf, sie drängten sich durch die kleinsten Ritzen und füllten das Turmzimmer aus. Die entsetzten Begleiter, die nun endlich flohen, hörten markerschütternd schrille Schreie aus dem Turm dringen... dann nichts mehr. Die Schar der kleinen grauen Nager hatte Gottes Gericht an Hatto vollzogen - dem Mörder, dem verzweifelte Menschen nicht mehr als Kornmäuse galten. Und seit dieser Zeit nannte man den Turm den Mäuseturm zu Bingen. Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet Lesen Sie auch Die Geschichte vom Harnisch und der Jungfer Agnes
Urlaubziele in Rheinland-Pfalz findet man bei www.urlaub99euro.de |