Die Geschichte vom Harnisch und der Jungfer Agnes

Die Burg Eltz liegt am gleichnamigen Fluss, kurz bevor dieser in die Mosel fließt. Viele Legenden ranken sich um die stolze und schöne Feste, und eine davon ist die vom durchschlagenen Harnisch und der Jungfer Agnes.

Vor langer Zeit hatte einer der Grafen von Eltz nebst einigen Söhnen eine Tochter mit Namen Agnes. Diese war ein hübsches und kluges Mädchen und der Stolz ihres Vaters, wenn er auch wünschte, dass sein Augapfel etwas mehr den Tugenden einer gottesfürchtigen Jungfrau zugeneigt wäre, und mehr Zeit in der Kemenate bei der Mutter und deren Damen verbringen möge, denn Agnes war ein Wildfang, der das Klettern und Raufen spannender fand als Stickrahmen und Docken.

Die Brüder liebten ihre Schwester und konnten ihr nichts abschlagen, wenn sie sich an ihre Fersen heftete - und so kam es, dass das Mädchen kaum schlechter reiten und raufen konnte als sie. Als sie zur Jungfrau heranwuchs, nahm man sie sehr in die Pflicht, so dass sie es den anderen Maiden auf der Burg im höfischen Aufwarten und feinem Gebaren wohl aufnehmen konnte und ihre temperamentvollen Ausbrüche wohl im Zaume hielt.

Nun war sie von ihrem Vater, dem Grafen, schon in der Wiege versprochen worden, wie es Brauch war zu jener Zeit. Solch Verlöbnis entstand meist aus politischen Interessen oder um den Reichtum zu mehren, vielleicht zuweilen auch aus alten Freundschaften und zusammen geleerten Bechern. Des Vaters Wahl war auf den um ein weniges älteren Junker von Braunsberg gefallen, welcher ihm in mancherlei Hinsicht eine gute Wahl dünkte.

Bei den seltenen Besuchen der Braunsberger auf Eltz hatte Agnes dem Knaben nichts abgewinnen können - er erschien ihr fad und mürrisch, starrte auf seine Schuhspitzen und war zu keinem Spiel recht zu gebrauchen. Ihre Brüder behandelten den kleinen Braunsberger als ihresgleichen, doch dieser hielt sich abseits und wollte nicht recht mittun.

In den Jahren, die verstrichen, gefiel Agnes der Junker nicht besser, er hatte seine kühle Art nicht abgelegt und war recht hochfahrend geworden. Solchen, von denen er dachte, dass sie unter ihm stünden, gab er weder ein freundliches Wort noch mehr als einen kalten Blick - und denen, die über ihm standen, begegnete er mit ausgesuchter Höflichkeit und Schmeichelei. Außerdem war sein Äußeres nicht dazu angetan, das Herz Agnes zu gewinnen. Zwar von ebenmäßiger Gestalt, doch kalten Blickes und mit flinken und abschätzenden Augen war der Jungfer seine Gegenwart unangenehm, und sie machte keinen Hehl daraus.

Ihr Vater schob ihre Klagen über diese Verlobung mit einer Handbewegung beiseite, ebenso ihre Drohung, eher den Schleier zu nehmen als den Braunsberger zu heiraten. Ehen wurden von den Eltern arrangiert, und wegen einer Mädchenlaune wollte sich der Graf nicht von lange gefassten Beschlüssen und Verträgen abhalten lassen.

Zum Zwecke der öffentlichen Verlobung nun wurde auf der Burg ein Fest ausgerichtet, und neben den Braunsbergern war alles, was über Rang und Namen verfügte, geladen. So kamen auf Eltz viele junge Adlige zusammen und bei Musik und Tanz kam rechte Festfreude auf. Agnes verdrängte den Zweck des Balles, lachte und tanzte mit den Junkern und Grafen und freute sich der Gesellschaft der jungen Leute. Der Braunsberger, dessen Sache weder Fröhlichkeit noch Tanz waren, beobachtete das Treiben mit schmalen Augen und fühlte sich übergangen und gedemütigt. Statt Sarabanden zu tanzen, hielt er sich an den Burgunder, der ihn in einen Zustand der Selbstgerechtigkeit versetzte und seine Wut schürte.

So kam es, dass er sich in einer Tanzpause seiner Verlobten näherte und sie ohne viel Federlesens an sich presste und küsste. Da riss sich Agnes los und versetzte dem Junker eine so kräftige Ohrfeige, dass dieser zurück taumelte. Hocherhobenen Kopfes verließ die Grafentochter den Ballsaal, während hinter ihr alles still wurde. Der jäh ernüchterte Junker sah mit wilden Blicken um sich und fand sich als Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. Da stieg ihm eine mörderische Wut zu Herzen, und er zog seinen eleganten Handschuh aus, um ihn dem Grafen von Eltz vor die Füße zu werfen.

In der schlagartig einkehrenden völligen Stille drehte sich der Braunsberger um und verließ seinerseits nun den Saal. Kurz darauf hörte man Hufgetrappel, als er mit seinen Männern abzog. In den Tagen danach war man auf Eltz in stetiger Alarmbereitschaft, fürchtete man doch einen Überfall des Junkers. Doch als nichts weiter geschah, auch keine Nachrichten kamen und auch keine Boten, beruhigte man sich und nahm den normalen Tagesablauf wieder auf. Der Graf gewöhnte sich an den Gedanken, einen neuen Freier für seine Tochter suchen zu müssen, und Agnes war erleichtert, wenn auch etwas zerknirscht.

So vergingen Monate, in denen alles ruhig verlief, bis der Graf mit seinen Söhnen in Pachtangelegenheiten für drei Tage die Burg verließ. In der zweiten Nacht aber tönte das Signalhorn, das der Wächter hatte noch blasen können, ehe man ihm die Gurgel durchschnitt. Der von Braunsberg hatte mit seinen Soldaten die Mauer erklommen und lieferte sich ein Gefecht mit der schwachen Besatzung, die in der Abwesenheit des Grafen die Burg wahren solllte. Zwar fochten diese tapfer und unermüdlich, aber ein Ende war doch abzusehen.

Langsam wurde die Garde zurückgedrängt von den Männern des Braunsbergers, der sich im Hintergrund hielt, um Schwächen in der Verteidigung auszumachen. Doch da erschien zur Überraschung der Eindringlinge ein weiterer Kämpfer auf dem heftig umkämpften Wehrgang. Mit schnell und tödlich genau geführten Schwertstreichen suchte der sich einen Weg zum Junker von Braunsberg zu bahnen und kam auch unerbittlich näher. Der Junker starrte entsetzt auf das gräfliche Wappen, das auf dem Schild des Angreifers prangte und diesen als Ritter von Eltz auswies, was aber allein schon das gut geführte Schwert tat, denn so kämpfte kein Landsknecht.

Nun sah die Lage anders aus, denn das Erscheinen des Gepanzerten ermutigte die Garde zu weiteren Anstrengungen, und tatsächlich konnten die Männer des Grafen den verlorenen Boden wieder langsam zurück erobern. Der Junker aber, der selber noch keinen Schwertstreich getan hatte, sah sich nun direkt angegriffen, denn zwischen ihm und dem Ritter war nun niemand mehr - unaufhaltsam kam dieser nun auf sein Ziel zu und schwang seine Klinge.

Der Junker, dessen ganze Verschlagenheit sich nun offenbarte, wich langsam zurück und holte im letzten Moment ein Faustrohr hervor, das er hinter dem Schild verborgen hatte und feuerte es ab. Das Bleigeschoss traf den Brustharnisch des Ritters, welcher augenblicklich zu Boden ging. Doch das war der letzte Sieg dieser Nacht für die Mordbuben, denn die meisten von ihnen lagen tot auf dem Wehrgang, und die Überlebenden suchten ihr Heil in rascher Flucht. Sobald der letzte Angreifer tot oder geflohen war, nahm man sich des gefallenen Kriegers an - doch da war jede Hilfe zu spät. Das Blei hatte das Herz unter dem Harnisch getroffen und das Leben ausgelöscht.

Als ein Mann vorsichtig das Visier öffnete, fuhr er mit einem Aufschrei zurück, denn es war das bleiche Gesicht der Jungfer Agnes, das zum Vorschein kam. Sie hatte, des Kämpfens nicht unkundig durch die Übungen ihrer Kindheit, die Rüstung eines ihrer Brüder getragen und den Kampf gegen die Angreifer aufgenommen.

Große Trauer war da und große Bewunderung für die heldenhafte Maid, die sich in allem ihrer edlen Familie würdig erwiesen hatte.

Der Junker von Braunsberg aber, den vielleicht die Reue plagte, der verließ das Land und wurde nie wieder gesehen.

Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet und Mobihexer

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