Das Mädchen NachtigallNach einem Märchen von H. C. Andersen |
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Irgendwie fand jeder den Weg zu ihr, ob es nun auf einer Studentenfete war oder im Hörsaal, im Freibad oder in der Mädchen-WG, in der sie wohnte. Fast jeder Freund, Bekannte oder die Freunde der Freunde und Bekannten war irgendwann einmal an ihrer knochigen Schulter gelandet, bildlich gesprochen. Sie stand in irgendeiner Ecke herum, ein Glas in der schmalen Hand und beobachtete die ausgelassenen Leute, wenn es eine Feier gab, lächelte vor sich hin und war fast unsichtbar in all dem Trubel. Aber irgendwie endete es meist so, dass ein schluchzendes Mädchen oder ein tieftrauriger Junge bei ihr saß und den Kummer ausbreitete. Das ging wunderbar, denn sie sagte lange Zeit nichts und hörte einfach zu, die Augen aufmerksam auf ihr Gegenüber gerichtet. Ganz am Schluss, wenn ihr "Klient" erschöpft schwieg, sagte sie einige tröstende Worte mit ihrer wunderschönen Stimme. Und das machte es irgendwie gut für den anderen, der da vor ihr saß. Wer mit ihr gesprochen hatte, sah sie nicht gleich wieder, denn man musste sie suchen.
Irgendwann redete sie mit ihm, und er war erstaunt über diese wunderbare Stimme und über die Worte, die sie sagte. Noch niemals hatte jemand so mit ihm gesprochen. In den nächsten Tagen suchte er nach ihr, fand sie auch und verbrachte viel Zeit mit ihr. Wenn sie in seiner Nähe war, fühlte er sich gut, fühlte sich sicher. Dann rief ihn seine Mutter an - dem Vater gehe es sehr viel besser. Er müsse sich schonen, sicherlich, aber er sei schon wieder zu Hause. Dann ging er zum ersten Mal wieder "unter die Leute", er wurde begeistert empfangen und wie früher umschwirrten ihn seine Trabanten. Die Nachtigall war nicht an seiner Seite, er hatte sie nicht gefragt. Er scheute sich davor, mit ihr gesehen zu werden, sie passte nicht so recht. Er redete sich ein, dass sie sich hier auch kaum wohlfühlen würde, hier unter den anderen. Es gab ein oder zwei Mädchen, die neu waren und die er noch nicht kannte. Sein Ruf war ihm wohl vorausgeeilt, denn eigentlich waren es Türen, die weit offen standen. Attraktive, gut geformte und verdammt interessant gestylte Teile waren das - nur vom Feinsten. Niemand fragte ihn, wo er so lange gewesen war - "irgendwas mit seinem Dad" - das war der Satz, der weitergegeben worden war. Aber jetzt war der Kaiser wieder da und sein Hofstaat umgab ihn, wie er es immer getan hatte. Und er spielte wieder, erhöhte seinen Einsatz und gewann.
Am nächsten Tag ging er zu ihr - sie war nicht mehr da, würde nie mehr da sein. "Sie hat abgebrochen, es hat einen Unglücksfall gegeben in der Familie", sagten ihre Mitbewohnerinnen. Und da erfuhr er ihren Namen - jetzt, da er das erste Mal danach fragte. Und weil er so nett lächelte, bekam er einen Zettel mit der Adresse. In seiner Bude zerriss er sein legendäres Adressbuch mit den vielen, vielen Mädchennamen. Die gesammelten Fotos zerriss er auch, sie erschienen ihm grell, flach und nichts sagend. Dann warf er ein Bündel mit Klamotten und Toilettensachen in die Reisetasche und verließ damit das Haus. Er würde tanken müssen, denn es würde eine sehr lange Fahrt werden. Eine Erzählung der Geschwister Schwartz, © Pressenet Illustration der Nachtigall aus dem Buch "Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas", 1905 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Public domain) Lesen Sie auch Aleister Crowley: Großer Magier oder exotischer Außenseiter?
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