Die Erdmantjes

Eine Legende aus Ostfriesland



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Ebenso lang wie wir Menschen - und vermutlich noch viel länger - gibt es die Erdmantjes. Die leben in großen Stämmen unter der Erde und lassen sich nur selten von den "Großen" sehen, denen sie, so gut sie können, aus dem Wege gehen.

Das Volk dieser kleinen Männchen lebte vor langer Zeit in einem Berg bei der Stadt Leer, dem Plytenberg, wo sie unter ihrem König ein gutes Leben führten. Die Menschen, die in der Gegend wohnten, behandelten die kleinen Nachbarn mit einigem Respekt - und so kam man recht gut miteinander aus.

Zuweilen sahen aufmerksame Fischer die Spuren kleiner Füße am Flussufer, und dann nickten die Menschen und sagten: die Erdmantjes haben wieder Waschtag gehabt. Und wenn dann bei Vollmond auf den Wiesen kleine Wäschestücke zum Bleichen auslagen, sahen die Leute einfach nicht hin - denn man wollte mit allen Nachbarn in Frieden leben - auch mit den Kleinen.

Manches Mal, wenn es bitterkalt war im Winter und die Menschen in den warmen Stuben saßen, hörten sie sonderbare Geräusche vom vereisten Fluss herüber, und dann wussten sie, dass die Erdmantjes Schlittschuh liefen. Wenn in den Scheunen zuweilen ein kleines Maß an Feldfrüchten fehlte, so waren nicht immer die Mäuse dafür verantwortlich, und manche Kuh war schon gemolken, wenn der Bauer des Morgens in den Stall kam.

Das nahm man dem Volk der Erdmännchen nicht weiter übel, denn wer sich gut mit ihnen stellte, dem gelang nach so einem Besuch der Kleinen so manches sehr viel besser als sonst. Sei es, dass Ziegen und Kühe besser Milch gaben, oder dass die Reusen besser gefüllt aus dem Fluss gezogen wurden. Manche Hausfrau ließ das eine oder andere Gute auf dem Fensterbrett liegen, so konnte sie ziemlich sicher sein, dass ihr Garn sich besser verspann und ihre Kinder bei guter Gesundheit blieben.

So teilten sich die Menschen und das kleine Volk ganz leidlich das Land, bis zu jenem Abend, da dem Fährmann zu Leerort etwas Sonderbares widerfuhr. Dieser nämlich saß nach getaner Arbeit gemütlich in seiner Hütte, um den Feierabend zu genießen, als er jemanden rufen hörte. Zwar hatte er sein Tagewerk schon verrichtet, doch wollte er wissen, wer da nach ihm verlangte und ging zum Ufer hinunter.

Da stand nun eines der Erdmantjes und rief tatsächlich nach dem Fährmann. "Fahr over", sagte der kleine Mann, mit grauem Hut und grauem Umhang, und wollte sich nicht abweisen lassen. Seufzend schickte sich der Fährmann an, das Boot loszumachen, um den kleinen Herrn überzusetzen, aber da schüttelte das Erdmantje den Kopf und verlangte durchaus, mit dem großen Fährkahn gefahren zu werden. Schließlich, so meinte der Kleine, wollten ja noch viele andere übersetzen.

Der Fährmann nahm die Mütze ab und kratzte sich am Kopf, denn so sehr er auch in das fortgeschrittene Abenddämmer starrte, sah er nur den einen kleinen Wicht da stehen. Aber da es besser war, die Unterirdischen nicht unhöflich zu behandeln, tat er was das Erdmantje ihn geheißen und machte den Fährkahn fertig.

Als beide nun an Deck standen und er den Kahn losmachen wollte, hob das Kerlchen warnend die Hand und sagte: "Wacht, noch neet." Und da war es dem Fährmann, als höre er aufgeregtes Wispern ringsumher. Dann war ganz feines Getrappel auf Holz zu hören - das ging eine Weile so fort. Und unter dem Gewisper und dem Getrappel sank der Kahn ein gutes Stück tiefer.

Dem Fährmann war nun ein wenig sonderbar zumute, aber er ließ sich nichts anmerken und wartete gespannt. Endlich wandte sich der kleine Graugewandete zu ihm und sagte in bestimmten Ton: "Setz nun über." Und da tat der Fährmann seine Arbeit und fuhr im Dunkeln über den Fluss. Der kleine Fahrgast schwieg in feierlichem Ernst, und außer gelegentlichem leisem Geseufze war auch sonst nichts zu hören.

Der gute Mann nun machte sich seine eigenen Gedanken über das späte Übersetzen. Dass sich einer des kleinen Volkes so offen zeigte, war schon eine recht verwunderliche Sache, denn das war nicht deren Art. Eigentlich ließen sie sich nur dann sehen, wenn es unabdingbar notwendig war. Und dass sie mit den Menschen sprachen, kam vielleicht alle hundert Jahre einmal vor - es musste wohl etwas Besonderes im Gange sein.

Dass die Fähre so tief im Wasser lag, zeigte dem Fährmann mehr als alles andere, dass etwas Bedeutsames geschehen sein musste. Denn dass er mehr als den einen kleinen Fahrgast übersetzte, war ihm gewiss. Doch hütete er sich, dem Erdmantje eine Frage zu dessen Angelegenheiten zu stellen und verrichtete weiter schweigend seinen Dienst.

Endlich war das Ziel erreicht, und als der Fährkahn sicher am Ufer lag, war wieder leises Raunen, Geflüstere und Tappen zu hören, so wie beim Anfang der Fahrt. Und ebenso hob sich wieder das Deck, das so tief im Wasser gelegen hatte. Nachdem das letzte leise Geräusch an Deck verklungen war, trat der kleine graue Mann zum Fährmann und fragte, was er ihm wohl schuldig war. Da meinte der, für gewöhnlich nehme er pro Kopf einen Kreuzer.

Da nickte der Kleine ernst und machte eine Bewegung, worauf auf den Planken ein irdener Topf erschien, der bis an den Rand mit Münzen gefüllt war. Das waren wohl weit über tausend, dachte sich der verwunderte Fährmann und dankte mit einer artigen Verbeugung. Das Erdmännchen aber drehte sich am Ufer noch einmal um und meinte mit trauriger Stimme: "De König ist dod und wi mutten herut." Dann verschwand es, und am Ufer war nichts mehr als das Dunkel der hereingebrochenen Nacht.

So war neben dem guten Lohn auch noch die Neugier des Fährmannes gestillt worden - aber seit dieser Nacht waren die Erdmantjes von Leer verschwunden und sind nie wieder in der Gegend gesehen worden.

Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet

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