Die Sage vom Hungerturm im Schliersee



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Vor Zeiten, so wird erzählt, lebte am Schliersee ein Ritter. Dieser war ein tapferer und auch gläubiger Mann und seiner Gattin sehr zugetan. Man lebte in Frieden am See und liebte einander, und alles stand zum Rechten in der Burg und im Land.

Nun aber rief der Heilige Vater in Rom zum Kreuzzug auf, und die gottesfürchtigen Recken im Land konnten sich der Aufgabe, das Grab Christi zu befreien, nicht entziehen. So rüstete auch der Graf zur Reise über das Meer, um als Kreuzfahrer seinem Gott mit dem Schwert zu dienen.

Dem Burgherrn fiel trotz allen Heldenmutes der Abschied von seinem schönen Ehegespons nicht eben leicht, und er fürchtete um deren Wohlergehen in seiner Abwesenheit. Die Geschäfte waren in die Hand des Schlossvogtes gelegt, der das Vertrauen seines Herrn besaß in allen Dingen. Nun legte der Ritter auch das Wohlergehen seiner jungen Frau vertrauensvoll in die Hände des Vogtes. Unter Verbeugungen gab dieser sein Wort, die Frau wie sein eigenes Leben zu schützen.

Da nun alles auf das Beste bestellt war, konnte der Kreuzfahrer nun Abschied nehmen von Weib und Land und in die Fremde ziehen, zur höheren Ehre Gottes.

In Abwesenheit des Grafen ging nun das Leben auf der Burg recht und schlecht seinen gewohnten Gang. Die Gräfin verließ sich in allen Dingen der Wirtschaft auf den Vogt, der seine Aufgaben ernst nahm, insbesondere das Versprechen, der jungen Frau zur Seite zu stehen.

Er hielt sich, sobald seine Pflichten das erlaubten, ständig in unmittelbarer Nähe auf, um ihrer Wünsche gegenwärtig zu sein. Monate gingen ins Land, und das Gesinde und die auf der Burg verbliebene Garde nahmen den Vogt als ihren Herren, man hatte sich daran gewöhnt. Mit der Zeit nun ruhten die Augen des Mannes in anderer Weise auf seiner Herrin - er war in Liebe zu ihr, die sich nach ihrem Gatten sehnte, entbrannt. Er magerte ab und wurde blass, er schlief des Nachts nicht mehr und schmiedete allerlei Pläne, wie er zum Ziel seiner Wünsche kommen könnte.

Und nach vielen durchwachten Nächten nahm in seinem Kopf ein Plan Gestalt an, den er sogleich mit der gehörigen Sorgfalt umsetzte. So kam es denn, dass nach langen Monaten ein berittener Bote zur Burg kam und in seiner Satteltasche ein Pergament trug, das der Vogt im Burghofe vorlas. Es beinhaltete die traurige Nachricht vom Heldentode des Ritters, der tapfer und furchtlos kämpfend dem Feinde zum Opfer gefallen war. Lange hatte man nichts mehr vom Grafen gehört, so überraschte diese Botschaft niemanden, waren die Befürchtungen nun Gewissheit geworden.

Die Herrin war untröstlich und verließ viele Tage ihre Gemächer nicht, doch als sie einigermaßen erholt war, stützte sie sich noch mehr auf den Burgvogt.

Dieser tat nun alles, um sich vollends unentbehrlich zu machen und brachte es soweit, dass die Dame keinen Schritt mehr ohne ihn tat. Als er sich dann endlich soweit erkühnte, dass er vor ihr auf die Knie sank, um seine Liebe zu gestehen und einen Antrag zu machen, schien es ihr nur richtig, diesen anzunehmen.

Alsbald wurde nun Vermählung gefeiert und aus Respekt dem gefallenen Grafen Bescheid getan mit erhobenen Bechern, während die Dame einige Tränen vergoss. Das Paar lebte in ehelichem Glück einige Zeit ungestört, und alles um sie herum war bestens geordnet.

Dann aber, nicht lange nach der Hochzeit, erwachte der Vogt beim Morgengrauen von Lärm und Aufruhr im Burghof. Da war ein Getöse und Krachen und Geschrei, auf das er sich keinen Reim machen konnte. Noch während er in die Kleider fuhr, meldete ein erschrockener Page, man verlange Zutritt zur Burg.

Auf die Frage, wer sich da so erfreche, schüttelte der bleiche Knabe nur den Kopf und rannte weg. Da ergriff den Vogt eine unheilvolle Ahnung und er begab sich eilends zum Burghof hinunter und ans Tor. Das wurde eben hochgezogen, ganz ohne seinen Befehl.

Und noch bevor er deswegen ein Wort verlieren konnte, ritt eine Schar Bewaffneter in den Hof ein. Und mit Grausen sah der Vogt das gräfliche Wappen auf den Schilden der Reiter, und ohne dass der Vorderste das Visier hob, wusste er wohl, wer da heimgekommen war.

Mittlerweile war die Herrin mit ihren Jungfern im Hof erschienen, um zu sehen, was geschehen war. Die Reiter stiegen nun ab und der Graf - der war es wahrhaftig - sah sich mit grimmigen Blicken um. Wohl hatte er auf der Heimreise lange vor der Burg gehört, was geschehen war in seiner Abwesenheit, und in ihm waren Wut und Zorn übermächtig.

Mit einer Handbewegung wehrte er den Jubelrufen der ihn erkennenden Menschen, dann ging er auf die Dame und den Vogt zu. Ohne ein Wort zu sagen, schlug er mit der gepanzerten Rechten zu, so dass dieser besinnungslos zu Boden fiel. Die Dame schrie auf und sank in die Knie, fassungslos und verwirrt wollte sie sich rechtfertigen und erklären, doch der Ritter hörte sie nicht an. Zwei seiner Männer nahmen die Unglückliche in die Mitte und brachten sie fort.

Als der Vogt die Besinnung wiedererlangte, fand er sich gut bewacht im Kerker. Nach einigen Mühen erfuhr er von der Wache, die Dame sei in ihren Gemächern eingeschlossen und soweit unversehrt. Ungestüm verlangte der Vogt nun, den Herrn zu sprechen, aber umsonst. So ging es lange Zeit, für die Dame wie für den unglückseligen Gefangenen, bis eines Tages der Graf ausrichten ließ, er werde nun beide für immer vereinen.

Unter strenger Bewachung wurden beide nun auf eine kleine Insel im Schliersee verbracht, auf der der Graf in kurzer Zeit einen Turm hatte errichten lassen.

Darinnen nun wurden beide in einiger Entfernung voneinander angekettet, so dass sie sich zwar sehen, aber nicht berühren konnten. In Reichweite waren ein Krug Wasser und ein Laib Brot hingestellt, Nahrung für wenige karge Tage.

Dann schloss sich die schwere Tür des Turmes und sperrte das letzte Tageslicht aus. Und die Türe wurde nicht mehr geöffnet, solange die Gefangenen noch am Leben waren.

Wie der Graf mit seiner eigenen Schuld lebte, ist nicht überliefert, noch ob er jemals Reue zeigte ob seiner Härte.

Das ist die Legende vom Hungerturm, die so oder ähnlich bis heute erzählt wird.

Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet

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