Die Sage vom hockenden Weib |
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Da wo die Dörenther Klippen in das Land ragen, wütete das aufgebrachte Meer in alter Zeit zuweilen bis tief in das Land hinein und forderte so manches Opfer unter den Menschen. Es gab nicht wenige, die ihr Hab und Gut verloren, wenn die See sich über den Strand bis an die Berge warf und mitnahm, was im Wege stand. Am Fuß der Klippen wohnte, so wird erzählt, eine Frau mit ihren Kindern. Sie war wohl eine Witwe, welche die Last und Sorgen für ihre kleine Familie auf ihrem Rücken trug, so gut sie konnte und sich eben recht und schlecht durchschlug. Die Kinder waren noch nicht alt genug, um eine große Hilfe zu sein, gerade dass sie der Mutter einige kleinere Dinge abnehmen konnten. So waren die wenigen Hühner gefüttert und der Wassereimer gefüllt an der nahen Quelle, so dass die Frau sich darum nicht kümmern musste, wenn sie müde vom Tagwerk in die kleine Hütte zurückkam. An einem Tage aber fiel ihr der Weg nach Hause schwerer als sonst. Der Himmel hatte den ganzen Tag eine stete graue Farbe gehabt und kein Lüftchen hatte sich geregt. Dabei war es so drückend schwül gewesen, dass das Atmen schwerer fiel als sonst. Bei der Hütte angekommen, begrüßte sie die älteren Kinder, die sie freudig umarmten und stolz ihr "Tagwerk" vorwiesen. Ein kleineres Mädchen konnte eben laufen und stolperte auf die Mutter zu, die es liebevoll aufnahm und mit ihm zu der grob gezimmerten Wiege ging, in der ein Säugling schlief. Trotzdem alles gut schien und in Ordnung, überkam ein sonderbares Gefühl die Mutter, verstärkt noch durch die Berichte der Kinder, die erzählten, dass die Hühner hatten überhaupt nicht fressen wollen. Die große schwarze Katze lief mit gesträubtem Fell unruhig umher und benahm sich sehr merkwürdig, mit angelegten Ohren starrte sie in die Richtung, in der das Meer lag. Nachdem die Familie miteinander am Tisch gesessen und Brot und Milch gegessen hatte, kam es der Mutter vor, als sei endlich ein Wind aufgekommen und sie trat vor die Tür. Tatsächlich war ein Lüftchen zu spüren, aber das schien stärker zu werden, und von der Küste her kam ein sonderbarer Geruch. Der Himmel war bleiern und schien tiefer zu hängen als sonst, und während die Frau auf der Schwelle stand, wurde der Wind stärker.
Mit einem beruhigenden Wort in die Hütte schloss sie die Tür und lief einige Schritte weit, aber da versanken ihre Füße bis zu den Knöcheln im Schlamm. Da fuhr das Weib zurück und riss die Türe auf. "Das Meer kommt", sagte sie und griff nach dem Kind in der Wiege. Die Größeren wussten, was das bedeutete und nahmen ihre Tücher, stopften sich von dem Brot unter das Leibchen und hüllten die kleine Schwester in ihren Umhang. Das alles geschah recht schnell, doch noch bevor die Mutter und die Kinder aus der Hütte heraus waren, schrie das älteste Mädchen auf und zeigte auf die Türe, unter der Wasser hereindrang. Der unverkennbare Geruch des Meeres war plötzlich in dem kleinen Raum, und ohne ein weiteres Wort verließen die Menschen die Hütte. Durch das fast kniehohe Wasser ging es, mit dem schreienden Säugling und dem kleinen Kind, das sich ängstlich an die Geschwister klammerte. "Nur nach oben auf die Klippen! Bei der heiligen Jungfrau, es kommt diesmal so schnell", dachte die Mutter und trieb die Kinder an. Sie hieß die Geschwister, vor ihr auf dem Weg zu gehen, damit sie die graue Wand des anrückenden Meeres nicht sähen, das bedrohlich nah folgte und sich bäumte. Das Kleinste hatte sie in einer Schlaufe aus ihrem Umhängetuch sicher geborgen, damit sie die Hände frei hatte, um die Kinder, die vor ihr kletterten, zu stützen. Von unten hörte sie ein Krachen und Schleifen und wusste, dass ihre Hütte nicht mehr stand. Die älteren Kinder hatten angefangen zu weinen, es war plötzlich bitter kalt geworden und die schroffen Felsen taten den klammen Händen weh. Aber ohne darauf zu achten, trieb die Mutter an, schob und drängte den Klippenpfad hinauf, der hinter ihr im Wasser versank. Da war unversehens vor ihnen ein Rumpeln - mit einem Schrei riss die Frau die Kinder an den Felsen hinter sich, damit sie von dem herabstürzenden Brocken nicht mitgerissen werden. Aber als der Fels im steigenden Wasser verschwunden war, da standen sie vor dem Ende ihres Weges. Vor ihnen war eine Wand entstanden, die mehr als mannshoch war und vor der dieser Felsen eine Stufe gebildet hatte - die letzte vor der rettenden Platte auf dem Gipfel. Da löste die Mutter ihr Tuch mit dem Kleinsten und hielt das Kind über ihren Kopf, während sie in die Hocke ging und ihren Sohn ansah. Der hob seine beiden Schwestern auf den Rücken der Frau und stieg dann weinend selber hinauf. Auf den schwankenden Schultern der Frau legte er das Kleine sicher in eine Spalte über seinem Kopf und hieß das größere Mädchen, sich am Fels anzuklammern, damit es nicht fortgerissen würde. Er selber legte sich die Arme der kleinen Schwester um den Hals, die sich nach Kräften an ihm hielt. So standen die Kinder halb im Wasser an den Fels gepresst, auf dem Rücken der Mutter, die nur knapp das Gesicht über der Flut halten konnte. Die Mutter trug das Gewicht der Kinder in der Hocke, immer in Gefahr abzurutschen und in die Wasser zu stürzen. Lange Zeit hielt sie sich so, die Augen geschlossen und ihres schmerzenden Körpers nicht achtend. Doch trotz der übermenschlichen Kraft, die sie in dieser Stellung hielt, wusste sie, dass sie es nicht mehr lange aushalten würde.
Ihre Kinder hörten nichts als das Wasser, sie klammerten sich an den Fels und hielten ihre Füße still, um der Mutter nicht wehzutun - nur einmal schien es, als wäre ein Licht um sie her und ein warmer Hauch, aber das mochte ein Gaukelspiel der Sinne sein. Nach langer Zeit - wie lange vermochte keiner zu sagen - zog sich das Wasser zurück. Halb bewusstlos hatten sich der Junge und die Mädchen an die steinerne Wand gedrückt, betäubt von Kälte und Angst. Der Säugling hatte zu weinen begonnen, und die Kinder waren aufgeschreckt. Verwundert sahen sie, dass das Meer soweit gewichen war, dass sie gefahrlos vom Rücken der Mutter steigen konnten, die immer noch in der Hocke verharrte. Mit schmerzenden Gliedern rutschten sie in das nur mehr kniehohe Wasser und wollten die Frau aufrichten - doch sie würde nie mehr eine andere Haltung einnehmen. Ihr Gebet nach Stärke und Kraft war erhört worden und die Gnade Gottes hatte sie in Stein verwandelt. So hatten die Kinder sicher auf einem Felsen gestanden, bis das Wasser schwand. Die hockende Frau ist noch immer auf den Dörenther Klippen zu sehen, und viele Menschen kommen dorthin, um sie zu betrachten. Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet Lesen Sie auch Das Gericht der Tiere
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